Gewalt hemmt die Entwicklung

EL SALVADOR Die Geschichte der Gewalt schreibt sich fort, die „Politik der harten Hand“ ist gescheitert. Viele Menschen haben resigniert und leben in "gated communities".
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Aber Mauern gegen die Mafia bringen die Entwicklung des Landes nicht voran. Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten hat im März ihre Stimme abgegeben, und in dem Abkommen zum Waffenstillstand zwischen den Jugendbanden untereinander sowie Polizei und Militär spielt der Schutz der Zivilbevölkerung keine Rolle.

An den jüngsten Wahlen Mitte März hat sich nicht einmal die Hälfte der Wahlberechtigten beteiligt. Das Vertrauen der Bevölkerung, dass die Politik etwas ändern würde, ist nicht nur gering, sondern viele sind sogar vom Gegenteil überzeugt. „Die meisten wählen nicht, weil sie das gesamte politische System für korrupt halten, und die Vertreter der politischen Klasse als Verbrecher betrachten“, erklärt eine 24-jährige Medizinstudentin. „Ich wähle auch nicht.“

El Salvador ist immer noch ein Entwicklungsland. So lebt hier etwa jedes zweite der 2,3 Millionen Kinder in Armut. Das ergab eine neue Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen. Besonders schwierig sei das Leben für die Menschen, die in den Randgebieten der Hauptstadt und der anderen großen Städte wohnen: Hier gebe es kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser, es stürben zehn Prozent mehr Kinder an Unterernährung als im Rest des Landes, und das Leben in den Slums fördere Gewalttaten.

Die Gewalt hemmt die Entwicklung – das gilt hier wie in vielen Ländern Afrikas. Denn die Kosten der Gewalt sind hoch: Nicht nur der Verlust von Menschenleben und die Zerstörung, sondern auch die Unsicherheit und die Prävention sind Ausgaben, die die Gemeinschaft zu tragen hat. Und nicht alle Kosten lassen sich in Zahlen wiedergeben: Traumata, Ängste, Verlust von Vertrauen, die die Produktivität der Menschen und des Landes hemmen, sind schwer messbar. Der Umfang der entgangenen Investitionen und Handelsmöglichkeiten, weil ausländische Unternehmen um ihre Mitarbeiter und Firmen fürchten und dem System misstrauen, lässt sich nur schätzen.

El Salvador führt eine traurige Rangliste an: Mit jährlich 62 Morden pro 100.000 Einwohner ist es das gewalttätigste Land der Welt. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Zahl einem entsprechenden Bericht der Vereinten Nationen zufolge jährlich bei einem Mord pro 100.000 Einwohner. Jeden Tag werden in dem kleinen mittelamerikanischen Land im Durchschnitt zwölf Menschen ermordet – dabei wohnen dort nur etwas mehr als sechs Millionen Einwohner. Das sind weniger Menschen, als Berlin, Hamburg und Köln zusammen vorzuweisen haben. Und Deutschland kommt im Schnitt nicht einmal auf einen Mord pro Tag.

Wegen der extremen Bandbreite und der Konzentration von Gewalt in manchen Weltregionen hat das Forschungsprojekt „Small Arms Survey“ mit Sitz in Genf die Mordraten der jüngeren Vergangenheit in denjenigen 58 Ländern gesondert ausgewertet, in denen von 2004 bis 2009 zwei Drittel aller Morde begangen wurden. Durchschnittlich kamen in diesen Ländern pro Jahr je zehn Morde auf 100.000 Einwohner – El Salvador hebt also den Mittelwert deutlich. Hinter El Salvador landete der Irak an zweiter Stelle. Und nur Honduras verzeichnete einen steileren Anstieg in den letzten Jahren, blieb aber stets auf niedrigerem Niveau.

El Salvador könnte viel Geld mit Tourismus verdienen, denn die Berg- und Vulkanlandschaft ist traumhaft schön, die Strände sind lang und breit, die Vielfalt an tropischen Früchten und Tieren ist faszinierend. Wenn nicht die Gewalt auf den öffentlichen Straßen und Plätzen herrschen würde, die auch die Nachrichten aus dem Land bestimmt. Und zwar schon seit Jahrzehnten: Durch einen Putsch gelangte General Hernández Martínez 1930 an die Macht, zwei Jahre später ließ er einen Bauernaufstand niederschlagen. Rund 30.000 Menschen wurden getötet, überwiegend Indigene.

1961 gründete die Armee – unterstützt von den USA – eine paramilitärische Organisation, die mit ihren Verbrechen die Bevölkerung einschüchterte. Ende der 1970er Jahre heuerten die mächtigsten Großgrundbesitzer Todesschwadrone an, um ihrerseits den Politikern zu drohen und so Landreformen zu ihren Ungunsten zu verhindern. 1979 sicherte sich die Militärjunta mit einem Staatsstreich die Macht. Am 24. März 1980 wurde in der Kathedrale von San Salvador der Kardinal Oscar Romero, der sich wiederholt für soziale Reformen eingesetzt und die Regierung kritisiert hatte, während einer Messe erschossen. Das brutale Regime der Militärs rief den bewaffneten Widerstand der Opposition hervor, es bildeten sich verschiedene Guerilla-Bewegungen. Von 1980 bis 1991 herrschte ein Bürgerkrieg, dem mehr als 70.000 Zivilisten zum Opfer fielen. Alle, die diese Zeit als Kinder oder Erwachsene miterlebt haben, besitzen zumindest verstörende Erinnerungen daran.

Öl ins Feuer der Gewalt in El Salvador gossen die USA, als sie in den 1990er Jahren begannen, Jugendbanden ausländischer Abstammung im großen Stil abzuschieben: In den 1970er und 1980er Jahren hatten sich in Los Angeles immer mehr Jugendliche zu kriminellen Banden zusammengeschlossen. Die Gang „Mara Salvatrucha” bestand vor allem aus salvadorianischen und guatemaltekischen Bürgerkriegsflüchtlingen, die illegal eingewandert waren. Mehr als 40.000 kriminelle Jugendliche, viele von ihnen Angehörige von “Mara Salvatrucha” oder “Mara 18”, landeten zwischen 1998 und 2005 in El Salvador, Guatemala und Honduras – und dort vor allem in den Hauptstädten. Das bedeutete eine große Herausforderung für die jeweiligen Länder, die ohnehin schon mit einem niedrigen Entwicklungsstand und Gewalt zu kämpfen hatten. Und die Jugendlichen, denen die neue Heimat überwiegend fremd war, konnten sich meist nicht aus den Gruppenzusammenhängen lösen. Drogen-, Menschen- und Waffenhandel und damit viel Geld liegen in den Händen dieser Mafia. Erst vor ein paar Tagen meldeten die Nachrichtenagenturen dpa und AFP, dass die USA die MS-13 nun als „internationale kriminelle Organisation“ einstuften. Das erleichtert es insbesondere, Geldtransfers zu kontrollieren und zu verhindern.

Isabél Muñez, eine Angestellte der Universität, die um die 60 Jahre alt ist, beklagt, die lebensbedrohliche Unsicherheit in El Salvador sei heute wie früher „schrecklich, schrecklich, schrecklich.“ Viele Einheimische sehen das wie sie – und leben in einer der zahlreichen „gated communites“. Das sind Straßenzüge, manchmal ganze Viertel, manchmal Wohnanlagen, umgeben von Mauern mit Stacheldraht. Und hier wohnen nicht nur die ganz Reichen, sondern auch Angehörige der Mittelschicht – sowie die ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter internationaler Unternehmen und ihre Familien.

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Nicht alle „gated communities“ auf der Welt sind gleich, alle funktionieren nach ihren jeweils eigenen Spielregeln. Einige werden von kommerziellen Unternehmen angeboten, andere organisieren die jeweiligen Bewohner selbst. In der Landeshauptshauptstadt San Salvador erzählt ein Mitglied einer solchen Nachbarschaftsinitiative, dass sich in dieser regelmäßig ein Rat trifft, um über Sicherheitsstandards, Kosten und die Regeln innerhalb der Mauern zu sprechen: Die Jugendlichen etwa sollen keine Graffiti an die Häuser sprühen, die Vorgärten nicht voller Müll liegen. Jeder könne an den Ratssitzungen teilnehmen, aber längst nicht alle kämen zu den Terminen. Es sei schwierig, alle Anwohner dazu zu bringen, ihren finanziellen Beitrag zu leisten, auch das sei immer wieder Thema bei den gemeinsamen Sitzungen. Für manche sei es schwierig, die monatlich 16 Dollar für die Wachbediensteten aufzubringen. Diese Männer tragen Gewehre, sie öffnen und schließen das Eisentor für die Autos und Fußgänger und kontrollieren, wer hineinkommt. Besucher müssen den Pass abgeben. Einer der Sicherheitsleute patrouilliert per Fahrrad durch die Straßen.

Oft seien die Straßenzüge erst seit einigen Jahren eingezäunt, berichtet Olga Ramírez, eine ältere Dame. Aus Sicherheitsgründen hätten sich die Nachbarn zusammengetan. Sie selbst sei pensioniert und verlasse das Gelände fast gar nicht mehr. Der Supermarkt wäre zwar nur zehn Minuten zu Fuß entfernt, aber sogar das sei ihr zu unsicher, seit sie auf dem Weg einmal überfallen worden sei. Eine Freundin, die ein Auto besitze, übernehme dringende Besorgungen für sie. Überhaupt erledigten hier alle, die es können, alle Wege mit dem Auto. „Zu Fuß zu gehen ist immer ein Risiko“, bestätigt Don Marco, ihr Nachbar. Eine junge Familie, die hier ebenfalls wohnt, bestätigt das und ergänzt: "Wir gehen manchmal auf dem Gelände der großen Mall in San Salvador spazieren, denn das ist bewacht und hat einen Spielplatz. Lieber würden wir natürlich am Strand laufen oder bei den Vulkanen, aber das ist zu gefährlich."

Immerhin bieten innerhalb der Umzäunung einige kleine Lebensmittellädchen ihre Ware an, neben Vorräten frisch zubereitete Mahlzeiten wie das Nationalgericht Pupusas – Tortillas aus Mais, meist gefüllt mit Bohnenmus – oder Empanadas. Es gibt einen kleinen Sportplatz, einen Spielplatz, einen Park sowie einen Frisör. Andere „gated communities“, die ein größeres Sportangebot und mehr Einkaufsmöglichkeiten aufweisen, kosten in El Salvador oft 50 bis 80 Dollar im Monat. Wer es sich leisten kann, sichert sein Haus mit Mauern und Stacheldraht und zahlt für zusätzliche Schutzleute.

Denn die Gefahr ist groß, dass ansonsten Angehörige der bewaffneten Jugendbanden plötzlich mit Waffe im Zimmer stehen. Die Gruppen sollen insgesamt etwa hunderttausend Mitglieder haben, und täglich werden Entführungen, Morde und Verstümmelungen gemeldet. Die Politik kommt dagegen nicht an. Die hohen Gefängnisstrafen schrecken nicht, solange die Jugendlichen keinen anderen Weg aus der Armut finden. Und die Exekutive ist zudem nicht frei von Korruption: Bei jeder Razzia in den Häusern der Maras findet die Polizei ihre eigenen Uniformen – nicht alle Staatsbediensteten widerstehen den Drohungen oder Anreizen der Mafia.

Den Angaben der Polizei zufolge wurden 2011 4.300 Menschen ermordet – 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie nie zuvor seit dem Ende des Bürgerkriegs 1992. Und die tatsächliche Anzahl dürfte noch über der offiziellen Angabe liegen. Die „Politik der harten Hand“, die der Präsident Mauricio Funes und seine Partei, die Front Farabundo Martí zur Nationalen Befreiung (FMLN) bislang verfolgten, brachte nicht den gewünschten Erfolg. Die Quittung dafür erhielt er im März bei den Gemeinde- und Parlamentswahlen, bei der die Nationalrepublikanische Allianz (ARENA) die Mehrheit der Stimmen holte. Allerdings hatte auch diese in den 20 Jahren, als sie die Regierung innehatte, keine erfolgreiche Politik in Hinblick auf die Sicherheit im Land vorzuweisen.

Den Kriminellen, vor allem den Jugendlichen, mangelt es bislang an einer Alternative. Wer 2014, wenn über die Besetzung des Präsidentenamts entschieden wird, die Wahlen gewinnen will, muss die öffentliche Sicherheit erhöhen. Das lässt sich nur über eine engagierte Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik erreichen sowie über die gesellschaftliche Integration der Jugendbanden. Wenn eine solche Strategie einmal zur Wahl steht, dann wird vielleicht auch die Medizinstudentin ihre Stimme abgeben.

Die Namen aller Interviewten wurden auf deren Wunsch geändert.

20:43 13.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Margret Karsch

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