Fotos aus dem Vernichtungslager Auschwitz

AUSSTELLUNG IN STOCKHOLM Das Jüdische Museum in Stockholm stellt der Täter- die Opferperspektive gegenüber: Bilder aus dem KZ hängen neben früheren Aufnahmen aus dem Leben der später Ermordeten .
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Wozu legen wir ein Fotoalbum an – wozu fotografieren wir? Um uns später besser an eine für uns wichtige Situation oder Zeit erinnern zu können, um sie für andere zu dokumentieren. Unter dem Namen „Auschwitz-Album“ sind zwei Fotoalben berühmt geworden, die einzigen, die Bilder aus Auschwitz-Birkenau enthalten. Das eine ist der Öffentlichkeit erst seit 2006 bekannt; es versammelt Aufnahmen, die SS-Obersturmführer Karl-Friedrich Höcker vom Lagerpersonal nach Dienstschluss und in den Pausen gemacht hat, von lachenden Frauen und Männern. Ein Oberst der US-amerikanischen Armee hatte das Album 1946 gefunden, nun ist es im Besitz des United States Holocaust Memorial Museum.

Das andere sogenannte Auschwitz-Album befindet sich seit 1980 in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Lili Jacob hatte das Album 1945 im KZ Dora-Mittelbau entdeckt, als sie dort inhaftiert war. Es enthielt ursprünglich 250 Bilder, von denen Jacob einige an Verwandte von Ermordeten verschenkt hat, so dass noch 219 übrig sind. Die Aufnahmen vermitteln einen Eindruck davon, wie die Fotografen Ernst Hofmann und Bernhard Walter die „Ankunft“ der Gefangenen, die sogenannte Selektion „arbeitsfähiger“ beziehungsweise „nicht mehr einsatzfähiger“ Frauen und Männer sowie der Marsch zu den Krematorien, das Warten der Opfer davor sowie das Sortieren der übriggebliebenen Habseligkeiten innerhalb des Lagers darstellen wollten.

Die Fotografien zeigen keine Gewalt, keine Bilder aus den Gaskammern oder von Leichen. Auf einem Bild stehen zwei Häftlinge vor einem Haufen Taschen und Körbe, die den Ermordeten gehörten, und lachen in die Kamera. „Es gab nichts zu lachen“, sagt die Museumdirektorin Christina Gamstorp. „Möglicherweise wurden die Gefangenen von den Fotografen dazu aufgefordert.“ Das sorgfältig gestaltete Album mit seinen technischen Bildunterschriften sollte nicht Propagandazwecken dienen, sondern wohl eher als interner Leistungsnachweis innerhalb der SS.

Dieses Fotoalbum bildet den Kern der Ausstellung, die noch bis zum 28. August 2016 zu sehen ist – und in dieser Zeit auch den Ausgangspunkt der pädagogischen Arbeit des Jüdischen Museums in Stockholm. Schweden hatte im Zweiten Weltkrieg seine Neutralität erklärt, um nicht in den Krieg gezogen zu werden. Angesichts der Kämpfe in Europa und insbesondere in Finnland und Norwegen war diese Position innenpolitisch stets umstritten.

„Die Bilder sind in Schweden nicht besonders bekannt“, sagt Christina Gamstorp. „Außerdem wollen wir deutlich machen, dass sie nur die Perspektive der Täter zeigen, nicht die der Opfer. Die Opfer hatten ein anderes Bild von sich als das, was die Fotos zeigen.“ Deswegen sind in den verwinkelten Gängen der Ausstellung in drei Nischen auch Bilder zu sehen, die die später Gefangenen in einem anderen Kontext zeigen, beispielsweise Adalbert Berkovits als kleinen Jungen mit einem Teddybären im Arm. Zitate von Überlebenden ergänzen die Informationen der Bilder und kommentieren sie, auch wenn die Texte ursprünglich nicht in Bezug zu den Fotos standen.

Die rund 438.000 ungarischen Jüdinnen und Juden, die in der sogenannten Ungarnaktion von Mai bis Juli 1944 von Zügen aus Transsylvanien direkt in das KZ Auschwitz-Birkenau gebracht und dort ermordet wurden, fürchteten nach ihren Erfahrungen in der Heimat, wo antisemitische Angriffe und Vorschriften herrschten und sie gezwungen waren, in Ghettos zu leben, sicherlich Schlimmes. Die Berichte von Überlebenden zeugen von gewalttätigen Übergriffen auf die erschöpften Gefangenen durch die KZ-Aufseher, abschreckende Beispiele, welche die Kraft zum Widerstand schnell eindämmten.

Das lässt die Ruhe und Ordnung verständlich werden, die die Fotografien ostentativ ausstellen: Alles – jeder Schritt im Vernichtungsprozess – läuft vermeintlich reibungslos ab. So warten Kinder, Frauen und Männer in Mänteln, mit Mützen, Kopftüchern, Hüten – ohne es zu wissen – auf ihre Ermordung in den Gaskammern. Sie sitzen erschöpft auf einer Wiese, stehen zwischen Bäumen. Nach drei Tagen Fahrt in einem Viehwaggon, zusammengepfercht mit jeweils 79 anderen und mit nur zwei Eimern als Toilette, durstig, hungrig, vielleicht mit Sterbenden oder Toten neben sich – alle waren sicherlich erleichtert, dass diese Quälerei endlich vorbei war. Auch wenn sie nach dem Aussteigen nicht wussten, was ihnen bevorstand.

Die Aufseher, die im Vernichtungslager arbeiteten, wussten dagegen genau, wie es für die Gefangenen weitergehen würde. Auch den Alliierten war 1944 längst bekannt, das die Nationalsozialisten in Auschwitz Völkermord begingen, dass sie massenweise und systematisch jüdische und andere zum Feind erklärte Menschen vergasten. Von den ungarischen Jüdinnen und Juden dagegen rechneten zwar sicher viele mit ihrem Tod, andere hofften aber darauf, in ein Arbeitslager zu kommen. Im Ghetto waren sie zu Untätigkeit gezwungen gewesen, nutzlos für Deutschlands Krieg.

Livia Fränkel, eine der Überlebenden, geboren 1927 in Sighet, erinnert sich an ein Gefühl der Neugier, dass sie beim Aussteigen in dem Getümmel verspürte. „Wie tötet man so viele Menschen?“ habe sie sich als damals 16-Jährige gefragt. Sie habe gedacht, in den Gebäuden, aus deren Schornsteinen Rauch und Gestank aufstiegen, werde Müll verbrannt. Ihre große Schwester Hédi wusste es besser, eine polnische Aufseherin hatte es ihr erzählt. Die Schwestern waren gemeinsam sechs Wochen in Auschwitz, danach in anderen Lagern eingesperrt. „In Bergen-Belsen starben die Leute wie die Fliegen“, berichtet sie bei einem Treffen, „auch nach der Befreiung am 15. April. Es war reiner Zufall, dass ich überlebt habe.“

Die deutsche Niederlage war 1944 nur noch eine Frage der Zeit, dennoch verfolgten die Nationalsozialisten weiter mit sehr viel Energie ihr Ziel der „Endlösung“ der sogenannten Judenfrage. Von den Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, haben nur Einzelne überlebt, die meisten wurden noch am Tag ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet, auch die Eltern von Livia und Hédi. „Die Bilder zeigen den Schlusspunkt eines Prozesses. Wir können daraus lernen, dass wir unmittelbar reagieren müssen, dass wir nicht warten dürfen, bis es zu spät ist“, meint Christina Gamstorp.

Livia Fraenkel gelangte Anfang Juli auf einem Boot nach Malmö. Schweden nahm damals 10.000 ehemalige KZ-Häftlinge auf, um sie sechs Monate lang gesundheitlich zu versorgen. „Die Menschen hatten keine Ahnung, wer da kam. Es gab nur wenige Juden und Ausländer in Stockholm. Die Schweden fragten nicht, was wir erlebt hatten, waren nicht daran interessiert, wussten anscheinend nichts, obwohl es doch in den Zeitungen stand. Als ich einmal von selbst von der Verfolgung und den Lagern erzählt habe, bekam ich zu hören, wir müssten doch etwas getan haben, sonst hätten die Deutschen uns doch nicht so behandelt“, erinnert sich Livia Fraenkel.

In Schweden gibt es noch rund 400 Personen, die den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden überlebt haben. Es werden schnell weniger. Livia Fraenkel und ihre Schwester Hédi Fried arbeiten gegen das Vergessen, sie erzählen beispielsweise in Schulen von ihren Erlebnissen: „Wir müssen das machen. Was passiert ist, kann immer noch überall passieren. Man hat keine Lehren daraus gezogen. Gleichgültigkeit ist gefährlich. Aufklärung ist das einzige, was man Antisemitismus entgegensetzen kann“, sagt Livia Fraenkel. Das Jüdische Museum in Stockholm bietet neben der Ausstellung ein pädagogisches Begleitprogramm an.

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12:46 09.03.2016
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Geschrieben von

Margret Karsch

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