Hans-Ulrich Wehler kommentiert Thilo Sarrazins Buch in der„Zeit“

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De dicto

Geschrieben von Roberto J. De Lapuente

Soeben hat der Historiker Hans-Ulrich Wehler das Deutschland-Buch von Thilo Sarrazin in der „Zeit“ kommentiert. Es ist nicht untertrieben zu sagen, dass dieser Beitrag der Debatte eine völlig neue Wendung gibt.
Hans-Ulrich Wehler gehört zu den besten Kennern dessen, wovon Sarrazin handelt, der sozialen Schichtung in Deutschland nämlich. Und er bezeichnet das Buch nun als „das Reformplädoyer eines geradezu leidenschaftlichen Sozialdemokraten“. Wehler muss es wissen, er ist selbst ein Linker: völlig unverdächtig rechtspopulistischer Neigungen, unanfällig für Irrationalismen - Wehler hat einst den Historikerstreit gegen Relativierungen des Nationalsozialismus in Gang gebracht -, unempfänglich für eine elitäre Missachtung von Unterschichten.
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- Jürgen Kaube, Frankfurter Allgemeine vom 8. Oktober 2010 -


Zum Gesagten sei angemerkt: Schützenhilfe aus berufenen Munde für Sarrazin. Wehler, der Verfasser der fünfbändigen "Deutschen Gesellschaftsgeschichte", springt dem dilettantischen Erbbiologen bei. "Anstatt die schwer zu widerlegenden Befunde Sarrazins zur Bilanz der Einwanderung anzuerkennen, verschanze man sich hinter Einwänden gegen Erbbiologie", zitiert Kaube Wehler. Schwer zu widerlegen! und Verschanzen hinter Sarrazins Erbbiologie!, stehen als Kampfbegriffe gegen Sarrazins Kritiker im Raum. Ist der "für rechtspopulistische Neigungen völlig unverdächtige Linke" Wehler ein objektiver Beobachter?

Die Komplimente Kaubes lassen das freilich annehmen. Doch ganz so objektiv und so unvoreingenommen, scheint Wehler nicht zu sein: Historiker werfen ihm vor, eine Apologetik zu bedienen, die einst weiße Herrenmenschen zur Legitimation kolonialen Sendungsbewusstseins anwandten. Dieser Vorwurf rückt den "Linken Wehler" in eine Gesinnungsgenossenschaft zu Sarrazin, der die geistige Besserstellung des europäischen Menschen gegenüber Arabern und Moslems, noch etwas biogenetisch herausgeputzt hat, während Wehler sich dieserlei Erklärungsmuster ausspart. Joachim Zeller, Autor des Buches "Bilderschule der Herrenmenschen"http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=adsinistram-21&l=as2&o=3&a=3861534991, arbeitet Wehlers krude Thesen folgendermaßen heraus:
"Die nichtwestlichen Regionen des Globus hätten "aus Mangel an einem hinreichenden endogenen Entwicklungspotential durch den westlichen Imperialismus gewaltsam an die moderne Welt" angeschlossen werden müssen. Die deutsche Arbeitspolitik in den Kolonien habe gar nicht anders gekonnt, "als die Einheimischen in einem langwierigen Disziplinierungsprozeß an regelmäßige Arbeit im europäischen Sinn zu gewöhnen". Solche kruden modernisierungstheoretischen Argumentationsmuster ins Feld zu führen, die den Kolonialismus als eine frühe Form der Entwicklungshilfe verklären, ja das Bild vom "Müßiggang des Negers" heraufzubeschwören, das war bisher die Domäne Ewiggestriger."
Hinter solcherlei Kritik wittert Wehler den "unheilvollen Einfluss von Foucault", durch den es erst möglich wurde, die Geschichte der modernen Welt als eine Geschichte von Disziplinierung und Inhaftierung zu entblättern; Foucault hat eine Geschichte der Macht geschrieben, in der diese als penetranter Selbstzweck erörtert wurde. Anders gesagt: weil mit den Augen derer, die mit Foucault argumentieren, der Kolonialismus nicht als positives Geschehen zugunsten der kolonisierten Völker gesehen werden kann, sondern dergestalt, dass Macht immer um Legitimationsmotive ringt, wittert Wehler - der Überschrift Zellers gemäß - ein "diffuses foucaultianisches Lebensgefühl".

Die völlig neue Wendung, die die Frankfurter Allgemeine in der Sache Sarrazin heraufbeschwören will, ist folgende:

weiterlesen: ad-sinistram.blogspot.com/2010/10/de-dicto.html

12:29 13.10.2010
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Geschrieben von

Margareth Gorges

Mit dem Wissen wächst der Zweifel” (J.W.v.Goethe) www.NachDenkSeiten.de
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