Immer und zu allem etwas zu sagen haben

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Immer und zu allem etwas zu sagen haben

Geschrieben von Roberto J. De Lapuente

In einer Mediengesellschaft ist es möglich, dass aus jeder medialen Geringfügigkeit ein Hype erwächst. So wie neulich, als bei jener großen Samstagsabendsendung, die vom konzilianten Blonden mit dem neurotischen Kleidergeschmack geleitet wird, ein Kandidat in einen schwerwiegenden Unfall verwickelt war. Nun ist für die Beteiligten, für das Unfallopfer und dessen Familie und Freunde, dieses Ereignis freilich keine geringfügige Nichtigkeit - weshalb man aber die Öffentlichkeit minutiös über Gesundheitszustand und Familienverhältnisse aufklärt, kann nicht so richtig begriffen werden. Und wieso sich auch Hinterbänkler des Bundestages oder aus Senaten und Landtagen und halbwegs profilierte Gestalten des Berliner Zirkus zu Wort melden: das ist nicht zu verstehen und krönend noch peinlich.

Wichtig ist in einer Medienrepublik alles; die politische Gilde, die sich via Medien ins Mandat und in Szene rücken will, muß daher immer und überall, zu jedem wichtigen Thema und zu jeder Banalität eine Meinung haben, vor die Kameraobjektive drängen. Ob nun Wettkandidaten, die zu Sturz kommen oder eine Göre, die bei einem internationalen Gesangsblödel-Contest gewinnt: alles ist von Belang, alles muß kommentiert, alles muß rhetorisch verarbeitet werden. Und wenn morgen das agenda setting hellblaue Söckchen vorgibt, dann werden eben hellblaue Söckchen kommentiert - man ist ja flexibel, man hat zu allem eine zu vertretende Ansicht und zu verströmende Bedenken.

Bedenken, die nun auch im Falle der Samstagsabendsendung lang und breit ergossen werden. Gefährlich sei diese Wette gewesen, unverantwortlich sei es, dem Publikum zur Befriedigung seiner Gelüste so eine Risikonummer zu unterbreiten. Dass der Wettkandidat ein erwachsener und somit mündiger Mensch war, dass Unfälle zuweilen geschehen, dass in diesem Unfallsszenario letztlich auch der Reiz solcher Veranstaltungen ruht: davon keine Silbe! Wenn bei RTL mal wieder Klischee-Arbeitslose und Gemeinplatz-Asoziale am Nasenring vorgeführt werden, um dieser ganzen Gesellschaftsschicht zur Unehre zu verhelfen, dann vernimmt man keinen Laut von den derzeitig bitterböse Empörten. Gegen eine tendenziöse Berichterstattung, wie sie unter anderem bei RTL stattfindet, könnte man Maßnahmen ergreifen - da lohnten sich kritische Statements durchaus.

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07:29 10.12.2010
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Geschrieben von

Margareth Gorges

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