ZDF: „Aufstand der Jungen“ – genauer betrachtet

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ZDF: „Aufstand der Jungen“ – genauer betrachtet, eine Kritik am herrschenden Kurs

Man nehme die eindimensionalen Fortschreibungen der Untergangspropheten des Sozialstaats, wie etwa die von Meinhard Miegel, schreibe deren apokalyptischen Vorhersagen in ein Drehbuch und konstruiere darum eine abstruse Geschichte eines „Millenniumkindes“, das im Jahre 2030 gleich zweimal untertauchen musste und dann von einer auf der Sonnenseite des Systems lebenden gleichaltrigen Freundin gesucht wird. Und man nenne dann diesen abstrusen Film „Doku-Fiction“. Abschließend erklärt man noch bedeutungsschwer den ganzen Unsinn als die „Geschichte einer Generation“, die so verlaufen könne, aber nicht müsse, „wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden“

Die „Doku“ lässt keine Parole der Alarmisten aus: die „Rentenfalle“ in die junge Leute gerieten, weil sie gleichzeitig für die Alten bezahlen und für sich selbst privat vorsorgen müssten; nach 35 Jahren Einzahlung in die Pflegeversicherung bleibe nur noch die Grundversorgung; die Erben von Pflegebedürftigen oder Kranken erbten nur noch Schulden; Krankheiten müssen verschwiegen werden, um die Beitragssätze niedrig zu halten; prädikative Diagnostik senkt den Beitrag zur Krankersicherung; Kliniken suchen sich nur noch die Patienten aus, die zahlen können; Operationen in städtischen Kliniken, die noch alle aufnehmen müssen, werden verschoben, bis dass die Patienten sterben; drastisch erhöhte Studiengebühren zwingen die Studierenden, zum Studium nach Indien auszuwandern; die Schule kann nur noch mit teurer privater Nachhilfe bewältigt und mit einer Erbschaft finanziert werden; die Mittelschicht stürzt ab; Festangestellte werden wegen der Konkurrenz aus Indien in Tochterfirmen als freie Mitarbeiter oder als Zeitarbeiter mit 2.50 Euro ausgelagert; es entstehen „Arbeitsnomaden“; Stadtteile werden zu No-Go-Areas von Untergetauchten mit eigenen Gesetzen und einer eigenen Subsistenzwirtschaft; die Illegalen trauen sich wegen der Videoüberwachung nicht mehr zu den Discountern und kaufen überteuerte Waren und rezeptpflichtige Medikamente bei Schwarzhändlern.

Um der Geschichte überhaupt einen roten Faden zu geben, wird das zweifache Untertauchen des Doku-Helden damit erklärt, dass er sich in die totalüberwachende zentrale Datenbank einhacken wollte, um Krankenversicherungspolicen für seine krebskranke Frau zu fälschen. Was bei seiner Verfolgung durch ein Sondereinsatzkommando zu tödlichen Schussverletzungen führt, wird nach der Rückholung des Helden durch seine Freundin ins gutbürgerliche Leben, dann – des Happy-Ends zu liebe – nur noch mit einer harmlosen zweijährigen Bewährungsstrafe aufgefangen. Ein Schluss, der genauso unschlüssig ist, wie die ganze sog. Doku-Fiction.

Die schwersten sozialen Unruhen „seit Bestehen der Bundesrepublik“ brechen in vielen Städten aus, selbst die Bewohner der besseren Stadtteile ereilt „Todesangst“. „Aus einem Generationenkonflikt ist ein Klassenkonflikt geworden“, wir dann aus dem Pulverdampf der Straßenkämpfe verkündet. Und als Erklärung für die ganze Katastrophe kommt dann die klassische Antwort der Katastrophisten: Das alles sei „der Preis für die jahrelang versäumten Sozialreformen“.

Zwar wurden im Hintergrundtext an zahlreichen Stellen, ohne Zusammenhang mit den filmischen Szenen, immer wieder so Sätze eingeworfen, wie etwa der „Solidarpakt sei in den Trümmern untergegangen“ oder es wurde über den „Generationenvertrag“ oder den „langsamen Abstieg der Mittelschicht“ geschwafelt. Der Film hat an kaum einer Stelle den Zusammenhang zwischen einer angeblich schrumpfenden und vergreisenden Gesellschaft, mit dem „Aufstand der Jungen“ herstellen können. Im Gegenteil: die nach dem Verbleib des Helden recherchierenden Damen haben versinnbildlicht, dass es sich auch 2030 für die Oberschicht noch ganz gut leben lässt. Sie werden Gesellschafter von Beraterbüros oder Fernsehjournalistinnen, kleiden sich in modischem Outlook und fahren Sportwagen (lächerlich wirkende Volkswagen Prototypen). Und das High-Life geht offenbar auch nach dem „Aufstand“ fröhlich weiter.

Wohl eher unfreiwillig und geradezu konträr zur Absicht der Autoren wurde in dem Film, wenn man genauer hinschaut, eigentlich dargestellt, was uns blühen könnte, wenn der schon derzeit eingeschlagene politische Kurs beibehalten wird. Folgt man dem Film „muss“ die Bundesregierung (trotz aller derzeitigen „Konsolidierung“) tiefe Einschnitte vornehmen, die gesetzliche Rente wird vollends abgeschafft, die private Rentenversicherung rechnet sich ausschließlich für hohe Einkommen, die Pflegeversicherung reicht nur noch für die Grundversorgung, der Einstieg in die Studiengebühren war nur der Anfang für eine drastische Erhöhung, prekäre Arbeit weitet sich noch weiter aus. Usw. usf. All das, was in diesem Film zum „Aufstand führt“, ist mit der „Reformpolitik“ der letzten Jahre angelegt und vorgezeichnet.
Wenn man diese „Doku-Fiktion“ also nur ein bisschen mit einem kritischen Auge auf die zurückliegenden Entscheidungen auf den Feldern der Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik betrachtet, könnte man auch sagen, dieser Film führt vor, was bei einer Fortsetzung und Intensivierung des neoliberalen politischen Kurses in zwei Jahrzehnten herauskommt.

Offenbar hat das ZDF erkannt, dass die Sache mit dem „Generationenkonflikt“ in dem Film eigentlich gar nicht vorkommt. Sonst hätte man sich die aufdringlichen Interpretationsvorgaben um diese „Doku-Fiction“ herum wohl auch erspart. Die Vorgabe der Bortschaften wirkt so aufdringlich, als hätte das ZDF Angst, dass der Film womöglich als massive Kritik am bestehenden Kurs verstanden werden könnte. Mehr…

11:40 12.01.2011
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Geschrieben von

Margareth Gorges

Mit dem Wissen wächst der Zweifel” (J.W.v.Goethe) www.NachDenkSeiten.de
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