Merkels Neujahrsansprache; Spiele statt Brot

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Spiele statt Brot

Verantwortlich: Wolfgang Lieb |

Was Angela Merkel mit ihrer Neujahrsansprache wirklich sagen wollte, darüber haben auch schon andere gerätselt. So versuchte sich etwa die Süddeutsche Zeitung an einer „radikal-ehrlichen“ Version dieser Ansprache ans Volk. Doch man braucht eigentlich nicht in Ironie zu flüchten, um die „wahre Rede“ der Kanzlerin zu erfassen, dazu genügt es die tatsächlich gehaltene Neujahrsansprache einmal etwas genauer nachzulesen. Es ist eine Rede wie aus einem Sprachgenerator altbekannter Redeversatzstücke. Was die Kanzlerin konkret verspricht sind Spiele statt Brot.

„Es war die Kraft der Freiheit, die die Berliner Mauer zu Fall gebracht hat. Und es ist diese Kraft der Freiheit, die uns heute Mut für das neue Jahr und das nächste Jahrzehnt machen kann. Sie trägt uns gerade auch bei den Aufgaben, die uns im neuen Jahr viel abverlangen.“

Ob zu Ehren von Altkanzler Helmut Schmidt, ob zum Jahrestag des Falls der Mauer, zum Tag der Einheit, ob im US-amerikanischen Kapitol oder in der Regierungserklärung vor dem Deutschen Bundestag, die Floskel von der „Kraft der Freiheit“ gehört für Merkel zum Standardrepertoire aller feierlichen Reden. Mit dem Slogan „Kraft der Freiheit“ haben Westerwelle und Merkel auch schon die Wahl gewonnen.

Was meint Merkel eigentlich mit der „Kraft der Freiheit“?
Kein Begriff ist in der Geschichte der Menschheit so oft missbraucht worden, wie der Freiheitsbegriff.
Einmal abgesehen, von der weltpolitischen Konstellation, die den Sturz des SED-Regimes möglich machte, welche Kraft der Freiheit hat die Berliner Mauer wirklich zu Fall gebracht?
Es war der Wunsch der Deutschen in der DDR nach demokratischer Selbstbestimmung gegen die Fremdbestimmung durch ein diktatorisches Herrschaftssystem, es war die Freiheit von einem Überwachungsstaat, es war das Bedürfnis nach Meinungs-, nach Informations-, nach Reisefreiheit, auch nach Konsumfreiheit. Es war aber sicherlich zuletzt der Wunsch nach den wirtschaftsliberalen Freiheitsrechten des kapitalistischen Westens, also nach der „Ordnung der Freiheit“ wie sie etwa Bundespräsident Köhler definiert hat, nämlich „Privateigentum, Wettbewerb und offene Märkte, freie Preisbildung“.

Wenn Merkel an die „Kraft der Freiheit“ appelliert, die uns bei den vor uns liegenden Aufgaben tragen soll, dann stehen heutzutage sicherlich nicht die bürgerlichen Individualfreiheiten im Vordergrund, für die die Bürger der DDR auf die Straße gegangen sind. In der aktuellen wirtschaftlichen Situation geht es der Kanzlerin viel mehr um die Verteidigung der wirtschaftlichen Freiheit oder konkret bezogen auf die Krise, die ja durch die ungehemmte Freiheit der Märkte verursacht wurde, um die Akzeptanz der Bevölkerung für die Lasten, die sie für deren Bewältigung zu tragen haben werden. Merkel missbraucht den Freiheitsbegriff, um mit dem Pathos der Freiheit, die Menschen darauf einzuschwören, dass sie ihren Gürtel enger schnallen müssen. Mit ihren Worten heißt das, dass „´wir` unsere Art zu leben“ ändern müssen.

weiter: www.nachdenkseiten.de/?p=4433#more-4433

11:45 02.01.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Margareth Gorges

Mit dem Wissen wächst der Zweifel” (J.W.v.Goethe) www.NachDenkSeiten.de
Schreiber 0 Leser 3
Avatar

Kommentare 3