Freiheit vom Öl

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Warum wir nach der Abkehr von der Atomenergie jetzt auch das Öl-Zeitalter hinter uns lassen müssen

Auf dem Weg zu einer echten Energiewende, ist der Ausstieg aus der Atomenergie nur ein wichtiger Schritt. Wenn wir den Umbau hin zu einer Versorgung mit nachhaltigen, bezahlbaren und umweltfreundlichen Energien wirklich schaffen wollen, müssen wir schleunigst auch die Wende weg vom Öl einläuten.

Erdöl als Schmierstoff der Wirtschaft

Erdöl wird sinnbildlich zu Recht als „Schmierstoff“ unserer Wirtschaft bezeichnet. Noch immer ist es mit einem Anteil von ca. 35 Prozent am Primärenergieverbrauch der wichtigste Energieträger weltweit. Die modernen Gesellschaften haben einen großen Teil ihres Wohlstands darauf aufgebaut. Mobilität, unser moderner Lebensstil – all dies funktioniert momentan nur mit Öl. Wenn wir uns in unseren Wohnungen umschauen, werden wir kaum einen Gegenstand finden, bei dem Öl – sei es als Energieträger oder als Stofflieferant – keine Rolle spielt. Wir sind reglerechte Öljunkies, abhängig von der Droge Öl, die unser materielles Leben dominiert.

Peak Oil und die risikoreiche Tiefseeförderung

Öl ist eine endliche Ressource, die uns nur noch auf absehbare Zeit zur Verfügung steht. Es wird seit Jahrzehnten weniger Öl neu entdeckt, als wir verbrauchen. Es kommt gar nicht darauf an, wann der letzte Tropfen Öl verbraucht wird, sondern wann wir Peak Oil (d.h. der Zeitpunkt, ab dem die weltweite Ölförderrate zurückgeht) erreicht haben. Denn ab diesem Zeitpunkt werden die Preise immer weiter ansteigen. Viele Experten gehen davon aus, dass wir das Ölfördermaximum bald erreicht oder bereits hinter uns gelassen haben. Deshalb gehen die großen Ölkonzerne immer höhere Risiken ein, um auch die letzten Reserven aus dem Boden zu holen. Die Explosion auf der BP-Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko hat uns die Folgen dieses Handelns erschreckend vor Augen geführt. Doch umgedacht wird nicht. Im Gegenteil: Die Förderung von Öl aus der Tiefsee geht jetzt erst richtig los.

Schmutziges Geschäft

Tankerhavarien und Bohrinselkatastrophen sind nur die medial wahrnehmbaren Spitzen der Schattenseite der Ölförderung. Für die Ölgewinnung werden Landschaften zerstört, Böden verseucht und Wälder abgeholzt. In Ecuador beispielsweise soll einer der artenreichsten Regelnwälder der Ölindustrie weichen.[1] Nachdem das Öl aus dem Boden geholt wurde, bleibt nichts als ödes, chemikalienverseuchtes Land zurück. U. a. in Kanada ist man dazu übergegangen Öl aus Schiefer und Sand zu pressen. Ein ineffizienter Vorgang, bei dem unter Einsatz vieler Chemikalien weite Landflächen zerstört und gigantische Erdmassen verbraucht werden. Abgesehen von der Naturzerstörung artet der Kampf ums Öl häufig in Konflikte oder Kriege aus. Die Verknappung des wichtigen Rohstoffes, wird viele Brandherde weiter anheizen und neue schaffen.

Wie geht es weiter?

Natürliche Herausforderungen und politische Krisen machen die Erschließung der verbleibenden Öl-Ressourcen schwieriger und teurer. Da die weltweite Bevölkerung stetig wächst, steigt gleichzeitig die Nachfrage nach Energie weiter an. Es stellt sich also die Frage, was nach dem Öl-Zeitalter kommt. Nur wer den Umstieg schnell schafft, wird seine Volkswirtschaft vor heftigen Preissteigerungen und bevorstehenden Ölschocks bewahren können. Dabei stehen zwei Strategien zur Auswahl: Weiterer Ausbau der atomaren und fossilen Energiegewinnung oder die Kombination von Energieeinsparung und Erneuerbare Energien.

100 % Erneuerbare Energien

Sowohl aus innenpolitischer (Wirtschaft, Versorgungssicherheit, Umwelt) als auch aus sicherheitspolitischer Sicht, kann nur den Erneuerbaren Energien die Zukunft gehören. Die dabei entstehenden Kosten, sind deutlich geringer, als die Folgekosten, wenn uns der Umstieg nicht gelingt. Ganz zu schweigen von den einzusparenden externen Kosten[2] und Subventionen, die immer noch in die atomaren und fossilen Energieträger fließen. Statt Pseudobekenntnisse, müssen die Fördermechanismen der Erneuerbaren Energien ausgeweitet und die bürokratischen Hemmnisse abgebaut werden. Erneuerbare Energien müssen uns nicht nur mit Strom, sondern auch mit Wärme versorgen. Wir müssen in die Kraftwärmekoppelung, intelligente Stromnetze und Speichertechnologien investieren und ambitionierte Programme zur Energieeffizienz und zur Gebäudesanierung umsetzen. Außerdem brauchen wir endlich die Konzepte, um die Wende „Weg vom Öl“ auch im Mobilitätssektor zu schaffen.[3]

Vor fünfzehn Jahren wurden die Befürworter der Erneuerbaren Energien auch in Deutschland noch verlacht. Doch allen voran Hermann Scheer war beseelt von der Vorstellung einer solaren Weltwirtschaft. Jetzt brauchen wieder eine Vision, Erfindungsgeist, kreative Ingenieure, mutige Unternehmer, die Alternativen zum Öl zu erweitern und uns endlich von der Öl-Droge zu befreien.


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Ich habe zum Thema Erdöl ein umfassendes Dossier erstellt, welches das Thesen dieses „Tachles“ vertieft und einen sachlichen Überblick über das gesamte Thema Erdöl geben soll. Das Dossier findet sich unter: www.marco-buelow.de/uploads/media/Marco_Buelow_Oel-Dossier_2011.pdf

[1] siehe Öl-Dossier, S. 25


[2] externe Kosten sind Kosten, wie Umwelt- oder Gesundheitsschäden, die nicht über den Marktpreis reguliert werden, sondern von der Allgemeinheit, d.h. von Staat und Steuerzahlern und den nachfolgenden Generationen getragen werden müssen


[3] Bioenergie ist dabei keine Lösung, denn sie bringt uns andere Probleme

12:01 24.08.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marco Bülow

Marco Bülow, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Dortmund
Marco Bülow

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