Geopolitik und Mittagessen - einfach "Ja"?

Selbstbestimmung So sehr eine Chipspackung das Kochen ersetzt, so wenig ist die EU Geopolitik eine selbstbestimmte Handlung. Wer frei wählen will, was er oder sie wie machen will, muss...
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Klar kann ich mich fragen, ob ich diese Chips nun essen soll oder nicht und kann hier mit „ja“ oder „nein“ antworten. Spätestens bei der dritten ausgebliebenen Mahlzeit am Tag bin ich gezwungen endlich zu den Chips zu greifen. Zumindest, wenn ich nie auf die Idee komme, dass die Gemüse- und Käsereste vielleicht noch ein nahrhaftes und leckeres Essen ergeben.
Hierfür müsste ich gewiss schneiden, würzen und kochen – da können die ekelhaft fettigen, maßlos übersalzenen, aber
wenigstens schon zubereiteten Kartoffelscheiben verlockend wirken. Längerfristig sinnvoll als Frühstück, Mittag- und Abendessen sind sie deshalb noch lange nicht. Alle alltäglichen Probleme erfordern ein aktives Handeln, klar. Vom Hungergefühl, über die Prüfungsvorbereitungen, bis hin zum Planen einer Karriere.

Kreative und situativ sinnvolle Handlungen dürfen sich nie mit einem einfachen „ja“ oder „nein“ begnügen. Wer nur im Rahmen von Zustimmung oder Ablehnung denkt, der ist auf vorher bereits definierte Handlungsmöglichkeiten beschränkt. Eine Selbstbestimmung kann hier, wie auch in europäischer Politik vermisst werden.

Wenn unsere EUropäischen Geostrategen und Außenpolitiker sich vor der Frage sehen, ob sie die US Außenpolitik im Iran und gesamten Nahen Osten gutheißen wollen, dann ist das als erster Positionsbezug sicherlich sinnvoll. Bleiben sie dann aber beim einfachen „Ja“ oder gar beim selbstbetonten, medienwirksamen „Nein“ stehen, ohne Handlungsmöglichkeiten auszuloten – na dann verleugnen sie ihre vorhandene Selbstbestimmung als Mensch. Derart leugnen sie auch die Selbstbestimmung als EUropäische Politiker, also auch die übertragene Selbstbestimmung der europäischen Bürger.

Unsere Politiker sehen sich im ‚Chips-Rausch‘ des Zustimmens oder Ablehnens von US Ambitionen, erste rufen schon nach Wirtschaftsanktionen gegen den Iran (Maaßen), andere betonen unsere Ohnmacht im vorderasiatischen Raum (von der Leyen)Sie hemmen sich selbst. Werden handlungsunfähig.

Mit übermäßig fettigen Händen und Bäuchen dürfen wir alle in Europa und außerhalb deren Versagen dann auslöffeln. Schön abgespeist mit Floskeln aus dem Diplomaten-Sprechbaukasten, so dass hiesige Leidtragende ihr Kreuzchen bei der nächsten Wahl dennoch brav wieder richtig setzen …

Sicherlich kann ich unseren Amts- und Würdenträgern keine geopolitischen Handlungen vorgeben. Es ist offenkundig schwer im Nahostkonflikt gute Handlungsmöglichkeiten zu finden und noch schwerer diese auch umzusetzen.
Aber deshalb ohne Handlung oder Lösung dastehen?

Wenn die Attitüde der Populisten ist, dass sie viel zu einfache Lösungen anbieten, dann dürfen die Etablierten dies gerne kritisieren. Zurecht tun sie es. Wenn sie jedoch ein inhaltliches Vakuum erzeugen, in das "zu einfache Lösungen" gebrüllt werden können, ist dann ein bloßes „neingegenüber Populismus hilfreich? Solange die etablierten Politiker weder öffentlichkeitswirksam noch in politischen Kreisen die Situation und ihre Handlungsmöglichkeit aufzeigen – solange sie also in den bestimmenden Themen nur „ja“ oder „nein“ sagen – genau so lange dürfen sie sich auch nicht wundern, wenn andere Politiker das entstandene Vakuum in deren politischem Sinne füllen.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ heißt es bei Paul Watzlawick. Wohl im politischen Diskurs wie im privaten Gespräch.

Wir sprechen mit Blick auf die Geschichte gerne vom vorherigen Machtvakuum, wenn eine einst populistische, bald schon ideologisch-dogmatische und schlussendlich totalitäre „Politik“ eine Demokratie abschaffen wollte und konnte. Wir kennen das Problem aus vielen Beispielen.
Inwiefern erwarten unsere Politiker in Zukunft hier wie da kein baldiges Machtvakuum, während sie mit ihren Aussagen immer gern Vakuum erzeugen, statt Handlungen sprechen zu lassen?

Eine subjektive Einschätzung, aus dem alltäglichen Leben gegriffen und wahrscheinlich viel zu hoch gestochen. Es ist mein erster Beitrag hier bei Freitag.de und so freue mich auf konstruktive und inhaltliche Kritik.

20:19 13.01.2020
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