Die Freiheit, frei zu sein

Klimaschutz Beim Klima- und Menschenschutz haben wir zu lange politisch versagt. Dabei sollten auch kommende Generationen die Freiheit haben, frei zu sein
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Die Freiheit, frei zu sein
Das Ende aller Freiheit? Blickt man auf deutsche Debatten, könnte man das meinen. Dabei ist das Gegenteil der Fall

Foto: Imago/photothek

Das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass fehlender Klimaschutz die Freiheit der jungen und der zukünftigen Generationen gefährdet. Ich würde deswegen gerne über den Begriff „Freiheit“ sprechen.

Freiheit ist ein sehr hohes Gut, auch für mich. Die Philosophin Hannah Arendt hat das in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt und dazu ihren Aufsatz „Die Freiheit, frei zu sein“ verfasst. Ich kann nicht nur jedem Liberalen, sondern allen Menschen empfehlen, dieses Buch zu lesen. Ihre Hauptaussage ist: Für die Freiheit, frei zu sein, muss die Befreiung der Freiheit vorangehen, die Befreiung von Furcht und sozialer Not; ansonsten gibt es keine Freiheit.

Genau das muss im Mittelpunkt stehen. Deswegen ist die Anwendung von „Freiheit“ auf die Freiheit des Marktes oder die Freiheit beim Rasen auf der Autobahn eine absolute Verkürzung, nicht statthaft und diesem Begriff nicht angemessen.

Hans Jonas, ein weiterer Philosoph, hat das erweitert und die Verbindung von Freiheit und Verantwortung hergestellt. Er spricht von der Verantwortung unseres Handelns und vom Prinzip Verantwortung, wobei er sich auch auf Immanuel Kant beruft. Bei ihm wird deutlich, dass wir nicht alles tun dürfen, was wir wollen oder was wir können. Freiheit endet immer da, wo sie die Freiheit von anderen und eben auch der zukünftigen Generationen einschränkt. Seine Maxime ist: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Auch das ist eine umweltpolitische Verantwortung: unsere Lebensgrundlagen permanent zu schützen. Ansonsten wird die Freiheit gefährdet, spätestens die unserer Kinder und Enkel. Genau so sollten wir handeln.

Ökologische und soziale Fragen kann man nicht trennen

Das heißt, dass Umwelt- und Klimaschutz Menschenschutz ist; wir vergessen das sehr häufig. Genau dort haben wir versagt, dort sind wir unserer Verantwortung eben nicht gerecht geworden, weil wir in den letzten 30 bis 40 Jahren nicht darauf geachtet haben, dass wir alle Ressourcen verbrauchen, dass wir so viel CO2 in die Luft schießen, dass wenn wir so weitermachen unsere Kinder eben nicht mehr diese Freiheit haben.

Das ist übrigens mit dem Begriff der „Ökodiktatur“ gemeint. Dieser Begriff meint nicht, dass irgendjemand Beschränkungen usw. beschließt, sondern der Begriff der „Ökodiktatur“ meint, dass wir heute so handeln, unsere Beschlüsse so umsetzen, dass unsere Kinder und Enkel am Ende eben nicht mehr frei sind, dass sie am Ende unter einer Ökodiktatur leben. Das ist die klare Einschränkung von Freiheit, die wir nicht zulassen dürfen.

Deswegen müssen wir handeln, und deswegen ist es auch unstatthaft, ökologische und soziale Belange auseinanderzuhalten. Es ist unglaublich, dass einige auf einmal ihr soziales Herz entdecken nach vielen unsozialen Beschlüssen , wenn es um Klimapolitik geht. Genau das müssen wir unterbinden. Wir müssen es schaffen, diesen Freiheitsbegriff wieder auf die Füße zu stellen. Dann wären wir einen Schritt weiter. Dann hätten unsere Kinder und Enkel auch eine Chance.

Diese Rede zur Freiheit hielt ich am 11. Juni im Deutschen Bundestag: https://www.youtube.com/watch?v=kNpfWxQCGJM

11:36 14.06.2021
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Geschrieben von

Marco Bülow

Marco Bülow, Bundestagsabgeordneter aus Dortmund, die PARTEI
Marco Bülow

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