ZeroCovid  in der  Sexismus-Falle

Covid, Klasse, Geschlecht Bausteine einer solidarischen Kritik an ZeroCovid
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Margit Englert, 7.3.2021

Obwohl der Text nun schon ein paar Tage alt ist, erscheint er auf mehrfachen Wunsch und Anlass jetzt hier doch noch, bevor er tatsächlich als „Bausteine“ weiterverwendet wird.

Ich habe den Aufruf von ZeroCovid unterschrieben, weil auch ich einen solidarischen Shutdown der Produktion für richtig halte[i]. Es zeigt sich die Unfähigkeit des Kapitalismus, wenn etwas ohnehin zukunftsunfähiges wie Autos unter Infektionsgefahr für die Beschäftigten weiterproduziert wird, und noch dazu gleichzeitig im Gesundheitswesen an allen Ecken tödlicher Mangel herrscht.

Wenig später bin ich ziemlich ernüchtert, weil zunehmend der Eindruck entsteht, dass die Initiative einer sexistischen Agenda folgt. Man macht sich die herrschende duale Geschlechterideologie zu eigen und trennt weiblich konnotierte Bereiche und Tätigkeiten als „Geschlechterpolitik“ oder „Feminismus“ von vermeintlich Geschlechtsneutralem ab.

Das folgt bürgerlich-kapitalistischer Ideologie und Herrschaftstechnik und widerspricht einer gesamtgesellschaftlich demokratisch-egalitären Strategie. Insbesondere da es hier um Gesundheitsschutz geht, ist es ganz besonders widersinnig und unbrauchbar. Es kann den Virus nicht beseitigen und daher auch den Neoliberalismus nicht daran hindern, den begonnenen Weg in ein autoritär-kapitalistisches System mit dem Virus als Vorwand fortzusetzen.

Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz

Seitdem es kapitalistisch-industrielle Produktion gibt, wird der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz ausgebremst durch herrschende Geschlechterideologie. Belastungen auszuhalten, Risiken einzugehen, Schmerzen zu überwinden gehört zur männlichen Rolle/Identität und ist damit aufgewertet, während es weiblich konnotiert und abgewertet ist, leicht krank zu werden sowie vorsichtig und gesundheitsbewusst zu handeln*. Das Kapital muss ein Interesse an dieser Art der „Männlichkeit“ haben, appelliert an sie und fördert sie. Das spart Maßnahmen zum Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz und erhöht damit den Profit. Zahlreich sind die Fälle aus der letzten Zeit, in denen sich Vorgesetzte und Chefs selbst als „Manns genug“ präsentieren und von Mitarbeiter*innen sogar fordern, die Masken wegzulassen. Geschlechtsidentitäten sind profitabel. Männlichkeit und Profitinteresse wirken strukturell in dieselbe Richtung.

Jede, die mal mit Gefahrstoffen gearbeitet hat oder an ihrem Arbeitsplatz anderen Gesundheitsgefahren begegnet ist, und Wert auf den Schutz der eigenen Gesundheit gelegt hat, kennt die Situationen. „Hab dich nicht so weibisch!“ „Du bist doch ein Mann, oder?!“ sind Klassiker von der gröberen Sorte. Vielerorts sind sie subtilerem Verhalten gewichen. Auslachen, spöttisches Grinsen, das demonstrative unterm Kinn tragen der Maske gehören zu diesem Gebaren.

Mit dieser Konstellation muss umgegangen werden, wenn emanzipatorische Politik gemacht werden will. Sonst ist es keine.

An erster Stelle steht dabei m.E., nicht auch noch im eigenen politischen Projekt einer dualen geschlechterhierarchischen Ideologie zu folgen. Das heißt vor allem, ganz klar auch die Care-Bereiche der Arbeit ins Zentrum zu rücken.

* Mit der tatsächlichen Verteilung von Arbeitsbelastungen hat diese ideologische Zuordnung nichts zu tun.

Häusliche Gewalt

Das Thema häusliche Gewalt im Zusammenhang mit dem geforderten Lockdown an den Rand zu schieben, ist ein Schlag ins Gesicht für alle Betroffenen. ZeroCovid ist angetreten, sich für Gesundheit einzusetzen. Aber wie glaubwürdig ist das, wenn gleichzeitig körperliche, sexualisierte und psychische Gewalt ignoriert oder zumindest beiseitegeschoben werden. Das fällt selbst hinter die innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Welt bisher formulierten Ziele zurück (Grundgesetz, Istanbul-Konvention, Gewaltschutzgesetz z.B.).

An zentraler Stelle muss auch hier die Forderung nach Öffnung von Hotels und anderen leerstehenden Gebäuden und nach Vergabe von Wohnungen auch an Betroffene bzw. Täter*innen häuslicher Gewalt stehen.

Das in dem „Stufenplan“ vom 2.3.2021 Formulierte: „… Auflösung von Gemeinschaftsunterkünften …“ und etwas weiter unten: „Großzügige … Schaffung neuer Frauenhäuser “ möchte frau am liebsten nicht glauben. Es ist eine Verhöhnung der betroffenen Frauen und Kinder.

Pflege muss zentrales Thema sein

Pflege in Krankenhäusern, Altenheimen und anderen medizinischen Einrichtungen ist ein absolut zentrales Thema, das sich m.E. nicht darauf reduzieren lässt, dass die Pflege infolge der Stilllegung der Produktion und dadurch sinkender Inzidenzen entlastet werden soll, denn:

Schon während der SARS-Pandemie 2004 erwiesen sich Krankenhäuser weltweit vielfach als Hotspots[ii] (Thema Krankenhausinfektionen = nosokomiale Infektionen). Insgesamt kommt es in Deutschland unter den desolaten Bedingungen in den Krankenhäusern jährlich zu knapp 600.000 Krankenhausinfektionen, an denen knapp 30.000 Menschen sterben. Warum sollten zunehmend ansteckende SARS-CoV2-Varianten hier eine Ausnahme machen? So zeigt die bisherige Entwicklung, dass es auch heute zu einem beträchtlichen Anteil der SARS-CoV2-Infektionen innerhalb der Altenheime, Krankenhäuser und anderen medizinischen Einrichtungen kommt. Das folgt ganz einfach daraus, dass es unter den gegebenen Bedingungen von Zeit, Platz, Personal und Material nach den übereinstimmenden Berichten vieler Pflegender und Patient*innen nicht möglich ist, eine Weitergabe des Virus zu vermeiden. Für die Altenheime sind die zahlreichen Ausbrüche mit vielen Toten allgemein bekannt, laut RKI ist die Situation auch durch die begonnenen Impfungen nicht unter Kontrolle[iii]. In diesen Tagen, Februar 2021, beginnt das RKI, nosokomiale SARS-CoV2-Infektionen für die Krankenhäuser zahlenmäßig zu erfassen.[iv] Angesichts der kurzen Aufenthaltsdauer der Patientinnen in den Krankenhäusern und der langen Inkubationszeit von Covid19 dürfte dabei allerdings nicht allzu viel Verwertbares herauskommen. Bisherige Schätzungen sind sehr vage und kommen auf mindestens jede achte Infektion.

Dabei stellen Krankenhäuser, Altenheime und andere medizinische Einrichtungen keine voneinander isolierten Bereiche dar, sondern bilden ein zusammenhängendes System, in dem der Virus vielfach herumgetragen wird: Er wandert aus den Krankenhäusern in die Altenheime, Ambulanzen, Reha-Zentren und zurück. Besonders stark ist der Austausch oft mit Altenheimen, weil deren Bewohner*innen häufig in die Krankenhäuser und wieder zurück verlegt werden. Deshalb ist auch die vielfach verbreitete Aussage falsch, der Virus könne nur durch Besucher*innen und Pflegende in die Heime getragen werden.

Der Kampf für eine menschenwürdige Pflege kann nicht den Beschäftigten, ihren Arbeits- und politischen Kämpfen allein überlassen werden. Er geht alle an. Beschäftigte stehen unter hohem menschlichem Druck und vor allem unter den Zwängen des Arbeitsrechts. Ihre Arbeitsbedingungen sind vielfach unmenschlich und demütigend. Sie bezahlen es mit ihrer physischen und psychischen Gesundheit und oft genug mit dem Tod. Gleiches gilt für die Behandlung der Patient*innen unter den gegebenen Bedingungen von Zeit-, Platz- und Materialmangel. Seit langem wünschen sich Pflegende die Unterstützung durch die Öffentlichkeit sowie mehr politischen Einfluss, und das ist auch genau der richtige Weg: Gemeinsames Eintreten von Pflegenden, (zukünftigen) Patient*innen, Angehörigen und allen, die in dieser Gesellschaft eine gute Gesundheitsversorgung wollen. Es gibt sehr fitte Initiativen von Pflegenden, die seit langem für ihre Forderungen eintreten. Sie sind die Expert*innen. Was derzeit von ZeroCovid formuliert wird, bleibt dahinter m.E. weit zurück.

Alten- und Pflegeheime seit langem in der Kritik

Die Bedingungen für die Bewohner*innen der Altenheime sind vielfach absolut unmenschlich und menschenrechtswidrig. Das ist seit langem bekannt. Die schlechten Bedingungen, unter denen alte Menschen in den Heimen vielfach leben müssen, verantworten das massenhafte Sterben an Covid mit. Angefangen beim Mangel an Möglichkeiten präventiver körperlicher Betätigung über die Enge in Mehrbettzimmern, die häufig auch mit Infizierten geteilt werden müssen, bis hin zu Mangelernährung und Dehydrierungen.

Die einseitige und reduktionistische Ausrichtung auf Testen und Abstandhalten, das vielfach gar nicht möglich ist, dethematisiert auch hier die Bedingungen, die Ursache des Krankheitsgeschehens sind: Mangel an Platz, Material, Personal, Zeit, Ausbildung. Daran kann sich auch durch zusätzliche Kontrollen nichts Entscheidendes ändern. Nicht umsonst gibt es rechtlich für die Heime weit überwiegend Soll-Vorschriften, Ausnahmeregeln, Übergangsvorschriften. Die Verwertungsbedingungen für das Kapital, das in den Pflegeimmobilien steckt (über 40% der Heime gehören Kapitalgesellschaften), bleiben durch die Forderung vermehrter Kontrollen weitgehend unangetastet, die Verantwortung für das Leiden und Sterben wird den Beschäftigten zugeschoben. Das ist das genaue Gegenteil des von ZeroCovid zu Papier gebrachten Anspruchs eines solidarischen Shutdown.

Die Corona-Ausbrüche in den Heimen bringen zwar einzelnen Heimbetreibern kurzfristig ökonomische Verluste, langfristig und gesamtgesellschaftlich reduziert das Sterben der Alten aber schlicht die Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft und erhöht damit den durchschnittlichen Profit kapitalistischer Unternehmen. Sollte das jemand zynisch finden: Bitte nicht die Überbringerin der schlechten Nachricht erschlagen, sondern den Inhalt beachten. Die Aussage ist genauso zynisch wie die kapitalistische Wirtschaftsordnung selbst.

Auch hier muss also das Ziel ganz konkret sein, den Menschen in den Heimen sofort mit einem größeren Platzangebot, auch durch beschleunigte Neubauten, zu helfen und sich vor allem dafür einzusetzen, dass mehr Personal in den Heimen selbstbestimmter arbeiten kann, bei gutem eigenen Lebensstandard.

Die Forderung nach angemessener Bezahlung hängt eng mit dem Schutz vor häuslicher Gewalt zusammen, denn wer genug verdient um sich und den Kindern eine eigene Wohnung bezahlen zu können, lässt sich zu Hause weniger gefallen, zieht ggf. einfach aus.

Naturwissenschaftlich-biotechnologischer Reduktionismus

Aufgrund der katastrophalen Bedingungen grassieren in den Krankenhäusern, Altenheimen und anderen medizinischen Einrichtungen seit langer Zeit auch andere Erreger, darunter die gegen Antibiotika multiresistenten bakteriellen Erreger. Sie rufen oft Superinfektion hervor und verschlimmern so den Verlauf von Covid-19. Die Frage, ob die Patientin am Ende an oder mit Covid, Influenza, E.coli oder MRE stirbt, ist schon fast zynisch angesichts dessen, dass gegen die mangelhaften hygienischen Zustände insgesamt kaum etwas unternommen wird.

Sollte die Frage nach dem Zusammenwirken von Covid mit anderen Erregern stärker in die öffentliche Diskussion geraten, dauert es wahrscheinlich nicht lange, bis die Medizintechnik-Fraktion mit dem Vorschlag weiterer Tests reagiert (Influenza-PCR, MRE-PCR´s usw.). Während die Öffentlichkeit mit immer ausgefeilteren Methoden und Statistiken beschäftigt wird, werden so die Zustände in der Pflege dethematisiert. Das bringt den Herstellern Profite, während Forderungen nach Beseitigung der Ursachen der Infektionen, verbunden mit dem Einsatz von wesentlich mehr Ressourcen, zurückgedrängt werden.

Das leitet über zur Kritik an dem einseitig naturwissenschaftlich-technischen Umgang mit Covid, der seinen Nährboden ebenfalls in der Verknüpfung von Geschlechterhierarchie und kapitalistischer Verwertung hat: Die Anwendung naturwissenschaftlich-technischer Methoden in der Medizin bringt den Herstellern Profite, und da diese Bereiche als männlich konnotiert aufgewertet sind, lässt sich das dann auch der Öffentlichkeit gut verkaufen. Pflege dagegen ist als weiblich konnotierte Tätigkeit abgewertet und gleichzeitig in der Kapitalverwertung ein reiner Kostenfaktor, schmälert also den Profit.

Covid-19 aber ist eine Krankheit, kein naturwissenschaftliches Problem. Zwar ist es dringend notwendig, ein gutes Nachweisverfahren wie die PCR zu haben. Notwendig, aber bei weitem nicht hinreichend. Es offenbart ein extrem reduktionistisches Verständnis von Gesundheit und Krankheit, wenn sich der gesellschaftliche Umgang mit der Pandemie so weitgehend auf naturwissenschaftlich-biotechnologische Methoden beschränkt.

So werden Risikofaktoren zwar ausgiebig aufgezählt, aber gleichzeitig als gegeben hingenommen. Sie gehören nach herrschendem Verständnis in Pandemiezeiten – anders als sonst - offenbar nicht zum Zuständigkeitsbereich der Medizin. Die Stimmen, die eine Stärkung des Herz-Kreislaufsystems und der Lunge durch Bewegung, des Immunsystems durch Ernährung und Stressabbau sowie weitere präventive Maßnahmen, zum Beispiel bei Diabetes und metabolischem Syndrom ins Gespräch bringen, sind nur sehr vereinzelt und leise zu vernehmen. Schlimmstenfalls wird sogar versucht, sie in die Verschwörungs-, Leugnungs-, Esoterik-Ecke zu stellen.

Auch hier könnte eine Initiative wie ZeroCovid ein Gegengewicht setzen.

Für einen wirklich solidarischen Shutdown!

Und danach: Für eine solidarische, an den Bedürfnissen aller Menschen orientierte Produktion und Verteilung! Keine Rückkehr zum tödlichen kapitalistischen Normalzustand!

Margit Englert ist unter anderem gelernte Biochemikerin und befasst sich immer mal wieder mit Themen des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz, aber auch mit anderen Themen.

[i] Auch das RKI erkennt das Infektionsrisiko im beruflichen Umfeld an, siehe z.B. den Situationsbericht des rki vom 3.März 2021, in dem es heißt:

„Die hohen bundesweiten Fallzahlen werden durch zumeist diffuse Geschehen mit zahlreichen Häufungen insbesondere in Haushalten, im beruflichen Umfeld und in Alten- und Pflegeheimen verursacht.“

https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/Maerz_2021/2021-03-03-de.pdf?__blob=publicationFile

[ii] N Engl J Med 350; 23 (June 3, 2004)

[iii] https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Pflege/Dokumente.html

[iv] https://www.rki.de/DE/Content/Institut/OrgEinheiten/Abt3/FG37/cosik.html

20:26 19.03.2021
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