Söhnt euch mit eurem Diktator aus!

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Söhnt euch mit eurem Diktator aus!

Geschrieben von Roberto J. De Lapuente

Merkel, Sarkozy und Cameron mahnen Reformen in Ägypten an - es sollen aber Reformen unter der Führerschaft Mubaraks sein, finden sie. Denn Mubarak, so finden sie auch, sei ein Stabilitätsfaktor in jener Weltregion und im Hinblick auf Israel sei er derjenige, der weiterhin wünschenswert wäre.

Die Unzufriedenheit der Herrschaften Ägypter sei zwar nicht von der Hand zu weisen, aber Mubaraks Regime, das befriedende Auswirkungen nach Außen hatte, läßt sich eben auch als Erfolgsgeschichte lesen. Um außenpolitisch weiterhin Ruhe zu haben, nehmen Merkel, Sarkozy und Cameron innenpolitischen, innerägyptischen Unfrieden wohlwollend in Kauf. Demonstrieren mit Maß: das ja! Aber man mache aus Mubarak bitte keinen blutsaufenden Diktator! Überhaupt haben die Herrschaften Ägypter nicht so zu klagen, denn in unserem Lande, in Deutschland, hatte man wirklich mal einen richtigen Diktator: und haben wir gegen den etwa demonstriert? Nein, wir haben es ausgesessen, wir haben gewartet, bis er sich eine Kugel in die Schläfe schoss. Wenn wir das können, sollten es auch andere Völker können: schon alleine, um jene Weltregion nicht zu gefährden - um Israel nicht zu gefährden, treffender gesagt. Daher, Ägypter, söhnt euch mit eurem Diktator aus! Geht beide einen Schritt aufeinander zu!

Schon richtig, Mubarak regiert seit dreißig Jahren durchgehend; und: er regiert mittels Notstandsgesetzen. Aber bitte, liebe Ägypter, seid besonnen, damit die einzige Demokratie in jenem Landstrich, die israelische nämlich, am Leben bleiben kann; damit dort weiterhin demokratisch palästinensische Siedlungen geräumt und niedergewalzt, palästinensische Menschen gegängelt und palästinensische Zivilbevölkerung ausgehungert oder ausgebombt werden kann - als Demokratie, sei es die deutsche, französische oder britische, hat man Demokratien zu beschützen. Und dazu benötigt man einen Mubarak, der freilich etwas reformfreudiger sein könnte, um die Unruhen zu zähmen - aber grundsätzlich war Mubarak doch immer ein Garant des Friedens und der westlichen Interessen.

Sicherlich ist Mubarak kein Hitler, er unterhält keine Konzentrationslager und sieht europäische Touristen gerne in seinem Land. Aber er regiert dreißig Jahre am Stück ohne je freie Wahlen zugelassen zu haben - und er hat sich qua Notstandsgesetzgebung zum Alleinherrscher modelliert. Die Tragik an dieser ganzen Sache ist doch eigentlich nur, dass erst jetzt sein Volk aufbegehrt. Gleichwohl die westliche Welt die unterjochten Völker des Islam immer wieder ermutigt, sich ihrer Unterdrücker zu entledigen, teilweise sogar mitgewirkt hat beim Abschaffen eines Diktators, sollte sich das ägyptische Volk nun damit zufrieden geben, dass ein Despot nach dreißig Jahren abermals Reformen ankündigt, die er dann eh nicht einzuhalten gedenkt. Hätte Saddam Hussein Reformen angekündigt, hätte man ihn dann nicht in ein Erdloch verjagt? Mubarak mag zwar, frei nach Franklin D. Roosevelt, ein Hurensohn sein: aber er ist unser Hurensohn! Und genau das war eben Husseins Fehler: er wollte nicht mehr unser Hurensohn sein...

Deshalb stecken Merkel, Sarkozy und Cameron freilich auch in der Misere, von Lobbyisten der Reiseindustrie belagert zu werden, die reges Interesse an der Beibehaltung des status quo haben. Wer weiß was dann kommt? Eine neue demokratische Regierung, die die Reiseindustrie ausgiebiger steuerlich melken will? Oder gar eine islamische Spielart, die Touristen nicht ins Land lassen will? Und was ist, wenn eine neue ägyptische Regierung sich der Sache des palästinenischen Volkes annimmt? Oder wenn sie Israel zukünftig für dessen menschenverachtendes und rassistisches Auftreten und Handeln rügt? Uns fährt doch dann keiner mehr die Pyramiden anschauen! In so einer unruhigen Region will doch keiner urlauben - daher für deutsche, französische und britische Touristen: einen Despoten stärken, ihn zwar medienwirksam tadeln und vermahnen, aber doch liebend gerne im Amt stärken! Und wenn das nicht geht, dann wird man Mubarak um einen Strohmann und nebenher um dessen Rücktritt bitten, damit letztlich alles so bleibt, wie es seit dreißig Jahren war...

08:19 04.02.2011
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Geschrieben von

Margareth Gorges

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