Schwierige Wahrheitssuche

KRIEG IN SYRIEN Sie ist immer online. Bei Facebook, auf der Seite ihrer Heimatstadt, auf „The Syrian Revolution 2011“. Dort sind etliche Videos eingebettet, und ständig kommen neue dazu.
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Es sind Filme von zerstörten Häusern, weinenden Frauen, verletzten oder toten Kindern, verstümmelten Leichen und Männern, die Gewehre in den Händen halten. Die Filme sind laut, Menschen schreien, Maschinengewehre rattern, es sind Bomben und Schüsse zu hören.

Fatima Akad lebt in Deutschland. Sie heißt in Wirklichkeit anders, aber aus Angst vor dem syrischen Geheimdienst möchte sie nicht, dass ihr Name in der Zeitung steht. Sie fürchtet, dass Assad ihrer Familie etwas antun könnte, weil sie sagt, er morde sein Volk. „Die Sorge ist berechtigt, denn der syrische Geheimdienst ist in Deutschland sehr aktiv“, bestätigt der Experte einer parteinahen deutschen Stiftung.

Akad ist 30 Jahre alt und arbeitet seit zwei Jahren in Berlin an ihrer Doktorarbeit. „Momentan arbeite ich aber nur mit einer Hälfte meines Kopfes“, sagt sie. Es ist überflüssig, zu fragen, womit die andere Hälfte beschäftigt ist.

Akad ist Muslimin und hält sich streng an die Regeln des Korans. In ihrem Zimmer hängt ein Kalender, in dem auf die Minute genau die Gebetszeiten verzeichnet sind, inklusive Sonnenauf- und -untergang. Bevor sie jedoch morgens nach dem Aufstehen das erste Mal ihren Gebetsteppich ausrollt und in Richtung Mekka betet, fährt sie ihren Computer hoch. Nach dem Gebet geht sie sofort ins Internet, jeder Stadtteil besitzt eine eigene Facebook-Seite, auf der sich die Menschen darüber austauschen, was passiert.

Neben Facebook nutzt die Doktorandin auch viele Nachrichtenkanäle als Quelle, etwa Al-Djazeera. Von den deutschen Medien ist sie enttäuscht: „Sie sagen, es sei ein Bürgerkrieg, ein Religionskrieg, aber das stimmt nicht. Der Präsident bombardiert die Städte, weil er sie nicht mehr kontrolliert – er führt Krieg gegen die gesamte Bevölkerung.”

In Aleppo und Umgebung tobt der Kampf zwischen Angehörigen des Assad-Regimes und seinen Gegnern nun schon seit Monaten. Immer, wenn Akad Bilder aus ihrer Heimatstadt erkennt, schaut sie sich die Toten und Verletzten genau an und telefoniert mit ihrer Verwandtschaft. Akad bangt um ihre Familie: ihre Eltern, ihre sieben Geschwister, ihre Nichten und Neffen, deren Fotos das Regal ihrer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung füllen.

Ihre Angehörigen gehören zum bürgerlichen Mittelstand, vor der Revolution hatten sie sich mit dem Regime arrangiert. Jetzt sehnen sie seinen Sturz herbei, damit der Krieg aufhört. In die nahe Türkei fliehen wollen sie nicht, denn von den Flüchtlingslagern dort seien viele Syrer zurückgekehrt, weil die Zustände dort katastrophal seien.

Akad klickt ein Video nach dem anderen an. „Es ist schrecklich“, sagt sie, „täglich sterben 100, 200 Menschen, manchmal ganze Familien.“ Sie übersetzt, was die Menschen auf Arabisch sagen: „Diese Frau hat ihre sechs Söhne verloren. Dieser Junge hält die Hand seiner toten Schwester. Dieses Kind hat keine Hände mehr, sie mussten amputiert werden, obwohl die Verletzung nicht schwer war. Aber es fehlen Medikamente und medizinische Geräte zur Behandlung.“ Sie klickt sich durch alle Videos. „ Assad sagt, die Bilder von den Verbrechen der Regierungstruppen im Internet seien alle gefälscht. Alles nur Photoshop!“ Sie lacht höhnisch.

Akad finanziert sich durch ein Stipendium einer syrischen Universität. Da gegenwärtig aber keine Geldtransfers zwischen Deutschland und Syrien laufen, lebt sie von Erspartem. Ein paar Monate kann sie so noch überbrücken – wie es danach weitergeht, weiß sie noch nicht. Bei einigen politischen Stiftungen hat sie bereits angefragt, aber bislang keine Zusagen bekommen. Gegenwärtig schiebt Deutschland zwar nicht nach Syrien ab, aber in der Regel erhalten nur diejenigen eine Aufenthaltserlaubnis, die für ihren Lebensunterhalt sorgen können.

Die parteinahen Stiftungen in Deutschland fördern insgesamt nur eine Handvoll syrischer Studenten. Einer von ihnen ist der 25-jährige George Chury, der ebenfalls seit zwei Jahren hier lebt. Auch sein Name lautet anders, wie Akad hat er Angst vor dem syrischen Geheimdienst. Seine Eltern gehören wie etwa ein Zehntel der Bevölkerung zur christlichen Minderheit in Syrien. Die Mehrheit ist sunnitisch, Präsident Baschar al-Assad dagegen ist alawitisch, also auch Angehöriger einer religiösen Minderheit, und hat den Christen Religionsfreiheit zugesichert. „Meine Eltern unterstützen deshalb das Regime”, erklärt Chury. Sein Onkel dagegen stehe auf Seiten der Rebellen, obwohl er Christ sei – entlang der Konfessionszugehörigkeiten allein ließen sich also die Kriegsparteien nicht verorten.

Inzwischen seien die Kämpfe aber durchaus auch religiös motiviert, betont er. „Die verschiedenen Religionen lebten in Syrien friedlich nebeneinander. In Damaskus unterscheiden sich die Stadtviertel eher nach Milieus, nach dem Wohlstand der Bewohner. In Hama und Homs dagegen sind die Stadtviertel klar nach religiöser Mehrheit getrennt. Meine Familie wohnte in Homs in einem mehrheitlich von Muslimen bewohnten Gebiet und hat sich gut mit den Nachbarn verstanden. Bei den Kämpfen um Homs ist die christliche Altstadt zerstört worden, die meisten Christen haben die Stadt verlassen und wohnen jetzt in den Städten in den Bergen, etwa 100 Kilometer entfernt. Auch meine Eltern, denn in ihrer Nachbarschaft gab es Angriffe gegen Alawiten.” Alle wichtigen, sensiblen Posten seien von Alawiten besetzt, aber längst nicht alle Alawiten gehörten zur Machtelite um Assad. Bislang hätte es zwar keine Überfälle auf Christen gegeben, aber sie hätten Angst. „Seit Juni trägt meine Schwester immer gut sichtbar ein Kreuz oder ein Kopftuch, wenn sie auf die Straße geht, das haben ihr Freunde geraten.”

Chury selbst wünscht sich den demokratischen Wandel, aber seine Parteinahme hat sich im Laufe der Kriegshandlungen gewandelt: Stand er zunächst auf der Seite der Rebellen, lehnt er deren gewaltsames Vorgehen inzwischen eindeutig ab und unterscheidet zwischen gewaltfreien Oppositionspolitikern und Rebellen. „Ich bin Pazifist, ich unterstütze die Opposition, nicht die Rebellen. Wer sind die Rebellen? Ich weiß nicht, welche Ziele sie verfolgen für die Zeit nach Assad.” Bei Facebook gäbe es Seiten, die zum Mord an einzelnen Soladaten Assads aufriefen, das lehne er ab. Facebook musste Seiten sperren, aber immer noch gebe es einige. Und manche Soldaten seien ganz normale Jungs von nebenan, er kenne einige.

Chury informiert sich im Unterschied zu Akad nicht über Al-Djazeera oder Al-Arabya, weil die ihm zu offenkundig Stellung für die Rebellen beziehen, er bevorzugt BBC Arabic. Von der Qualität der deutschen Berichterstattung über Syrien sei er enttäuscht: „Die habe ich mir besser vorgestellt. Die deutschen Medien haben zu Beginn die Demonstranten und Rebellen als friedlich dargestellt, aber in Homs hatten sie von Anfang an Waffen. In den nahen Dörfern an der Grenze zum Libanon leben viele Menschen vom Waffenschmuggel. Dort, wo Assad Demonstranten töten ließ, reagierten die Leute sofort mit Gegengewalt.” Es seien immer dieselben Bilder, die gezeigt würden, zum Teil hätten sogar große Sender und überregionale Zeitungen die Texte der Plakate falsch übersetzt und beispielsweise eine von Assad organisierte Kundgebung als Demo gegen Assad präsentiert. „Außerdem erfähre ich nichts über die Opposition, beispielsweise über Michel Kilo oder das Nationalkomitee für den demokratischen Wandel (NCC), die eine friedliche Lösung suchen.” Und das Auswärtige Amt rede offenbar nur mit dem Syrischen Nationalrat, deren Angehörige in Syrien selbst niemand kenne.

Für Chury ist klar: „Das Regime muss weg, und Assad hat versprochen, bis 2014 zu gehen. Also brauchen wir einen gesellschaftlichen Dialog darüber, was danach kommen soll, einen friedlichen Übergang, damit die syrische Bevölkerung nicht weiter auseinanderdriftet.”

Kritisieren Akad und Chury die deutschen Medien mit Recht? Kristin Helberg hat sieben Jahre lang als Journalistin in Syrien gearbeitet und berichtet immer noch über das Land. Die Expertin lieferte bei einer Veranstaltung im Deutschen Bundestag ihre Einschätzung: „Gegenwärtig ist eine ausgewogene, unabhängige Berichterstattung in Syrien nicht möglich. Internationale Medien sind dort nicht etabliert. Ausländische Journalisten stehen vor der Wahl, entweder mit einem offiziellen Visum einzureisen und unter der Kontrolle des Regimes zu arbeiten oder illegal einzureisen und sich in die Obhut der Rebellen zu begeben. Sie haben also jeweils nur Zugang zu einer Sichtweise des Konfliktes. Deshalb ist es wichtig, nicht zu generalisieren, denn für jede These finden sich in Syrien Beweise.”

Helberg zufolge begegneten große Medien wie die ARD oder die Süddeutsche Zeitung dem Problem, indem sie mehrere Journalisten über das Land berichten ließen: einer, der mit Visum einreist und entsprechend vorsichtig mit Kritik am Regime sein muss, und andere, die illegal durch Syrien reisen. Entscheidend bleibe die Einordnung der Informationen, die aus dem Land strömt, jeden Tag stünden rund 70 neue Videodokumente im Netz. „Die Frage von Gut und Böse ist in Syrien sehr wohl zu beantworten: Das Regime trägt die Hauptverantwortung für die Gewalt, da es einen friedlichen Volksaufstand von Anfang an brutal niedergeschlagen hat. Assad hat die Opposition damit bewusst in den bewaffneten Kampf getrieben. Zwar begehen auch die Rebellen inzwischen Menschenrechtsverletzungen, aber diese stehen in keinem Verhältnis zur systematischen Gewalt des Regimes gegenüber Zivilisten.” Die Berichte von Human Rights Watch und Amnesty International belegten systematische Menschenrechtsverletzungen.

„Im Westen herrscht ein großes Missverständnis: Die Leute sehen junge Menschen auf der Straße nach Demokratie und Freiheit rufen, und gehen davon aus, dass diese säkular sind. Das sind sie aber nicht, sie sind durchaus religiös. Nach der Demo gehen sie nach Hause und beten – das ist kein Widerspruch, sondern völlig normal. Im Gegensatz zu den ersten Monaten nutzen die Aktivisten mittlerweile auch religiöse Parolen, um sich bewusst vom pseudo-säkularen Diskurs des Assad-Regimes abzugrenzen. Sie rufen „Wir beugen uns nur vor Gott!” und eben nicht vor Assad. Persönlicher Glauben bildet in Syrien einen selbstverständlichen Teil des Alltags – für Muslime wie für Christen – nur für Europäer klingt jedes „Allahu akbar“ extremistisch. Und wenn die Geldgeber in Saudi-Arabien sitzen und vor allem Islamisten unterstützen, treten die Rebellen eben so islamisch wie möglich auf, um an Waffen zu kommen. Der Westen trägt folglich mit seiner Zurückhaltung einen großen Anteil an der Militarisierung und Radikalisierung der Opposition. Die Religion ist in Syrien nicht die Ursache der Gewalt. Ihre wachsende Rolle in dem Konflikt ist eine Folge der Brutalität und des konfessionellen Spiels des Regimes und des Versagens der internationalen Gemeinschaft.”

10:57 25.10.2012
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Geschrieben von

Margret Karsch

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