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Wir feiern eine Tötung – doch wer verdient den Tod?

Für viele in der westlichen Welt ist es ganz einfach.Dem personifizierten Bösen wurde der Garaus gemacht und dass zu Recht. Der Außenminister begrüßt die Tötung von Bin Laden, die Kanzlerin freut sich gar darüber und für die liebevolle Mutter der Nation von der Leyen ist es Balsam auf die Wunden, die der Terrorist geschlagen hat. Auch Moderatoren freuen sich, einer spricht davon, dass es ein Trost sei, dass das Böse am Ende doch verliert. Eine große liberale Zeitungen titelt euphorisch: „Ein Krieg weniger“.Es ist wie ein tiefer Seufzer, endlich kann man die Welt mal wieder schwarz weiß malen, sie in gut und böse aufteilen.

Wenn es doch nur so einfach wäre. Natürlich wenn nur die Hälfte stimmt, was uns seit 2001 über Bin Laden erzählt wird, dann war er ein grausamer Verbrecher. Wahrscheinlich stimmt davon einiges, aber wir sollten immer fragen, wer erzählt was und aus welchem Grund. Was wird auf der anderen Seite nicht alles über uns, über die Amerikaner und ihre Führer erzählt. Wie reagieren wir, wenn Extremisten einen Mord feiern? Was ist der Preis für Bin Ladens Tod? Was ist mit unseren Werten, die wir so hochhalten, die uns angeblich über alle anderen stellen? Christlich und zivilisatorisch gesehen ist ein Mord – so gerechtfertigt er auch sein mag – und sicher keine Glanzleistung. Darüber zu jubeln offenbart unsere überschätzte Überlegenheit.

Auch wenn ich die meisten Einsätze der Bundeswehr rigeros ablehne, gebe ich zu, dass ich kein Pazifist bin. Im absoluten Ausnahmefall kann ich gewalttätige Gegenwehr nicht ausschließen.Im Extremfall würde der Tod eines Menschen auch von mir in Kauf genommen, aber rechtfertigen könnte ich ihn nie. Ich würde immer einen Preis dafür zahlen müssen und ich würde mich immer fragen müssen, ob es keine andere Möglichkeit gab. Wenn ich dass nicht tue, bin ich nicht so viel besser, als diejenigen die ich bekämpfe. Skrupel ist eine moralische Verpflichtung und keine naive Schwäche.

Gut und Böse bleiben schwierige Kategorien. Dass die Nazis das Böse verkörpern, bestreitet kaum jemand. Die erfolglosen Attentäter Hitlers werden bei uns als Helden verehrt. Doch was ist mit Generälen oder Präsidenten, die Kriege befehligen, die beispielsweise die Verantwortung dafür tragen, dass in Vietnam Napalmbomben auch gegen Zivilisten eingesetzt wurden. Wer bei Bin Ladens Tod bejubelt, hätte der nicht auch den Mord am US-Präsidenten fordern müssen? Eine provokante - für viele eine absurde - Frage, woran man erkennt, welch unterschiedliches Maß angewendet wird und wie schwierig die Beurteilung ist, ob jemand den Tod verdient hat.

Jeder soll seine Meinung dazu äußern dürfen, aber mehr Differenzierung, mehr Nachdenklichkeit würde uns gut tun – selbst bei Bin Laden. Mehr Bescheidenheit darüber, wem wir moralisch alles überlegen sind, würde vielleicht auch einige Konflikte entschärfen.

14:41 06.05.2011
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Geschrieben von

Marco Bülow

Marco Bülow, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Dortmund
Marco Bülow

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