Flickenteppich der Geschichte

ISTANBUL Das Jüdische Museum in Istanbul erzählt, wie harmonisch das Zusammenleben von Juden und Muslimen in der Türkei seit jeher verlaufen sei – Konflikte kommen nicht vor.
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In den engen Gassen von Karaköy, einem Viertel am Bosporus, drängen sich Einheimische und Besucher, es herrscht geschäftiger Trubel. Für die suchenden Blicke der Touristen ragen daraus nur die Hauptattraktionen hervor – und von denen gibt es viele in dieser Stadt. Wer die Hagia Sofia und die Blaue Moschee besichtigt hat, den Topkapi-Palast, die unterirdische Zisternen und den Großen Basar, dessen Augen sind müde von all den Eindrücken. Im hintersten Winkel einer schmalen Straße gelegen, beherbergt die Zulfaris-Synagoge das Jüdische Museum. Natürlich besitzt das Museum eine eigene Homepage – es ist im Internet leichter zu finden als in der Wirklichkeit.

Ein unauffälliges, handgemaltes Schild weist den Weg: „Museum“. Links und rechts in der kleinen Straße bieten Männer in kleinen Lädchen ihre Ware an: Steckerleisten, Schraubendreher, Rasenmäher, Ersatzschläuche für Staubsauer, Farben, Lacke und Pinsel. Ein riesiger Baumarkt, für nahezu jede Produktfamilie ein eigenes Geschäft. Mittendrin, unterhalb des Galata-Turms und oberhalb des Fischmarkts, versteckt hinter der rot blinkenden Leuchtreklame „Özteknik Motor“, am Ende einer Sackgasse, liegt das „Museum der Stiftung des 500-jährigen Jubiläums türkischer Juden“, wie es auf Deutsch offiziell heißt.

Ein Sicherheitsbediensteter in Uniform beobachtet eine Katze, ein anderer wirft pro forma einen Blick in die Taschen der Besucher – er sieht kaum richtig hinein. Offenbar fürchtet niemand ernsthaft einen Anschlag. Dabei hat es in der Vergangenheit durchaus welche gegeben, wenn auch auf die große Neve Schalom Synagoge: 1986, 1992 und 2003. Als bei dem letzten Anschlag am 15. November 2003 eine Autobombe zündete, starben 24 Menschen und fast 250 wurden verletzt.

Die Zulfaris-Synagoge in Istanbul, die nur in wenigen Reiseführern und Stadtplänen verzeichnet ist, taugt nicht als feindliches Symbol. Denn das Museum bietet keinen Blick auf das muslimisch-jüdischen Leben in der Türkei mit seinen Höhen und Tiefen, sondern einen Flickenteppich der Geschichte. „In jeder Epoche muss versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen“, schrieb Walter Benjamin 1940 in „Über den Begriff der Geschichte“. Diese Epoche hat hier viel zu tun. Die Türkei ist ein modernes Land, das wirtschaftlich boomt. Aber demokratische Transparenz ist damit noch lange nicht gewährleistet, und undemokratische politische Praktiken und Menschenrechtsverletzungen sind immer noch zu finden. So interessant die geglückten Momente der gemeinsamen Historie sind, so sehr fehlen die Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten.

Die Museumsausstellung erstreckt sich über drei Ebenen: Oben auf der Galerie, auf der früher die Frauen an der Zeremonie teilnahmen, informieren Schautafeln über die Gründung der Stiftung und die Eröffnungsfeiern des Museums. Im Erdgeschoss sind Gegenstände und Kleidungsstücke ausgestellt, die bei Taufe und Hochzeit gebraucht wurden. Tafeln klären über Inhalt und Bedeutung dieser gesellschaftlichen Riten auf: So hängte das Paar etwa den Ehevertrag im Wohnzimmer an die Wand – weniger als romantische Geste denn als eine Art rechtliche Absicherung für die Frau, dass sie Anspruch auf Versorgung durch den Gatten hatte.

Auf der mittleren Ebene, in der Haupthalle der kleinen Synagoge, befindet sich der Hauptausstellungsraum. Hier werden die ersten archäologischen Spuren des Judentums in Anatolien aus dem 4. Jahrhundert vor Christus vorgestellt, und etwa die Flucht der sephardischen Juden aus Spanien 1492. Dieses Jahr ist der Bezugspunkt der Quincentennial Foundation, die das Jüdische Museum in Istanbul gegründet hat und betreibt. Der offizielle Gründungsakt der Stiftung fand 1992 statt – pünktlich zum Jubiläum, an dem die jüdische Gemeinschaft Istanbuls 500 Jahre friedlichen Zusammenlebens von Juden und Moslems in der Türkei feierte.

Denn 1492 stach nicht nur Kolumbus zu seiner ersten Reisen nach Amerika in See, sondern in diesem Jahr endete auch die fast 800-jährige Herrschaft der Mauren auf der Iberischen Halbinsel. Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón, das katholische Herrscherpaar, unterzeichneten das sogenannte Alhambra-Edikt. Damit verbannten sie alle Juden aus dem Reich, wenn diese sich gegen die Zwangstaufe wehrten. Über 50.000 sephardische Juden flohen 1492 über Umwege in die Türkei, wo Sultan Bayezid II sie willkommen hieß, wie die Schautafeln im Jüdischen Museum Istanbuls anhand von Texten auf Englisch und Türkisch berichten. Denn in den durch Kriege zerstörten Städten des Balkans mangelte es an qualifizierter Bevölkerung und dem Wissen, über das einige der Sephardim in Technik, Medizin und Handwerk verfügten.

In einem kleinen Büro, in dem gerade mal Platz ist für ein kleines Tischchen mit Computer darauf, für zwei Stühle, zwei Regale voller Ordner und ein verblichenes Bild von Atatürk, dem ersten Präsidenten der türkischen Republik an der Wand, empfängt mich Nisya Isman Allovi, die Museumsdirektorin. Die junge Frau arbeitet hier heute allein mit den zwei Sicherheitsbeamten, insgesamt gibt es sieben Angestellte. Die Direktorin hat viel zu regeln, aber die Zeit für ein Gespräch und einen Tee lässt sie sich nicht nehmen.

„Um etwas zu schaffen, das nachhaltig wirkt und Bestand hat, ließen die Gründer der Stiftung zum einen die Zulfaris-Synagoge renovieren, die 1992 eröffnet wurde“, erzählt Allovi. „Zum anderen gründeten sie am 26. November 2001 das Jüdische Museum.“ Auf dem Grundstück hatte schon seit mindestens 1671 eine Synagoge gestanden, wie Funde belegen. Der heutige Bau stammt aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts.

Allovi zufolge hat der Jurist Naim Güleryüz das Museum aufgebaut. „Er ist ein Experte für jüdische und osmanische Geschichte und Autor vieler Bücher zu dem Thema. Dabei erhielt er die finanzielle Unterstützung der Familie Kamhi. Lange hat das Gebäude leer gestanden. Naim Güleryüz hatte die Vision, ein Museum einzurichten, damit die Welt etwas über die Juden in der Türkei erfährt“, berichtet Allovi. „Güleryüz sammelte viele Gegenstände von Familien, von Synagogen und von den Leitern der einschlägigen Institutionen. Einige der Objekte sind geliehen, einige Schenkungen an das Museum. Sein Engagement und das der Familie Kamhi ermöglichten zusammen die Umsetzung der Idee. Die politischen Parteien, die damals an der Macht waren, unterstützen das Museum und tun das immer noch – zwar nicht finanziell, aber generell.“

Ausführlich widmet sich die Ausstellung den Jahren nach 1933: Hier ist zu lesen, dass die Türkei die vor den Nationalsozialisten fliehenden deutschen Juden mit offenen Armen aufgenommen hat. Wissenschaftler waren besonders willkommen. Atatürk, der am 10. November 1938 starb, lud Juden ein, in die Türkei zu kommen. Und die Museumsdirektorin weiß interessante Einzelheiten zu berichten: „Die türkische Republik bemühte sich darum, den Akademikern Forschung und Lehre an den hiesigen Universitäten zu erleichtern“, erzählt Allovi. „Da die Professoren kein Türkisch sprachen, wurde ihnen drei Jahre lang ein Assistent an die Seite gestellt, der ihre Vorlesungen und Veröffentlichungen übersetzte – dann sollten sie selbst unterrichten können.“

Naim Güleryüz, der gegenwärtige Präsident der Stiftung und Kurator, sitzt im Musseumsshop an einem großen Schreibtisch, hinter sich ein Regal voller Bücher hinter Glas, vor sich Briefe, Papiere, Telefon. Hier ist – zumindest heute – sein Arbeitsplatz; gleichzeitig laufen im Shop die Geschäfte weiter, die Museumsdirektorin spielt einer Kundin eine CD mit jüdischer Musik vor und der Muezzin ruft zum Gebet. Die Synagoge ist kein Ort der Besinnung mehr, sondern dient dazu, das für beide Seiten seit Jahrhunderten Gewinn bringende Zusammenleben von Juden und Muslimen in Istanbul auszustellen – das ist zu sehen und zu hören. Der würdige Herr singt wie seine Kollegin ein Loblied darauf und preist die Türkei als vorbildlichen, toleranten Staat: „Die Türkei bot Menschen, die fliehen mussten, stets Schutz.“ Auch ihm kommt kein kritisches Wort über die Lippen.

Diese Lesart der Geschichte, der zufolge die Türkei uneingeschränkt als Retterin der verfolgten Juden auftrat, ist zwar verbreitet, wurde jedoch bereits 2008 von der Historikerin und Turkologin Corry Guttstadt in Frage gestellt. Guttstadts Studie „Die Türkei, die Juden und der Holocaust“, die auf umfangreichen Recherchen und Quellenauswertungen in zahlreichen Archiven beruht, zieht eine bittere Bilanz: Während viele türkische Diplomaten die Neutralität der Türkei genutzt hätten, um sich für die Freilassung verhafteter Juden einzusetzen und ihnen das Leben zu retten – was in vielen Fällen auch gelang –, „war die Politik Ankaras in erster Linie darauf ausgerichtet, eine Einwanderung oder Remigration von Juden in die Türkei zu verhindern. Schon während der Dreißigerjahre hatte die Türkei vielen im Ausland lebenden Juden die Staatsbürgerschaft entzogen“, so Guttstadt. Damit sei den Ausgebürgerten auf Lebenszeit eine Rückkehr in die Türkei verwehrt worden: „Als Staatenlose gehörten die vormals türkischen Juden zu den ersten Opfern der Deportationen in den Tod.“ 1938 habe die türkische Regierung per Geheimdekret verfolgten Juden die Einreise untersagt – mit oft tödlichen Folgen. Und spätestens 1943 sei auch der systematische Massenmord der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung der Türkei bekannt gewesen. Noch 1941 habe die Türkei mit Deutschland einen Freundschaftsvertrag geschlossen, ihm sogar entgegen der vertraglichen Abmachung mit Großbritannien das kriegswichtige Bodenschätze geliefert, noch 1944 deutsche Kriegsschiffe mit Waffenladungen den Bosporus passieren lassen – und Deutschland und Japan erst am 23. Februar 1945 den Krieg erklärt.

Guttstadt stellt einerseits klar, dass „eine Kritik der türkischen Haltung keinesfalls zur Relativierung der deutschen Verbrechen missbraucht werden“ dürfe. Andererseits sei es „bis heute nicht zu einer tatsächlichen Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse“ gekommen. Die Türkei benutze die Stiftung, um sich von jüdischer Seite einen Persilschein ausstellen zu lassen – als humanistisches, tolerantes Land, während Regierung den Genozid an den Armeniern und die Menschenrechtsverletzungen in den kurdischen Gebieten leugne.

Dass Guttstadts Vorwurf zutrifft, darauf deutet die Darstellung von Naim Güleryüz hin: Die Türkei, das sei viel zu wenigen Menschen bewusst, sei ein Vorbild von Humanität. Denn das Land zeige, dass Menschen mit unterschiedlichen Gesichtern, Religionen und Traditionen friedlich zusammenleben könnten. Das sei die Botschaft des Museums, so der Präsident der Quincentennial Foundation.

Und wie steht es mit Diskriminierungen, antisemitischen Schmierereien oder Übergriffen in der Türkei? Nein, davon hat die Museumsdirektorin noch nie gehört. Es gebe zwar manchmal laute Kritik an Israel, aber die türkische Gesellschaft unterscheide klar zwischen Israel auf der einen Seite und den Juden in der Türkei auf der anderen Seite.

Das mag einigermaßen plausibel erscheinen, wenn man bedenkt, dass vermutlich die wenigsten Muslime in Istanbul die jüdische Bevölkerung im Alltag wahrnehmen: so zurückhaltend, wie die beiden Repräsentanten des Jüdischen Museums, immerhin Persönlichkeiten des jüdischen Lebens, auftreten, so vehement, wie sie die Position der Türkei einnehmen und so unauffällig, wie die jüdischen Einrichtungen im Stadtbild sind. Das gilt nicht nur für die kleine Zulfaris-Synagoge – selbst an der größten Synagoge der Stadt, der Neve Shalom Synagoge in der Nähe des Galata-Turms, kann man vorbeilaufen, ohne sie zu bemerken. Aber die Attentate zeigen, dass das keinen Schutz vor eine Veränderung des gesellschaftlichen Klimas darstellt.

Nach Schwierigkeiten beim Museumsbetrieb gefragt, antwortet Naim Güleryüz: „Es gäbe tausend Gründe aufzuhören, aber wenn man einen Traum hat, dann findet man auch den Mut, weiterzumachen.“ Was für Gründe? „Finanzielle.“ Aber er hält an seinem Traum fest: „Es ist das einzige jüdische Museum in der muslimischen Welt.“ Das in Casablanca zählt er nicht mit, es sei sehr klein. Und erfolgreich sei die Ausstellung in Istanbul obendrein: „Es kommen viele Schulklassen und verschiedene Gruppen aus allen Ländern der Welt, die meisten aus den USA. Unser Ziel ist es, auch die türkischen Muslime hierher zu lenken, um ihnen die Ähnlichkeiten zwischen Judentum und Islam zu erklären und sie auf die gemeinsame Vergangenheit aufmerksam zu machen.“ Ziel sei es, die gesamte türkische Bevölkerung zu erreichen, fast 74 Millionen Bürgerinnen und Bürger, nicht nur die jüdische Bevölkerung.

In der Türkei besteht noch viel Aufklärungs- und Forschungsbedarf – nicht nur zu der Rolle des Staates während des Holocaust, sondern auch zum türkischen Nationalismus und dem Umgang mit Minderheiten insgesamt. Das gilt auch für die weiter zurückliegende Vergangenheit: Das Jüdische Museum in Istanbul verliert kein Wort über die steuerliche Benachteiligung der Juden im Osmanischen Reich und andere rechtliche Diskriminierungen. Ereignisse wie die „Damaskusaffäre“ bleiben unerwähnt: 1840 verschwand ein Mönch, und der französische Konsul erreichte, dass der Gouverneur von Damaskus in der Folge mehrere Juden festnehmen und foltern ließ. Und auch die pogromartigen Ausschreitungen am 6. und 7. September 1955, die sich vor allem gegen christliche Griechen, aber auch gegen Juden und Armenier richteten, bleiben unerwähnt. Dabei sind die Übergriffe nicht nur vom Staat geduldet worden, sondern dass dieser hat sie – zumindest teilweise – sogar gelenkt. Solange die türkischen Behörden nicht einmal die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zulassen, beziehungsweise solange das Klima bei der jüdischen Bevölkerung offenbar für eine Schere im Kopf sorgt, solange kann von gelungener Integration nicht die Rede sein. Heute leben in der Türkei lediglich noch rund 20.000 Juden; in Israel sind es um die 100.000 Juden mit türkischen Wurzeln. Das Jüdische Museum stellt durch die Lücken in der Geschichte auch die fehlende Meinungsfreiheit in der Türkei zur Schau.

Corry Guttstadt (2008): Die Türkei, die Juden und der Holocaust. Assoziation A Verlag, Berlin/Hamburg.

12:18 13.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Margret Karsch

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