Wer nicht lernt, verliert - Deshalb: Energiewende jetzt!

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Eigentlich sollte man meinen, dass Naturkatastrophen wie die Flut in Pakistan, die Waldbrände in Russland oder vor allem technisches Versagen wie beim BP-Öldesaster im Golf von Mexiko dazu führen, dass der Klimawandel und das Ende des Ölzeitalters von allen anerkannt und Konsequenzen gezogen werden. Doch im Gegenteil: Die Tiefseebohrungen gehen munter weiter und in den USA haben ein paar konservative Unverbesserliche erst kürzlich selbst ein laues Klimaschutzgesetz verhindert. Was muss eigentlich noch alles passieren, damit wir aus unseren Fehlern lernen und die Grenzen unseres bisher zerstörerischen Wachstums erkennen?

Ölkatastrophe bleibt ohne Folgen

Unsere Gesellschaft hat sich im höchsten Maße abhängig vom Öl gemacht, ihren Wohlstand darauf aufgebaut. Mobilität, Raum- und Siedlungsstrukturen, unser moderner Lebensstil – all dies funktioniert momentan nur mit Öl. Es ist also nicht verwunderlich, dass die meisten es sich kaum vorstellen können, dass wir schon sehr bald ohne diesen Rohstoff auskommen müssen. Doch Peak Oil (d.h. der Zeitpunkt, ab dem die weltweite Ölförderrate zurückgeht) ist schon längst kein fernes Zukunftsszenario mehr. Viele Experten gehen sogar davon aus, dass wir das Ölfördermaximum erreicht oder bereits hinter uns gelassen haben. Das weiß auch die Ölindustrie. Daher gehen die großen Konzerne mittlerweile höchste Risiken ein, um die letzten förderbaren Reserven an Öl noch aus dem Boden zu holen. Die Explosion auf der Bohrinsel Deepwater Horizon hat uns erst kürzlich in erschreckendem Maße vor Augen geführt, welche Folgen dieses Handeln hat. Wer nun aber denkt, dass Öl-Multis oder Regierungen aus der Katastrophe lernen und die risikoreichen Tiefseebohrungen stoppen, irrt sich leider. Ein Ende der Förderung von Öl aus der Tiefsee ist momentan nicht abzusehen. Erst kürzlich wurde bekannt, dass die USA das Verbot von Tiefsee-Bohrungen wieder aufhebt – in Europa konnte man sich gar nicht erst auf ein solches Moratorium einigen. Die Medien und die Öffentlichkeit haben das Interesse an dieser Umweltkatastrophe verloren, obwohl die eigentlichen Auswirkungen noch ausstehen.

USA bremsen Klimaschutz aus

Ein ähnliches Bild bietet sich uns beim Klimaschutz. Trotz einer Zunahme von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Wirbelstürmen, Dürren und Waldbränden, sind viele Politiker und Unternehmen immer noch nicht bereit zu einem wirklichen Umdenken. Seit Jahren warnen nahezu alle Klimatologen vor den verheerenden Auswirkungen, die eine zu große Erwärmung der Erde zur Folge hätte. In Sonntagsreden sind sich auch die meisten Politiker einig: Von Angela Merkel bis Barak Obama; alle haben das Thema Klimaschutz angeblich zur „Chefsache“ gemacht. Doch wenn es darum geht, konkret etwas zu beschließen oder mehr Geld auszugeben, werden Versprechen oft nicht eingehalten. Mittlerweile ist beispielsweise klar, dass es in den USA in absehbarer Zeit kein Klimaschutzgesetz geben wird. Den Lobbyisten der Öl- und Kohleindustrie ist es einmal mehr gelungen, die republikanischen Abgeordneten im Senat hinter sich zu bringen und damit das Gesetz scheitern zu lassen.

Deutschland verspielt Vorreiterrolle

Doch nicht nur in den USA wird eine effektive Klimapolitik blockiert. Ausgerechnet die deutsche Regierung tut momentan einiges dafür, dass Deutschland seine Vorreiterrolle beim Klimaschutz und den Erneuerbaren Energien verliert. Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen hat sich die Bundeskanzlerin viel zu spät aktiv in die Verhandlungen eingebracht und ein Scheitern des Gipfels in Kauf genommen. Der gerade mit der Atomlobby ausgehandelte „Atomdeal“ wird zu einem massiven Investitionsrückgang bei den Erneuerbaren Energien führen. Und ein tragfähiges Konzept für postfossile Mobilität kann uns die Bundesregierung auch nicht vorlegen. Aktuell vermag Angela Merkel nicht einmal die Umweltpolitische Sprecherin ihrer eigenen Fraktion, Marie Luise Dött, davon abzubringen, Klimaschutz als eine „Ersatzreligion“ zu bezeichnen und sich mit fragwürdigen sogenannten „Klimaskeptikern“ zu treffen.

100% jetzt!

Die richtigen Konzepte und die Technologien für den Schutz des Klimas und einen schonenden Umgang mit Ressourcen gibt es bereits, wir müssen sie aber verfeinern, verbessern und stärker vorantreiben. Eine wichtige Initiative wäre z.B. ein nationales Klimaschutzgesetz, das die mittel- und langfristigen Klimaschutzziele zur Verminderung der Treibhausgasemissionen um mindestens 40 Prozent bis zum Jahr 2020 (sowie um 85-95 Prozent bis 2050) gesetzlich festlegt und regelmäßig überprüft. Daneben gilt es weiter und verstärkt in den Ausbau der Erneuerbaren Energien, in intelligente Stromnetze und Speichertechnologien zu investieren und ambitionierte Programme zur Energieeffizienz und zur Gebäudesanierung umzusetzen. Außerdem müssen wir endlich die tragfähigen Konzepte, wie wir die Wende „Weg vom Öl“ schaffen, ausweiten und umsetzen. All dies wird nicht widerstandslos passieren. Denn an den alten Energiestrukturen verdienen einige wenige viel Geld und werden es immer wieder schaffen, mächtige Politiker und Medienmacher zu beeinflussen.

Natürlich wird es den Umbau unseres Energieversorgungssystems nicht zum Nulltarif geben und jeder wird einen Beitrag dazu leisten müssen. Doch die Kosten, die auf uns und unsere Kinder zu kämen, würden wir auf diesen Umbau verzichten, wären um ein Vielfaches höher. Uns muss zudem klar sein, dass auch heute noch die höchsten Subventionen in die fossilen und atomaren Energieträger fließen. Die Pseudobekenntnisse gerade der deutschen Bundesregierung zu den Erneuerbaren Energien helfen uns nicht weiter, wenn die Realpolitik sich weiterhin an den Lobbyinteressen der großen Konzerne und damit der alten Energiestruktur ausrichtet.

Der viel zu früh verstorbene pragmatische Visionär Hermann Scheer hat uns den Takt vorgegeben. In seinem letzten, wenige Tage vor seinem Tod veröffentlichten Buch („Der energethische Imperativ“) heißt es: 100% jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist. Genau dabei sollten wir mithelfen. Ausreden oder Verzögerungstaktiken helfen einigen wenigen und schaden der Mehrheit sowie den nachfolgenden Generationen. Unterstützen wir die Energiewende, werden wir aktiv – auch Du kannst / Sie können etwas tun.*

*All diejenigen, die Hermann Scheers Ideen und die Energiewende weiter vorantreiben wollen, können Eurosolar und die sich in Gründung befindene Hermann Scheer-Stiftung unterstützen. Weitere Infos dazu finden sich unter www.eurosolar.de

Mehr Infos über Energiepolitik und meine Positionen zur Energiewende: www.marco-buelow.de

14:00 19.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marco Bülow

Marco Bülow, fraktionsloser Bundestagsabgeordneter aus Dortmund
Marco Bülow

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