Machtkartell Bertelsmann

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Machtkartell Bertelsmann

geschrieben am 26. September 2010 von Spiegelfechter

Die Bertelsmann Stiftung der Familie Mohn ist über die Jahre hinweg zum vielleicht wirkmächtigsten Spieler im deutschen Politpoker geworden

http://www.spiegelfechter.com/img/bertelsmann.png“Alle Macht kommt vom Volke” – die Volkssouveränität ist einer der Grundpfeiler der Demokratie. Aber geht in einer modernen Demokratie wie Deutschland tatsächlich alle Macht vom Volke aus? Die Bundesrepublik Deutschland ist eine repräsentative Demokratie – der Wähler macht alle vier bis fünf Jahre sein Kreuz auf dem Wahlzettel und legitimiert damit einen Repräsentanten zur Ausübung der Macht in seinem Namen. In einer lebendigen Demokratie wäre der Bürger auch in die Entscheidungsfindung und die politischen Entscheidungsprozesse seiner Repräsentanten direkt mit eingebunden. So lebendig ist die deutsche Demokratie allerdings nicht. Der Wähler macht sein Kreuz und danach übernehmen die modernen Meinungsmacher – Think Tanks, Verbände und Stiftungen.

Als der Bertelsmann-Konzern in diesen Tagen sein 175jähriges Bestehen feierte, erinnerten die Feierlichkeiten eher an einen Staatsakt, als an ein Unternehmensjubiläum – eine überaus freundliche Laudatio von Angela Merkel, 1.000 Prominente aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, darunter das Who is Who der deutschen und internationalen Politikelite, wie beispielsweise EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Keine Frage, Bertelsmann ist nicht nur ein Weltkonzern, sondern auch ein politisches Unternehmen.

Der Bürger auf der Straße verbindet mit dem Namen Bertelsmann jedoch meist nur den gleichnamigen Buchclub, der mit seinen Filialen in den meisten deutschen Städten präsent ist. Im großen Bertelsmann-Reich ist der Buchclub jedoch nur ein kleines, relativ unbedeutendes Rädchen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war Bertelsmann ein provinzieller Verlag, der vor allem christliche Erbauungsliteratur in seinem Repertoire hatte. Im Dritten Reich wurde Bertelsmann unter dem SS-Ehrenmitglied Heinrich Mohn zu einem der größten deutschen Verlagshäuser. Das Programm bestand nun vor allem in Blut- und Bodenliteratur mit einem rabiaten Antisemitismus für die Landser an der Front. Mit einer – unter fragwürdigen Umständen erlangten – Verlagslizenz der britischen Besatzungszone in der Tasche baute Reinhard Mohn in der Nachkriegszeit das Unternehmen mit seichten Inhalten wieder auf.

Bertelsmanns Lesering und der Musikverlag Ariola, der mit den Schallplatten von Heintje Millionen machte, waren der Grundstein, auf dem der Firmenpatriarch Reinhard Mohn mit einer erfolgreichen Expansionsstrategie einen Weltkonzern aufbaute. Heute ist Bertelsmann der größte europäische Medienkonzern – über die RTL-Group kontrollieren die Gütersloher die deutschen Privatsender RTL, RTL II, Vox, Super-RTL und n-tv, über Gruner + Jahr ist Bertelsmann mit Publikationen wie dem Stern, der Financial Times Deutschland oder Capital im Printbereich aktiv. Auch am Spiegel-Verlag ist Bertelsmann über Gruner + Jahr mit einer Sperrminorität von 25,5% beteiligt. Die klassische Verlagsarbeit ist heute in der Verlagsgruppe Random House zusammengefasst – der größte Publikumsverlag der Welt ist eine 100%-Tochter der Bertelsmann AG und konnte jüngst über seine Sparte DVA mit dem Buch von Thilo Sarrazin einen Millionengewinn erzielen.

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11:00 26.09.2010
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Geschrieben von

Margareth Gorges

Mit dem Wissen wächst der Zweifel” (J.W.v.Goethe) www.NachDenkSeiten.de
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