Eine Betrachtung des neuen Hartz-Konzeptes “Minipreneuere” –

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MINIPRENEURE: Chance für Arbeitslose oder die wunderbare Geldvermehrung der Erfinder?

Eine Betrachtung des neuen Hartz-Konzeptes “Minipreneuere” – Chance für arbeitslose Frauen und Männer, die ihr Leben neu gestalten wollen – Konzept auf der Internetseite des Trägervereins veröffentlicht

Kommentar von Walter Scheile Saarländische Online Zeitung

Nachdem Peter Hartz sein neues Projekt vorgestellt hat, es Lob und Kritik dafür gab, verdient es einen näheren Blick darauf. Was ist hier geplant? Was soll erreicht werden? Was ist offensichtlich und was hat ein Arbeitsloser davon? Auffallend ist bereits die optische Gestaltung der Internetseite. Obwohl das Dokument von einer wenn auch gemeinnützigen GmbH herausgegeben wurde, lehnt sich das Layout und Erscheinungsbild auffällig stark an offizielle Dokumente von Bund und Ländern an. – Ein Schelm, wer dabei Böses denkt oder Hintergedanken dabei hat.

Aber zum Inhalt. Beim Lesen des Dokumentes fallen einige Besonderheiten auf, die kurz zitiert werden sollen, um danach etwas Licht auf die Techniken des Konzeptes und das Konzept selbst zu werfen. Bereits auf Seite 7 in der Kurzfassung der Projektbeschreibung findet sich folgende Aussage: “… um eine möglichst große Zahl von Langzeitarbeitslosen zu ermuntern und zu befähigen, ihr Leben als arbeitsfähige und leistungsbereite Mitbürger wieder aktiv und mit berechtigten Hoffnungen in die Hand zu nehmen, beginnend in ihrem unmittelbaren Lebensbereich, und wieder den Weg in eine dauerhafte Erwerbstätigkeit zu finden.”

Bereits an dieser Stelle werden Langzeitarbeitslose in einer Form dargestellt, die sie selbst, ihren Unwillen und ihre eigene Unfähigkeit als ursächlich verantwortlich für die Arbeitslosigkeit macht. Auch wenn die Langzeitarbeitslosen als „Experten in eigener Sache” bezeichnet werden, ändert das nichts am Bild, das Peter Hatz und seine “Fachleute” von den Betroffenen zu haben scheinen.

Seite 11

“Zwei Fragen sind von besonderer Bedeutung: Was macht Langzeitarbeitslosigkeit mit den Menschen? Und: Was ist zu tun, dass sie aus dieser Lage wieder herausfinden wollen und können?”

Auch hier wieder: Langzeitarbeitslose wollen es gar nicht anders. Auf der gleichen Seite kann man unter der Überschrift “Den Lebensplan neu entwerfen” folgendes lesen: “Viele Studien zeigen, dass sich Menschen bei andauernder Arbeitslosigkeit mehr und mehr vom Arbeitsmarkt entfernen. Dies betrifft nicht nur ihre Kenntnisse und Fertigkeiten. Es hat in erster Linie zu tun mit Fremd- und Selbstzuschreibungen, mit Selbstvertrauen und Selbstwert, mit Resignation und Isolation. Es geht daher um mehr als den bloßen Ausgleich von Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt. Es geht darum, Menschen zu ermuntern und dabei zu unterstützen, ihren Lebensplan neu zu entwerfen und mit Zuversicht anzugehen.”

Ob Peter Hartz und seine Partner sich in den 4 Jahren Vorbereitungszeit wohl mal Gedanken darüber gemacht haben, wo die Ursache dafür zu finden ist? Hat er mal darüber nachgedacht, wie gross der Anteil der ständigen pauschalen Vorverurteilungen dazu beigetragen hat, dass sich viele Langzeitarbeitslose heute nutz- und wertlos vorkommen? Hat Peter Hartz vielleicht selber mal die Erfahrung gemacht, wie es ist, über Monate und Jahre hinweg immer wieder nur Absagen auf Bewerbungen zu erhalten? Wie es ist, wenn man im täglichen Kampf ums Überleben und das tägliche Brot mit unsinnigen Vorschriften und Schikanen der Agenturen konfrontiert wird und teilweise willkürlich den Launen der Agenturmitarbeiter ausgesetzt ist? Wie es ist, wenn man am Hungertuch nagt, sich keine ordentlichen Kleider für Vorstellungsgespräche le isten kann und gleichzeitig Selbstbedienungsmentalität unterstellt bekommt, von Leuten die sich Lustreisen bezahlen lassen, die selbst die Höhe ihrer Diäten bestimmen und sich wirklich selbst bedienen?

Zwei Seiten weiter dann heisst es “Arbeitslosigkeit geht einher mit negativen Fremd- und Selbstattributionen, die zu einer „beschädigten Identität“ der Person führen können.”

Das Selbstbild entsteht bei den meisten Leuten aus dem Fremdbild. Durch die anhaltende Diffamierung als faule, unwillige und unfähige Arbeitslose gehen die Menschen irgendwann dazu über, den Mist tatsächlich selbst zu glauben. Also hört endlich auf damit, diese Leute so zu bezeichnen, dann ergibt sich der Rest fast von selbst!

“Leiblichkeit: Mein individueller Leib, meine körperliche Verfassung (Gesundheit, Vitalität, Wohlbefinden). Bei Langzeitarbeitslosen ist das Wohlbefinden meistens sehr beeinträchtigt, was Gesundheitsrisiken birgt.”

Und die Ursache dafür ist, dass die Langzeitarbeitslosen dauerhaft von einem halbwegs normalen Leben ausgeschlossen sind. Durch den geringen Satz an Geldmitteln, der ihnen zugestanden wird, sind sie gar nicht in der Lage, am normalen kulturellen und sozialen Miteinander teilzuhaben. Gesunde Ernährung ist mit Hartz IV nicht möglich, dass weiss jeder, der es selbst schon mal erleben musste.

“Soziales Netzwerk: Diese Säule bezieht sich auf den sozialen Kontext (meine Familie, meine Freunde, meine Kollegen). Sie wird durch Langzeitarbeitslosigkeit belastet.” Und die Gründe dafür sind bekannt und auch hier aufgeführt.

Seite 18

“Der „Einzelkämpfer“ hat in der Regel geringere Chancen als kooperierende Gemeinschaften, Netzwerke, in denen sich die Mitglieder wechselseitig unterstützen, Kenntnisse austauschen und von einander lernen.”

Das ist grundlegend richtig, wird aber sicherlich im Sinne des Konzeptes zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur und ihres Konkurrenzdenkens missbraucht. Denn durch Minipreneure “kann sich eine Gruppe und jeder Einzelne in ihr „zum Projekt machen“, um seine Selbstwirksamkeit zu stärken und gemeinschaftliche und persönliche Ziele zu erreichen.”

Die Zielsetzung ist die Person und nicht die Gemeinschaft. Es wird weiterhin der Egoismus gefördert und persönlicher Erfolg und persönliches Wohl als höchstes Gut betrachtet. Die Gemeinschaft ist gut genug dafür geeignet, Ideen zu liefern, sich selbst zu stärken, aber damit, daß eigene Minipreneure auch in Zukunft Erfolg haben, kann muss ein beständiger Nachwuchs an faulen und unfähigen Langzeitarbeitslosen geschaffen werden, die man also erst in ihrer Person komplett zerstört, um sie anschliessend als Minipreneure neu zu erziehen, neu zu erschaffen und neu zu programmieren.
Seite 19

Der evolutionstheoretische Hintergrund

“Das POLYLOG-Modell geht von der evolutionsbiologischen Tatsache aus, dass Menschen Gruppenwesen sind und über 82 000 Generationen der Menschheitsentwicklung in „Polyaden“, d.h. in Gruppenkontexten gelebt, überlebt, kooperativ gearbeitet, ständig Altes überschritten, Neues geschaffen und kulturelle Entwicklungen vorangetrieben haben.”

Auch diese Erkenntnis ist richtig, doch es wird die falsche Schlussfolgerung gezogen, nämlich das Manifestieren und Zementieren des längst überholten Gesellschaftsmodells mit Vollzeiterwerbsleben und Machthörigkeit, mit Teilhabe und Ausgrenzung. Im Zuge der industriellen Revolution sind wir vom eigentlich rechten Weg des tatsächlichen Miteinanders abgekommen. Die Ansichten und gesellschaftlichen Werte haben sich geändert, es leben nicht mehr 3 oder mehr Generationen unter einem Dach und es tragen nicht mehr alle auf ihre Art dazu bei, dass jeder alles hat. Die Seuche “aufgeblähtes Ego” und ihre hohe Ansteckungsquote sind die Quelle, aber Minipreneure stellt keinen Ausweg aus dieser Situation dar, sondern ein geschickt getarntes Mittel, genau diese falsche Struktur zu erhalten und zu festigen.

Welches Konzept möchte Peter Hartz hier nun genau umsetzen? Grob gesagt geht es um zwei Kernpunkte:

1.)Die komplette Erfassung der Arbeitslosen samt ihrer Interessen, Fertigkeiten, Fähigkeiten und psychologischen Besonderheiten.

2.) Den Aufbau einer Datenbank, in der alle möglichen Beschäftigungsmöglichkeiten gesammelt werden.

Dadurch soll eine optimale Vermittlung ermöglicht werden. Das mag auf den ersten Blick gar nicht so schlecht wirken, aber bei genauerer Betrachtung findet man die Schwächen des Systems, die über die reine Datenerfassung hinaus gehen.

In der “Kreativierungswoche” kommen “neurobiologische und psychologische Erkenntnisse” zum Einsatz. Welche das genau sind oder wie die intensiven Gruppenaktivitäten aussehen, wird an dieser Stelle nicht genannt.

Neurobiologie als solche ist ein sehr weites Feld, sie reicht von der rein formalen Biochemie über Genetik bis hin zur Psychiatrie. Die psychologische Diagnostik für ein Matching zu Berufen bzw. Beschäftigungsmöglichkeiten geht

laut Dokument weit über bisherige Ansätze hinaus. Auch hier fehlen Hinweise darauf, was genau angewandt wird oder auf welche Art und Weise in den Gehirnen der freiwilligen Versuchskaninchen hantiert wird.

Quer durch das gesamte Dokument finden sich Hinweise auf die krude Menschensicht der Akteure hinter dem Projekt, und man gewinnt einen deutlichen Eindruck davon, in welcher Welt die Schöpfer des Minipreneur leben, was ihre Ziele sind und woher sie ihre Motivation nehmen, sich mit einer gemeinnützigen GmbH als Wohltäter der Menschheit präsentieren zu wollen.

So etwa auf Seite 12:

==>weiter www.s-o-z.de/?p=19441

07:27 24.03.2010
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Geschrieben von

Margareth Gorges

Mit dem Wissen wächst der Zweifel” (J.W.v.Goethe) www.NachDenkSeiten.de
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