Nach den Lügen der Atomkraft

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Pfad verloren
Hoffnung verloren
Wahrheit verloren
Ich muss eine wiederfinden
(Chikayo Morijiri, Japanische TV-Produzentin)

Die ZEIT titelte: „Keine Lügen mehr“ und im Leitartikel bringt ihr Redakteur Fritz Vorholz die Diskussion nach jahrelangen Lavieren auf den Punkt: „Atomkraftwerke waren nicht sicher, sind es nicht und werden es nicht sein. Es gibt nur eine Lösung: Abschalten!“ Für diese einfache Einsicht haben wir Jahrzehnte gebraucht und nach Harrisburg, Tschernobyl musste es auch in Japan zur Katastrophe kommen. Doch war es dass wirklich?

Täglich neue Horrormeldungen, täglich neue Angst, neue Sorgen. Erfolgreiche Regenten beschwichtigen, faseln, sind ahnungslos. Ein Kind fragt mit großen Augen, warum haben wir diese Schadenenergie? – und offenbart damit mehr Weisheit, als so viele erfahrene und gestandene Wissenschaftler und Politiker.

Das Atomkraftwerk in Fukushima ist zum Symbol menschlicher Verantwortungslosigkeit und ignoranten Größenwahns geworden. Die atomare Illusion, die Utopisten und eiskalten Profiteure der Risikotechnologie sind enttarnt, verspottete Ökospinner und Träumer von einer nachhaltigen Energiewende werden zu den eigentlichen Realisten. Japan ist eine Tragödie, aber auch eine Chance, die wir unbedingt nutzen müssen.

Schon 1961 bemerkte der Mathematiker und Nobelpreisträger Bertrand Russell: „Ich halte es gar nicht für möglich, den Ernst der bösen Eventualität zu übertreiben, die in der Verwertung der Kernenergie schlummern“. Der Schriftsteller Florian Illies schreibt aktuell: „Weil die Welt gesehen hat, wie ein Atomkraftwerk explodiert, ist der Glaube an die Beherrschbarkeit der Technik zerstört. Das Bild im Kopf ist zu stark“.

Bewies Russell eindrucksvolle Weitsicht, könnte Illies‘ Vorhersage allzu bald verblassen. Zu häufig haben Katastrophen, Kriege und menschliches Versagen nur kurzfristig abgeschreckt, nur Wenige wirklich zum Umdenken gebracht. Wir Menschen sind Meister von Verdrängung und Vergessen. Nur so konnten wir traumatische Erlebnisse überwinden. Zudem sitzt viel Geld bei denjenigen, deren Lobbyisten und PR-Profis ebenso meisterhaft Gegenbilder erzeugen können. Noch kein Jahr ist das BP-Desaster im Golf von Mexiko vergangen und fast niemand redet mehr über seine Folgen oder fordert noch Konsequenzen. Die Bilder vom menschlichen Versagen dieser großen High-Tech-Firma verflüchtigen sich schneller als das Öl.

Ja, nach Fukushima wird es schwerer sein, die Atomkraft als eine saubere, beherrschbare Energiequelle darzustellen. Damit aber die schrecklichen Bilder von Japan nicht verblassen, wir die neue Wahrheit nicht verlieren, muss eine globale Bewegung entstehen, die uns die Katastrophe immer wieder vor Augen führt. Wir müssen unseren Pfad der Energiewende aufzeigen, der auf erneuerbare, risikoarme und effiziente Alternativen baut. Weil wir dabei die Argumente und die Potentiale auf unserer Seite haben, können wir trotz aller Hindernisse neue Hoffnungen und Begeisterung wecken. Dazu bleibt uns wegen unserer Vergesslichkeit – aber auch wegen des Klimawandels – allerdings weniger Zeit, als wir es jetzt noch glauben wollen.

14:48 28.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marco Bülow

Marco Bülow, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Dortmund
Marco Bülow

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