Ansichten über Clowns

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Ansichten über Clowns

Geschrieben von Roberto J. De Lapuente

Und wenn schon! Wen schert es denn, dass er voller Betrübnis, satt an Harm ist? Er sollte seine privaten Mißgeschicke mit Wangenrot und Lippenstift übermalen, unter Camouflage verhehlen, seinen vielleicht familiären Kalamitäten eine Perücke überstreifen. Raus in die Manege, das Publikum hat bezahlt, es hat Anspruch auf Unterhaltung! Zweifelsohne, ihm ist heute nicht nach Clownerie, Sorgen reiben ihn auf, traktieren seine Laune; doch die Zuschauer lechzen nicht nach Schwermut, sie wollen prusten und gackern, wollen sich kugeln - dafür haben sie bezahlt, das macht sie zu Kunden mit Anspruch auf Gaudium. Ein Schelm, der eine bettlägerige Tochter daheim hat oder dessen Ehe zielsicher kollidiert: wer will so einen sehen? Komisch soll er sein, seinem Publikum Lacher bereiten - es wird ihm auch nicht schaden, Lachen ist Medizin; professionell soll er sich verhalten, damit die Gaffer nicht buhen, nich pfeifen oder mit den Sitzkissen werfen. Und so schlurft er geknickt an den Rand des Zirkunsrund, wartet auf die Ankündigung, wartet auf seinen Namen, stürmt unter Beifall ins Getümmel und ist komisch, unbeschreiblich komisch... komischer als üblich! Die Grockmarceaupopows, sie fuhren reiche Lachensernte auch dann ein, wenn sie einen Verwandten an den Tod verloren: Komödie spielen, auch wenn einem nach Tragödie zumute ist - das ist Clownsgeschäft.

Der Zirkus stirbt; immer weniger Zirkusse gibt es. Zu altmodisch ist er, ein teures Metier sowieso - die Menschen dürsten nicht mehr nach Jonglage und artistischem Nervenkitzel: alles schon gesehen, alles altertümlich und antiquarisch. Mit den Zirkussen stirbt die traditionelle Clownerie, dieses arg spaßhafte Fach, das auch traurigen Männer abverlangte, zum Pläsier des Publikums Albernheiten zu verströmen. Service nennte sich das heute. Der klassische Clown stirbt aus - er hat seine fröhliche Maske ins Geschäftsleben verlagert. Nichhttp://3.bp.blogspot.com/_Z9mG0HFfePA/TMfOBsDH31I/AAAAAAAAAmw/68WxpifajfU/s400/clown2.jpgt auf Bühnen, auf denen Faxenmacher unter der Bezeichnung Comedian diese ehrwürdige Branche verhunzen - nein, clowneske Blenden begrüßen uns heute immer dann, wenn Service groß oder drüber geschrieben wird. Und Service ist beinahe alles; selbst der plumpe Handwerker in Latzhosen, der einen reichlich brackig miefenden Siphon austauscht ist heute Bestandteil eines Serviceteams. Er soll aus diesem Grunde lächeln, wenn er im Schlick fremder Leute herumstiert; immer freundlich bleiben, sich stur nichts anmerken lassen - und eigene Sorgen, womöglich der Umstand, dass das Gewühle in der Scheiße anderer Leute nicht mal den Lebensunterhalt sichert, sind tunlichst zu überschminken. Dienstleister sein heißt Clown zu sein, heißt Unmut und Sorgen, Traurigkeit und Verzagtheit mit Make-Up zu übertünchen. Hier weiterlesen...

08:48 27.11.2010
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Geschrieben von

Margareth Gorges

Mit dem Wissen wächst der Zweifel” (J.W.v.Goethe) www.NachDenkSeiten.de
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