Mysterium Piraten

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Mit den Piraten betritt eine Partei völlig neuen Typus‘ das politische Parkett, dennoch versucht man ihr mit typischen Ritualen zu begegnen. Es zeigt sich, dass mit dem Erfolg der neuen Partei weder ihre politische Konkurrenz, noch die etablierte Elite in den Medien rational umgehen kann. Die Stärke der Piraten ist zumindest auch die Schwäche der gesetzten Parteien. Wenn man eine zielführende, undogmatische Debatte über den Erfolg der Piraten führen wollte, dann müsste man sich mit unbequemen Fragen, mit dem eigenen Versagen, ja dem ganzen politischen System und seinen bisherigen Spielregeln auseinandersetzen. Genau dies wollen die Etablierten aber nicht, weil eine kritische Selbstanalyse zu viele eigene Schwächen offenbaren würde. Dies ändert sich anscheinend auch bei historischen Wahlniederlagen, stetig sinkender Wahlbeteiligung und auch bei sensationellen Umfragewerten der Piraten nicht. Stattdessen versuchte man das Rederecht der Abgeordneten weiter einzuschränken, die nicht der Fraktionsmehrheit folgen können. Damit wird nicht nur das Pendel zwischen Fraktionsdisziplin und Fraktionszwang in die falsche Richtung verschoben, es verschafft der neuen Konkurrenz zusätzlichen Auftrieb. Natürlich ist die Kritik berechtigt, die sich an den jüngsten Äußerungen von Funktionären der Piraten entzündet. Doch habe ich noch nicht erlebt, wie heftig dabei Medien und Altparteien zu Werke gehen – gibt es doch auch bei den Etablierten immer wieder solche teilweise auch üblen Grenzüberschreitungen. Dies kann man fast nur mit Hilflosigkeit und Angst vor weiteren Erfolgen der „Außenseiter“ erklären. Dabei wäre es sinnvoller, die Piraten in ihrer Gesamtheit kritisch unter die Lupe zu nehmen, dabei müsste man dringend einige ihrer Themen aufgreifen und eigene Lösungsansätze präsentieren. Vor allem beim Thema Lobbyismus, Transparenz und Verhaltensregeln in der Politik muss umgesteuert werden. Stetiges Genörgel und Gefeixe über die Themenarmut, die chaotische Führungsweise, die ineffiziente Basisdemokratie und die Unprofessionalität hilft jedenfalls nur den Kritisierten, also den Piraten selbst. Viele sind deshalb bereit, die Piraten zu wählen, weil sie anders sind, weil sie nicht perfekt sind und es auch nicht sein wollen. Friedrich Küppersbusch hat es auf den Punkt gebracht: „Die Nachricht, keine zu haben, wird als große Erfrischung, als ersehnte Aufrichtigkeit wahrgenommen von WählerInnen, die jedes Vertrauen in die Instantbescheidwisser der Altparteien verloren haben. Dem Piratenphänomen ist mit der Kompetenzkeule nicht beizukommen.“ Die von Küppersbusch angesprochene Wählergruppe wird immer größer, immer mehr Menschen sind die ewigen Rituale, Sprechblasen, Intransparenz und Angepasstheit der etablierten Parteien und ihrer Spitzenpolitiker leid. Da hilft es nur bedingt, dass auch viele Medien diese Spielregeln verinnerlicht haben und das Gebaren der Parteieliten mit Professionalität verwechseln, während sie die Piraten als Chaotenhaufen stempeln. Um nicht ungerecht zu sein, unser politisches System wurde lange auch durch Spielregeln zusammengehalten und wir haben ganz gut damit gelebt. Ohne Regeln funktioniert Demokratie nicht – aber wird daraus ein Korsett, welches den demokratischen Spielraum und offene Debatten immer weiter einengt, dann muss man die Regeln verändern. Diese Einsicht hätte es auch ohne Piraten längst geben müssen. Schon einmal hat eine neue Partei dem Establishment die Leviten gelesen. Auch die GRÜNEN wurden verhöhnt, nicht ernst genommen und dann gnadenlos bekämpft. All das hat nur dafür gesorgt, dass sie am Ende so erfolgreich wurden. So konnten sie ihre eigenen anfänglichen Unzulänglichkeiten überdecken und vor allem ihre eigenen heftigen Richtungsstreitereien überstehen. Die GRÜNEN haben nicht nur überlebt, sie haben frischen Wind in die Politik gebracht und sie haben dafür gesorgt, dass ihre Themen auch die Politik der anderen Parteien verändert hat. Ausgerechnet die GRÜNEN – zumindest eine Reihe ihrer Spitzenpolitiker – reagieren aber nun mit den typischen Beißreflexen aller etablierten Politiker, die persönlich beleidigt den Piratenaufstieg kommentieren. Sie haben also nicht nur die anderen Parteien beeinflusst, sondern wurden auch von diesen verändert und haben damit an Profil eingebüsst. Auch meine SPD könnte deutlich souveräner sein. Ja, bei den Piraten verlieren FDP, GRÜNE, LINKE vermutlich mehr, aber was ist das für ein Trost für eine Partei, die besonders bei den Jung- und Erstwählern weiter an Boden verliert. Wieder sind wir nicht bereit, die Lebenseinstellung einer wachsenden Zahl von Menschen ernst zu nehmen, wieder reagieren wir mit Ab- und vor allem Ausgrenzung. Dieses Gebaren hat uns schon geschadet, als uns GRÜNE und später die Linke das Wasser abgegraben haben. Eine Koalition mit den Piraten – ohne dass dazu bereits eine Veranlassung bestehen würde – auszuschließen, ist doppelt dämlich. Für noch mehr Protestwähler und Wechselwähler werden die Piraten dadurch interessant, aber vor allem minimalisiert man die Chance jenseits des bürgerlichen Lagers eine Koalition bilden zu können. In vielen Fällen wird es für Rot-Grün nicht reichen, also bleibt dann fast nur Opposition oder Große Koalition, weil man mit den Linken ja auch auf gar keinen Fall zusammenarbeiten möchte. So kommt es – wie beispielsweise im Saarland – wohl immer häufiger zu absurden Ergebnissen, dass die bürgerlichen Parteien (Union und FDP) zusammen nur gut ein Drittel aller Stimmen erhalten, aber dennoch den Ministerpräsidenten stellen. Bei aller notwendigen Kritik an den neuen Akteuren, wir haben es verdient, dass uns die Piraten auf die Nerven gehen. Ob und wie sie sich etablieren, liegt an ihnen, aber auch an unseren Reaktionen. Ich freue mich eher darauf, mich mit ihnen konstruktiv auseinanderzusetzen und darauf, dass nun die Debatten über verkrustete, intransparente Rituale in der Politik an Fahrt gewinnen. Ich versuche seit Jahren (bereits vor Gründung der Piraten), das Themen Transparenz, Stärkung der Abgeordneten, Klarere Regeln bei Korruption und im Umgang mit dem Lobbyismus zu besetzen. Da sehe ich einige Positionen der Piraten eher als Unterstützung. Aber ich habe durch sie auch dazugelernt. Ich bin unwissend und blauäugig zunächst vielen Pro-Argumenten beispielsweise bei den Internetsperren auf den Leim gegangen. Dies würde mir heute sicher nicht mehr passieren. Natürlich müssen die Piraten dazu lernen, aber ebenso können sie uns etwas beibringen. Das macht Demokratie und Politik aus. Es liegt an uns selbst, welche Antworten wir geben werden, wie wir das Vertrauen der Menschen für unsere Parteien zurückgewinnen wollen. Ich möchte deshalb mit einem Zitat Willy Brandts von 1992 schließen: “Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, daß jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.”

09:53 27.04.2012
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Geschrieben von

Marco Bülow

Marco Bülow, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Dortmund
Marco Bülow

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