Covid und Klima, Autorität und Egalität

Zero Covid Die Initiative Zero Covid hat für ihren Aufruf in kurzer Zeit fast 100.000 Unterschriften erhalten
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Es scheint, dass sich beim Umgang mit Covid-19 innerhalb kürzester Zeit eine ähnliche Frage auftut wie beim Thema ökologische/Klimakatastrophe bereits seit dem letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts:

Schon in den 1980er Jahren wurde ein Diskurs darüber geführt, ob es gelingen könne, schnell genug ein demokratisch-egalitäres und ökologisch tragfähiges System zu entwickeln, oder ob sich der Kapitalismus schließlich aus sich selbst heraus zwecks unumgänglicher Ressourcenverwaltung in eine Ökodiktatur verwandeln würde, weil er so, wie er aufgestellt ist, zu einer ökologisch tragfähigen Lösung nicht fähig ist.

Viele Menschen wollen demokratisch-egalitäre sowie ökologisch und human tragfähige Lösungen. Aber es gibt nicht nur starke Gegner, sondern auch Fallstricke, die uns aufhalten.

Zum einen, sich in der Rolle des Staates im Kapitalismus zu verschätzen: Er ist, wie gerade in Zeiten von Corona besonders deutlich wird, letztlich vor allem Sachwalter – untereinander konkurrierender - Kapitalinteressen. Sich auf Forderungen an den Staat zu beschränken, führt leicht in Endlosschleifen von Forderungen, Hoffnungen, Enttäuschungen. Solche Forderungen können allenfalls Mittel sein, um Widersprüche aufzuzeigen. Dabei denke ich nicht, dass der Staat auf Zero Covid wartet, um sein autoritäres Potential zu entfalten. Das tut er wenn dann aus sich heraus.

Zweitens, die Aufgabe, ein demokratisch-egalitäres sowie human und ökologisch tragfähiges Gesellschaftssystem zu erarbeiten, lässt sich spielend leicht unterschätzen. Es ist ein Mega-Projekt, das, wie gesagt, der Staat im Kapitalismus nicht auf sich nehmen, schon gar nicht erfolgreich zu Ende führen wird.

Drittens, ein Teil der Bewegung verfängt sich fortlaufend in der intersektionalen Struktur des Kapitalismus. Da erweist sich dann nur immer wieder, dass man Privilegien verlieren würde, wenn man konsequent für eine demokratisch-egalitäre Entwicklung eintreten würde. Nicht zufällig, und fatalerweise, trifft das vor allem die Dominantesten der „Bewegung“. Man nennt sie, solange das System so ist wie es ist, auch weiße Männer.

Das klingt alles sehr pessimistisch. Dennoch: jemand ziemlich Kluges soll mal gesagt haben: ´Man soll sich alles so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher´

Deshalb ist es zwar zu spät, die Aufgabe zu groß und „die Bewegung“ zu zerstritten, aber jeder denkende Mensch, der eine demokratisch- egalitäre Gesellschaft will, wird trotzdem nicht müde werden, die neue Gesellschaft zu denken, über sie zu streiten, sie zu erkämpfen.

Deshalb bin ich richtig dankbar für die Initiative Zero Covid. Zero Covid ist aus meiner Sicht ein Versuch, ein Angebot, ein Diskussionspapier.

Zero Covid trägt aus meiner Sicht dazu bei, endlich laut zu sagen, dass die bisherigen Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 nicht viel mehr sind als eine Kulisse, vor der der veröffentlichte Diskurs stattfindet. Eindämmung findet in der Öffentlichkeit und in öffentlich gut wahrnehmbaren Bereichen statt. Dahinter läuft die kapitalistische Maschinerie weiter, infizieren sich massenhaft Menschen und sterben Tausende.

Ich bin dafür, die Frage von Zero Covid nach den Bereichen der Wirtschaft, die gesellschaftlich dringend erforderlich sind, als einen Anfang – neben anderen, die es zeitgleich geben kann und gibt - eines Diskurses über Wege in eine demokratisch-egalitäre sowie human und ökologisch tragfähige Gesellschaft aufzugreifen. Die ökologische Frage wurde zu Beginn der Pandemie schon einmal stärker mitgedacht, das ist es wert reaktiviert zu werden.

21:56 16.02.2021
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