Spaziergang in Berlin-Adlershof: Space Oddity

ADLERSHOF Es sind Raumschiffe von einem anderen Planeten: der Trudelturm, der Motorenprüfstand, der Windkanal, die isothermischen Kugellabore.
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So fremd kann Forschung wirken – und zugleich so vertraut. Denn die Formen der historischen Wissenschaftsgebäude und der starke Kontrast zu den modernen, universitären Zweckbauten erinnern stark an Bilder aus Science Fiction-Filmen, welche die Landung außerirdischer Gefährte in der bekannten Architektur westlicher Städte zeigen.

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Gegensätze prallen aufeinander in dem Ost-Berliner Stadtteil Adlershof, der damit wirbt, „der wichtigste Wissenschafts-, Wirtschafts- und Medienstandort der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg“ zu sein. Denn es hat nicht nur viel Spitzenforschung zu bieten, sondern auch Dorfgeschichten. Zudem hatten Flugplatz und Flugzeugwerk, Filmstudio und Sandmännchen hier ihren Standort. Aber so, wie von den Alteingesessenen wohl nur wenige den Weg in die High-Tech-Zone finden, so geht wohl auch kaum einer der Studentinnen und Studenten oder der Angestellten eines der brandneuen Unternehmen durch den alten Ortsteil spazieren. Nahezu alle fahren von anderen, meist westlicher liegenden Berliner Stadtteilen direkt zum Campus und zurück.

Und im Forschungsalltag geht der Zauber des Ortes, der Raumschiffe und ihrer Geschichte und Vorgeschichte leicht verloren. Wer sich aber über den Campus von Adlershof und seine Umgebung treiben lässt und anfängt, Geschichten zu sammeln, fühlt sich vielleicht bald wie David Bowie´s „Major Tom“: „I´m floating in a most peculiar way“. Es gibt natürlich vielmehr zu sagen, vor allem von wirklich Ortskundigen, aber ich hebe schon einmal ein paar Sternchen hervor.

Besiedelt wurde die Gegend von Büdnern, was nach Menschen klingt, die nur ihr Büdchen hatten. So ungefähr stimmt das auch, denn diese Kleinstbauern besaßen meist nur ein Haus ein angrenzendes Feld und verdienten sich in den umliegenden Orten als Tagelöhner Geld dazu. Von ihnen gab es im 16. Jahrhundert immer mehr, weil in der Nähe von Spree und Dahme der Boden fruchtbar und der Weg nach Rudow und Köpenick nicht zu weit war. Im 18. Jahrhundert holte Friedrich der II. im Zuge der Peuplierung Preußens weitere Siedler hierher.

1909 wurde in Adlershof-Johannisthal der erste deutsche Motorflugplatz eröffnet. Bereits zwei Jahre später erhielt Amelie Hedwig Boutard-Beese hier als erste Frau in Deutschland den Pilotenschein – an ihrem 25. Geburtstag. Fliegen gelernt hatte sie allerdings in der Schweiz, denn in Deutschland hatte sie niemand unterrichten wollen, weil sie eine Frau war. In ganz Europa besaßen vor ihr – seit 1910 – erst drei Frauen eine Flugerlaubnis – alle waren in Frankreich ausgebildet worden. Damals war der Pilotenschein noch mehr eine männliche Domäne als heute, Beese hatte mit Diskriminierung und zahlreichen Sabotageakten zu kämpfen – und mit der Technik, die noch ganz am Anfang stand und laut Satzung etwa den Flugzeugstart nur erlaubte, wenn “ein in den Wind gehaltenes Taschentuch sich nicht bewegte”.

Beese gründete mit zwei Teilhabern eine Flugschule und ein Werk, in dem die Beese-Taube entwickelt wurde. Den einen Teilhaber, den Franzosen Charles Boutard, heiratete sie. Dann kam der Krieg: Erst wurde Boutard, dann wurden beide als “feindliche Ausländer” – französische Staatsbürger – interniert und erkrankten in der Haft an Tuberkulose. Nach dem Krieg musste sich Boutard in Frankreich rechtfertigen, warum er Deutschland nicht verlassen hatte. Noch einmal planten beide eine Unternehmung: eine Weltumrundung, bekamen aber das Geld nicht zusammen. Die inzwischen regelmäßig Morphium konsumierende Beese erschoss sich 1925.

Seit 1912 forschte die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt in Adlershof. Der Erste Weltkrieg hatte die Nachfrage nach Militärflugzeugen steigen lassen, zwischen 1914 und 1918 bauten die großen Adlershofer Unternehmen und ihre Zweigstellen etwa ein Drittel der Maschinen der deutschen Luftwaffe.

Nach dem Krieg sank die Nachfrage, und Walther Huth, der Besitzer der Albatros-Flugzeugwerke, sattelte um: 1920 gründete er die Johannisthaler Filmanstalt GmbH (Jofa), in deren Studios bis 1930 mehrere hundert Filme entstanden. Friedrich Wilhelm Murnau etwa drehte hier Teile von „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens” (1921). Ab 1929 stellten die Werke auf Tonfilm um, und Tobis stieg in den Filmbetrieb ein.

Auch die Geschichte der zivilen Luftpost in Deutschland hat ihre Anfänge in Berlin-Johannisthal: Seit 1919 starteten zweimal täglich Flugzeuge und brachten Zeitungen und andere Postsendungen von der Hauptstadt zum Tagungsort der verfassunggebenden Nationalversammlung in Weimar – zunächst nur für Abgeordnete der Nationalversammlung, später für alle Bürgerinnen und Bürger.

Die Nationalsozialisten machten nach 1933 Adlershof erneut zu einem zentralen Standort der deutschen Luftfahrtindustrie und förderten die Forschung, um hier weltweit mindestens konkurrenzfähig zu sein und so ihre Rüstungspolitik voranzutreiben. 1934 ging der Große Windkanal in Betrieb, damals einer der modernsten Niedergeschwindigkeitswindkanäle der Welt war. Ein Elektromotor erzeugte darin Luftströme von über 200 km/h und leitete diese auf Flugzeugteile, die so getestet wurden. Die Wände des Kanals hielten dem stand, obwohl sie nur acht Zentimeter dick sind.

http://mandando.files.wordpress.com/2012/03/dscn3579.jpgIm Trudeltum konnte der Luftstrom von unten so reguliert werden, dass er der Fallgeschwindigkeit des Modells entsprach. Der 1936 fertiggestellte Trudelwindkanal war die seinerzeit weltweit einzige Anlage dieser Art, mit der das Trudeln simuliert werden konnte.

http://mandando.files.wordpress.com/2012/03/dscn3601.jpgUnd im schallgedämpften Motorenprüfstand, in dem heute das Café Mops residiert, wurden unter anderem Motoren mit Luftschrauben auf ihre Grenzen getestet.

Die Bombenangriffe der Alliierten zerstörten viele Gebäude, doch die Maschinen arbeiteten noch bis Kriegsende, als die Rote Armee das Gelände übernahm. Die DEFA erbte die Ufa und nutzte auch den Tobis-Standort, wo unter anderem der erste deutsche Nachkriegsspielfilm entstand: “Die Mörder sind unter uns” von Wolfgang Staudte mit Hildegard Knef. 1952 zog das DDR-Fernsehen in Adlershof ein, und 1959 stakste zum ersten Mal das Sandmännchen über die Bildschirme.

Zeugnisse eines fortschrittlichen Wohnungsbaus finden sich ebenfalls: Carl Fieger trieb den Versuchsbau der Deutschen Bauakademie voran, bis diese 1953 in Johannisthal der erste Großplatten-Experimentalbau der DDR in der Engelhardstraße 11/13 errichtete. Die ersten Stahlbetonbauten mit Großplatten waren 1910 in New York entstanden, Großbritannien und Frankreich waren gefolgt. In Deutschland wurde diese Bauweise erstmals für Kriegsheimkehrerheimstätten in Berlin-Lichtenberg eingesetzt, die 1926 bis 1930 hochgezogen wurden. Le Corbusier hatte 1925 die moderne Philosophie dieser Wohneinheiten geliefert: eine effiziente Bauweise, die erhöhte Wohnqualität für alle versprach.

1989 beginnt der Umzug der naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultäten der Humboldt-Universität nach Adlershof, der 14 Jahre dauerte. Noch immer wird gebaut – und noch immer ist viel Platz. Auf dem Campus Adlershof sind heute rund 14.100 Menschen beschäftigt. Außerdem lernen hier rund 7.800 Studierende – in exzellenten und exzellent ausgestatteten Instituten, mit Beach-Volleyball-Feld, Tischtennisplatten und Basketballplatz, alles sieht neu aus. Studieren, wo andere Urlaub machen, in einem ganz besonderen Club.

„Now it's time to leave the capsule if you dare.“

David Bowie veröffentlichte "Major Tom" 1969 als Single sowie auf dem Album "Man of Words, Man of Music". 1976 bis 1978 wohnte er zusammen mit Iggy Pop in Schöneberg. Ob Bowie jemals in Adlershof gewesen ist, weiß ich leider nicht.

21:45 16.10.2012
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Geschrieben von

Margret Karsch

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