Die moralische Wissenschaft

Transgender Warum kommen so viele Biologen und Biologinnen neuerdings zu der Einschätzung, das Geschlecht sei ein Spektrum? Was sagt die These über unsere Gesellschaft aus?
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Die moralische Wissenschaft
Geschlecht als Kontinuum: sind "weiblich" und "männlich" nur Endpole eines Spektrums?

Zurzeit hört man immer wieder, es gebe nicht nur zwei Geschlechter, sondern ein ganzes Spektrum. Die alte binäre Sicht sei gestrig und durch neue Forschung widerlegt. Auch in renommierten Blättern wie Spektrum der Wissenschaft kann man diesen Paradigmenwechsel beobachten. „Gibt es mehr als zwei Geschlechter?“, fragt der Autor Olaf Hiort. Als die WDR-Sendung Quarks im Sommer über Intersexualität berichtete, war im Teaser zu lesen, dass das, was unser Geschlecht ausmache, vielfältig sei („Hormone, Chromosomen, Anatomie, Geschlechtsorgane oder unser Gehirn“). Diese These wurde in den sozialen Netzwerken begierig aufgegriffen. Die Einschätzung, es gebe Variationen - so häufig, dass immer mehr Forscher das Geschlecht als Kontinuum betrachten, auf dem "weiblich" und "männlich" nur die Endpole seien, werden als neuester Stand der Wissenschaft bezeichnet.

Auch andere springen auf den Zug auf. Im Tagesspiegel hat Prof. Voss in einem Artikel am auf Grundlage eines Artikels von 2015 in der Nature eine in sozialen Netzwerken vielfach geteilte Ansicht dargestellt, wonach es mehr Geschlechter gebe, als man meine. Bei Voss hieß es, dass sich die einzelnen Geschlechter nicht voneinander abgrenzen ließen. Anlass für diese These waren nun aber weniger bahnbrechende Erkenntnisse aus neuen Forschungen als eine Neueinschätzung alter Erkenntnisse. Es ist vor allem eine begriffliche Neuorientierung, die den Begriff „Geschlecht“ sozusagen entkernt. Geschlecht ist plötzlich allein, was sich an der Oberfläche zeigt.

Interessant sind in dem Zusammenhang die Diskussionen in den sozialen Netzwerken, wo sich neue gesellschaftliche Entwicklungen früh abbilden. Vor allem auf Twitter werden solche Artikel gerne geteilt und als Beweis für einen Paradigmenwechsel der Biologie diskutiert. Anhänger der neuen Thesen sagen, das biologische Geschlecht in seiner Binarität sei eine willkürliche, soziale Kategorisierung. „Es ist ganz einfach“, war neulich zu lesen: „Menschen sind nicht, was ihre Geschlechtsorgane nahe legen. Menschen sind das Geschlecht, von dem sie euch sagen, dass sie es sind.“ Diese Absage an objektive Kriterien von Geschlecht ist symptomatisch für eine neue Art zu denken. Eine Fokussierung auf Merkmale bildet sich in der spätkapitalistischen Gesellschaft heraus, die die Wissenschaft durchdringt und im Spektrumsgedanken die Entsprechung findet.

Die Oberfläche ist nicht alles

Noch vor wenigen Jahren war es ganz einfach: Das Prinzip der geschlechtlichen Fortpflanzung, das sich im Zuge der Evolution herausgebildet hat, wurde klaglos auf den Menschen übertragen. Dass die Arterhaltung auf der Existenz von Keimzellen beruht, damit bei geschlechtlichen Lebewesen binär ist, dass dieses Prinzip sich in den unterschiedlichen Erscheinungsformen der beiden Geschlechter zeigt, ist zumindest gesellschaftlich wahrnehmbar nicht weiter hinterfragt worden.

Intersexuelle Formen wurden in diese Zweigliederung insofern eingegliedert, als dass sie Ausnahmen einer Regel darstellten, die im Begriff „Geschlecht“ sichtbar wurde. Die Uneindeutigkeit mancher Formen hatte das binäre Prinzip gestützt: Ausnahmen bestätigen die Regel, stellen das Prinzip nicht in Frage.

Im Zuge der neuen Idee eines Geschlechterspektrums jedoch gibt es nicht mehr die Ausnahmen einer Regel. Plötzlich gibt es nur noch Ausnahmen, die nun manchem Biologen als Varianten gelten. Bei der Interpretation von Intersexualität kann man es besonders gut erkennen: stand einst im Fokus, dass die binäre Ordnung zum Zwecke der Fortpflanzung einer gewissen Fehleranfälligkeit unterliegt, werden aus Gendefekten nun unterschiedliche Geschlechter heraus gelesen, die die vorhandenen beiden Geschlechter komplettieren. „Diese Varianten sind jedoch nicht krankhaft, sondern sollten als natürliches Spektrum der Geschlechtsentwicklung verstanden werden“, schreibt Olaf Hiort in der Spektrum der Wissenschaft.

Von Inter zu Trans

Die These vom Geschlecht als Spektrum ist attraktiv. Dass diese neuartige Sicht auf Intersexualität in den sozialen Netzwerken vor allem in links-akademischen Kreisen begeistert aufgenommen und geteilt wird, liegt an ihrem Potenzial, als Bindeglied zwischen Biologie und Geschlechtsidentität zu fungieren. Denn die geschlechtliche Identität hat eine zentrale Stellung im neuen Denken. Doch die weibliche oder männliche Identität ist dem Vorwurf der Beliebigkeit ausgesetzt und wenig greifbar, solange sie gleichsam aus dem Nichts kommt und keine materielle Verankerung besitzt.

Sobald aber das „wahre Geschlecht“ Unterstützung aus der Biologie erfährt, kann es als objektive Größe gelten, die sich nicht weiter legitimieren muss. Diese Verstofflichung lässt sich realisieren, indem man anhand der Intersexualität den Begriff Geschlecht neu definiert und diese neu gewonnene Offenheit auf die Transsexualität überträgt. Immer mehr Twitter-User erklären sogar, dass Transsexualität eine Form der Intersexualität sei.

Das Trans-Spektrum ist so betrachtet eine Weiterentwicklung des Vielgeschlechter-Gedankens. Maßgeblich ist aus dieser Sicht nur noch, was man an der Oberfläche sieht. Optische Merkmale sind – genau wie typisch weibliche und männliche Vorlieben – plötzlich allein relevant, als sichtbare Zeichen des eigentlichen Geschlechts. Da man ohnehin nicht mit letzter Sicherheit wissen könne, welche Gametenart das äußere Erscheinungsbild bestimmt habe, sei das Wissen um das biologische Geschlecht eines Menschen unsicher und daher zu vernachlässigen, lautet eine oft geäußerte Einschätzung auf Twitter. Vielmehr sei der Fokus auf die sichtbare Ebene zu setzen.

Dort gibt es nun graduelle Einteilungen, an dessen beiden Enden aber jeweils die Reinform „männlich“ und „weiblich“ stehen. Diese Grenzen des Regenbogens sind notwendig idealtypisch. Bist du noch Frau oder schon Mann? Indem die biologischen Grenzen scheinbar verschwimmen, lassen sich neue Grenzen aufsetzen, die anderen Gesetzmäßigkeiten gehorchen.

Was ist ein Spektrum?

Doch bleiben wir zunächst bei der Intersexualität, die ein seltenes Phänomen ist. Ihre Seltenheit findet eigenartigerweise im dominierenden Diskurs nie Erwähnung. Vielmehr wird die Fehlentwicklung (die so nicht genannt werden darf) herangezogen, um die prinzipielle Unmöglichkeit einer binären Geschlechterzuordnung festzustellen. Aber sollten Varianten nicht in ähnlicher Häufigkeit auftreten, um „gleichberechtigt“ neben anderen Varianten zu existieren? Bedeutet es auf biologischer Ebene wirklich nichts, wenn eine „Variante“ so gut wie nie vorkommt? Auch die Fehlbildungen der Finger sehen wir nicht als Spektrum. Allein schon aufgrund des seltenen Vorkommens von 4 oder 6 Fingern wäre diese Betrachtungsweise, bei der komplett ignoriert würde, dass fünf Finger sich aus gutem Grund herausgebildet haben, zumindest schräg.

Doch für Anhänger der Spektrumsidee zählt jede Möglichkeit gleich. Diese Gleichbehandlung von häufigen und seltenen „Varianten“ hat den Effekt, dass die Idee sich auflöst, wie Dinge normalerweise funktionieren. Normalität ist im postmodernen Zeitalter generell verdächtig geworden. Zu Recht stellt sich die Frage: Brauchen wir solche Kategorien überhaupt? Wo „nicht normal sein“ oft Grundlage für Diskriminierung ist?

Der Begriff der„ Normalität“ bedeutet in den Naturwissenschaften aber einfach nur die Feststellung von Gesetzmäßigkeit, die darauf basiert, dass Ereignisse mit einer großen Wahrscheinlichkeit eintreten. Dass „weiblich gelesene“ Babys mit fast 100%iger Wahrscheinlichkeit genetisch weiblich und später meist auch fortpflanzungsfähig sind. Doch wenn das Hormone und Gene nicht mehr als Ausdruck einer evolutionsbiologischen Gesetzmäßigkeit gelten, sondern – politisch korrekt – kontextlose Zeichen sind, werden einzelne offene wissenschaftliche Fragen zu Zeugen einer Komplexität, die wie Metaphysik scheint. Auf einmal ist nichts mehr klar. Was ist Geschlecht? Plötzlich ist man auf die Selbstaussage derer angewiesen, die dieses Geheimnis in sich tragen.

Grenzen des Regenbogens

Lange dominierte in der Transgender-Bewegung die Idee von „Geschlecht im falschen Körper“. Inzwischen hat sich Transgender-Bewegung zum Teil davon entfernt und präferiert die Idee, dass nicht der Körper falsch wäre, sondern die „Zuweisung“ eines Geschlechts, die auf der unsicheren Grundlage des äußeren Erscheinungsbildes erfolge. Dass in Wirklichkeit also möglicherweise ein anderes, dem Laien nicht sichtbares Geschlecht vorliege.

Zentral sind in dieser Vorstellung die Sexualhormone, die quasi als Vermittler zwischen der unsichtbaren genetischen Ebene und der körperlichen Erscheinung sind. Aufgegriffen wird hierbei, dass einige Formen der intersexuellen Geschlechtsbildungsstörungen hormonelle Gründe haben. Auch der Geschlechtsidentität selbst wird von einigen Anhängern der These vom "Geschlecht als Spektrum" nachgesagt, von Hormonen gesteuert und damit biologisch verursacht zu sein. Diese Geschlechtervielfalt befreie aus der Knechtschaft der binären Ordnung, so heißt es.

Doch die kleinen zahlreichen Geschlechterschubladen haben einen entscheidenden Nachteil: sie sind klein und beliebig. Während es im Rahmen der binären, auf Fortpflanzung gründenden Zweiteilung eine Vielfalt an Ausprägung von „Mann“ oder Frau gibt, die einem Mann zwingend auch „weibliche“ Vorlieben zugestehen muss, ohne dass dieser seinen Status als biologischer Mann verliert, kann bei der Idee von „Geschlecht ist ein Spektrum“ theoretisch für jede andere Vorliebe, jede Normabweichung eine neue Schublade entstehen. Es ist ja so: Auf der Grundlage von Gameten kann eine Frau burschikos sein oder feminin, fruchtbar oder nicht fruchtbar, an Kleidern interessiert oder nicht, und sie ist doch immer Frau. Aber ohne den evolutionsbiologischen Background ist eine Frau eben nur, was sich an der Oberfläche als „Weiblichkeit“ zeigt.

Die neue moralische Wissenschaft

Allen integrativen Behauptungen zum Trotz, wird durch den Fokus auf Hormonstatus Tür und Tor für ein Ungleichsystem geöffnet. Denn ein Hormonspiegel eignet sich dazu, interne Abstufungen einzuführen. Weiblichkeit und Männlichkeit sind plötzlich Folge unterschiedlich starker Hormonproduktion und damit in den Augen vieler Anhänger der Transgender-Idee Ursache für geschlechtsspezifische Interessen - und für „neue“ Geschlechter. Umgekehrt kann dadurch einer Frau, die stereo(un)typisch wenig Interesse an Kleidern und Schmuck hat, abgesprochen werden, eine Frau mit Hormonproduktion und damit überhaupt eine Frau zu sein. Wenn Hormone bloße Zeichen sind, ist dies durchaus möglich.

Dieses „mehr“ an weiblichen Hormonen verführt manche, zu glauben, dass die mit dem höheren Hormonspiegel ausgestattete Person mehr über das Weibliche aussagen kann, als die mit dem niedrigeren Spiegel, da sie mit diesem Verständnis von Geschlecht „mehr Frau“ ist. Auch die Gabe künstlicher Hormone führt somit zu einem Plus an Weiblichkeit bzw. ist Ausdruck davon. Es könnte (und wird!) daraus geschlossen werden, dass sie damit auch über mehr Recht auf Definitionshoheit über den Begriff der Weiblichkeit verfügt.

Die fortgeschrittene Idee kommt im Übrigen ganz ohne Bezug auf Hormone aus. Insbesondere sich als Frau identifizierende männliche Transgender (die sich nicht als transsexuell empfinden) argumentieren, dass Identität nicht zwingend an optische Merkmale geknüpft sein müsse. Entscheidend sei allein das „innere Geschlecht“, das sich in ganz unterschiedlichen optischen Erscheinungsformen zeige. Hormone und OPs, mit denen man sich dem anderen Geschlecht anpasst, sind demnach unnötig, wenn nicht gar rückschrittlich. Denn durch die auf Transgender angepasste Idee vom „Geschlecht als Spektrum“, der gemäß die Identität Ausdruck einer komplexen, unsichtbaren und möglicherweise unerforschten intersexuellen Variante ist, kann sich deshalb auch eine Person mit Penis– scheinbar wissenschaftlich legitimiert - zur biologischen (!) Frau erklären.

Diskursanalyse ohne Diskurs

An all dem wird deutlich: Ein Neo-Idealismus hat die Biologie gekapert. Die im postmodernen Zeitalter fundamentale Skepsis gegenüber dem Begriff der Normalität, wie sie der Philosoph Michel Foucault in den 70er Jahren als Normalisierungsmacht analysiert hat, wird nun auf die empirische, mit induktiven Methoden arbeitenden Naturwissenschaft übertragen, mit gravierenden Folgen. „Normal“ im Sinne von gesetzmäßig ist nun böse. „Geschlecht ist ein Spektrum“ ist dabei ein Modell, das hervorragend ins post-normale Denksystem passt: Während es die Illusion vermittelt, als könne jeder sein, was er wolle und als spiele das reproduktive Geschlecht bei dieser Erkennung des sogenannten „wahren Geschlechts“ keinerlei Rolle, während also der evolutionsbiologische Zusammenhang von Geschlecht als irrelevant verbrämt wird, entwickelt sich im Hintergrund ungestört die alte Machtverteilung.

Im Sport lässt es sich die Schattenseite dieser neuen moralischen Wissenschaft besonders gut erkennen. „Lasst uns doch im Sport nicht mehr nach Geschlecht, sondern nach hormoneller Ausstattung einteilen“, fordern manche Aktivisten. Diese Idee klingt, als sei hier Gerechtigkeit verwirklicht, und tatsächlich werden inzwischen Wettkämpfe, bei denen Transfrauen gegen biologischen Frauen antreten, ausgetragen. Mit wenig überraschendem Ergebnis: einst unter Männer wenig erfolgreiche Transgender werden unter Frauen zu Gewinnern, so zum Beispiel die neuseeländische Transgender Laurie Hubbard im Gewichtheben. „Frau“ ist eben mehr als ein Körper, durch den eine gewisse Menge „Weiblichkeitsstoff“ fließt. Reicht eines Tages die Erklärung eines Mannes, Frau zu sein, um unabhängig vom Hormonstatus in der Gruppe der Frauen Wettkämpfe ausfechten zu dürfen?

Männer, Frauen, alles gleich? Feministinnen heben auf den Unterschied zwischen Transfrauen und biologischen Frauen ab, um zu verhindern, dass sich das biologische Geschlecht „Frau“ vollständig im Begriff des sozialen Geschlechts „Gender“ auflöst. Sie wollen, dass die realen biologischen Unterschiede und deren Auswirkungen auf Sport und Gesellschaft kommunizierbar bleiben. Geschlechterbasierte Rechte sind nur verhandelbar, wenn es einen klaren Begriff von Geschlecht gibt. Mit diesem Kniff, dem neo-idealistischen Konzept von Identität mithilfe einer allzu willfährigen Wissenschaft eine biologische Basis zu verschaffen, wird der feministische Rettungsversuch wirkungsvoll unterlaufen. Und dies schadet nicht nur Frauen.

12:45 14.11.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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