Sklaven der Landstraße

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Sklaven der Landstraße

Geschrieben von Roberto J. De Lapuente
Unendlich scheint es her, da nahm man sie als Helden, als Giganten der Landstraße wahr. Damals glichen die Velozipedisten, so ihr etwas altertümlich klingender Name, den heutigen Radsportlern wenig. Nicht nur optisch: denn sie waren tatsächlich Heroen, die Ersatzteile mit sich, nicht im Begleitfahrzeugen - die es gar nicht gab - mitführten, Fahrradschläuche wie eine Schärpe um sich gewickelt hatten, anfallende Reparaturen während des Rennens selbst leisten mussten - die überdies lange noch ganz ohne Gangschaltung auskommen, sich dessenungeachtet trotzdem ungepflasterte, nicht asphaltierte Berghänge hinaufquälen mussten. "... unnötige Helden, Helden dennoch", schrieb der französische Sportreporter André Reuze 1928 über diese heroische Epoche des Radsports. "... héros inutiles, héros quand-même"...

Giganten der Landstraßehttp://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=adsinistram-21&l=as2&o=3&a=3328008071 nannte er sein fast schon epochales Meisterwerk. Trotz allem, Giganten sind die heutigen Radsportler nicht weniger - am Ende einer zwei- oder dreiwöchigen Rundfahrt den Zielort zu passieren, gleichgültig ob auf dem Treppchen oder als Wasserträger, der in den Spezialkategorien unter "ferner fuhren" zu finden ist: eine gigantische körperliche Leistung, ein gigantischer Wille ist heute immer noch notwendig, um die Schmerzen, den Gegenwind und natürlich die Einsamkeit des Radrennfahrers zu ertragen. Die Velozipedisten der Neuzeit sind nicht jene der heroischen Epoche - sie haben sich verändert, sie schweißen nicht, wie es die mittlerweile schon berüchtigte Legende des vieux galois Eugène Christophe erzählt, jeden Gabelbruch selbst zusammen. Das sicher nicht! Aber das saisonale Pensum und der somit einhergehende Raubbau am eigenen Körper sind dennoch fast schon heldenhaft.

Giganten wären auch die heutigen Fahrer - andere als damals sicherlich, nicht aber verweichlichter. Der verklärte Blick zurück ist auch im Sport oft milchig. Früher war nicht alles besser: es war alles anders! So wie heute alles anders ist, wie es morgen sein wird - heute ist die gute alte Zeit von morgen, hätte Karl Valentin in getragener Ernsthaftigkeit kalauert. Sie wären Giganten - sind es aber nicht, dürfen es nicht sein. Die Giganten der Landstraße sind zu Sklaven der Landstraße geworden. Sklaven, die man ohnedies seit Jahren wie Kriminelle behandelte: dem Antidopingwahn sei dank! Es ist ja ehrenhaft, sich zum Anwalt sauberen Sports zu machen. Aber Radsportler nackt aus ihren Zimmern zu treiben, wie es schon mehrfach geschah; sie unter Generalverdacht zu stellen, wie es Sportverbände und Medien ständig tun: das führt zu weit. Selbst das in dubio pro reo ist außer Kraft gesetzt - im Zweifel ist man nicht freigesprochen, man ist Dopingsünder; einer, dem man ächtet, weil er nicht mal die Courage besitzt, sein schlimmes Verbrechen zu gestehen. Im Jahr 1998, damals als Marco Pantani einen Hungerast Ullrichs gnadenlos ausnutzte, sich in die Palmarés der grande boucle, der Tour de France fuhr, machte sich das halbe Fahrerfeld auf den Heimweg, nachdem die Dopingfahnder mit den Fahrern wie mit Kriminellen umgesprungen waren. Entweihte Giganten, Sklaven der öffentlichen Moral, die nun auch um ihren wichtigen Erholungsschlaf gebracht werden können, wenn es die Dopingkontrolleure so wünschen.

Betrüger, alles Betrüger!, wissen auch die Zuschauer. Alle dopen schließlich. Das kann ja durchaus stimmen, es ist jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass sich schier alle Fahrer leistungsfördernde Mittelchen eintrichtern. Dann tritt die Öffentlichkeit moralisch auf, schimpft auf den Radsport generell und seine haltlosen Sitten im Einzelnen, auf diesen unmöglich betrügerischen Schwindelsport als Auswuchs sportlicher Maßlosigkeit. Gleichzeitig aber giert dieselbe Öffentlichkeit nach Sensationen, nach Rekorden, nach Siegen und magischen Sportmomenten. Man will Höchstleistungen sehen, der zweite Platz ist der erste Platz im Feld der Verlierer. Jan Ullrich weiß das, er ist nach Raymond Poulidor der Rekordhalter für den zweiten Platz bei der Tour de France - "unser Jan" war er im Erfolg, Ullrich rief man ihn nur, wenn man von seiner Leistung enttäuscht war; enttäuscht war, obwohl er jahrelang erfolgreich in der Weltspitze mitfuhr, ohne nochmals nach 1997 die grande boucle zu gewinnen.

Seinen zweiten Platz 1996 bejubelte man noch wie einen Sieg; damals war Ullrich eine Sensation, ein Hoffnungsträger, der die Zukunft des deutschen Radsports dominieren sollte; ferner war er der Bezwinger des großen Miguel Indurain, fuhr ihn beim Einzelzeitfahren in Grund und Boden - außerdem hatte sich seit Kurt Stöpel 1932 kein Deutscher mehr den zweiten Platz der Gesamtwertung gesichert. Und dann geschah das, was kühnste Experten bereits erahnt, nicht aber so früh erwartet hatten: Ullrich gewann im Jahr darauf die Tour de France. 1997 war das! Alle zweiten Plätze danach, 1998, 2000, 2001 und 2003 waren eine herbe Enttäuschung für die deutsche Öffentlichkeit. Vom dritten Platz 2005 oder vom vierten Platz 2004, auch umwerfende Leistungen bei einem solchen Rennen, ganz zu schweigen - die waren für die deutschen Medien nicht nur Ausdruck für Ullrichs fehlende Form, sondern für seinen angeblich schlechten und lotterhaften Lebenswandel. Hier weiterlesen...

14:35 08.11.2010
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Geschrieben von

Margareth Gorges

Mit dem Wissen wächst der Zweifel” (J.W.v.Goethe) www.NachDenkSeiten.de
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