„Nicht nur wohltuende Zerstreuung“

Corona-Sonderprogramme Über die Verrenkungen einer Kulturministerin, die sich um des Machterhalts willen in jovialen Phrasen übt
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„Nicht nur wohltuende Zerstreuung“
Monika Grütters

Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images

Fast jede*r kennt sie noch, fast jede Bildungshistorie hält sie parat: jene Sorte Streber*innen, die traurigerweise keine echten Streber*innen waren, weil all das von ihnen Gesagte zwar entzückend klang, aber jede*r in der Klasse wusste, dass es nichts als haltloser Murks war, der dort herauskam, für den manche Lehrer aber zum Entsetzen aller und zur Befriedigung der*des einen auch noch eine 3 minus übrig hatten.

Und viel anderes hatte die*der Strebende auch nicht im Sinn: wissend ob des eigenen Unvermögens war sie*er längst angekommen beim fleißigen Erbringen von Haltungsnoten und peinlich berührendem Engagement, aus dem nichts an neuem Erkenntniswert hervorging. Die anderen ertrugen es, indem sie sie*ihn hänselten oder sich einfach für etwas besseres hielten. Doch eine Erkenntnis machte sich zunehmend breit: man war in einem Alter angelangt, in dem das alles nicht mehr ging.

Es tut mir leid, liebe Monika Grütters, aber Ihr kürzlich erschienener Text aus dem Tagesspiegel geht leider auch gar nicht mehr, weil er von einer kunstbeflissenen Gewissheit zeugt, die angesichts der ungelösten, sich stauenden Fragen nur noch deplatziert wirkt. Niemand, vermutlich nicht einmal der Tagesspiegel selbst, hat Sie gebeten, angesichts der Lage von der „wunderbaren Weltentrücktheit eines dunklen Kinosaals“, über die „irritierende Gleichzeitigkeit des Vergangenen und des Gegenwärtigen“ oder obendrein über den 11. September zu räsonieren. Bitte überlassen Sie das anderen, um nicht zu sagen: den echten Künstlern.

Denn um Ihnen angesichts der anstehenden Aufgaben, die Ihr Amt nun einmal mit sich bringt, all der offenen Fragen und schwelenden Zweifel in der Bevölkerung nur mal ein Bild zu geben, wie Ihr Gebaren wirkt: in der 12. Klasse hatte auch ich im Fach Mathematik final den Anschluss verloren, allerdings war ich noch immer herausragend im Berechnen von Vektoren, weshalb auch immer, also habe mich in jeder neuen Klausur auf die Vektorenberechnungen gestürzt, die fast immer dabei waren, während ich alle anderen Aufgaben ignorierte.

Als der Lehrer eines Tages sagte: du musst aber auch mal die anderen Sachen probieren, sagte ich: „Nee, nur noch Vektoren!“ Anfangs schien mir das noch sehr gewagt, verrucht beinahe, und verschämt wartete ich jedes Mal auf die Rückgabe der Arbeiten. Mit der Zeit aber stellte ich erstaunt fest, dass sich auf diese Weise zwar kein Defizit verhindern ließ, aber schlimmer als eine 4 minus wurde es auch nimmermehr.

Ich hatte mich bequem eingerichtet in einer zwar albernen, sich aber auch sehr ernst und existenziell anfühlenden Rolle, die es nur noch ein knappes Jahr durchzuhalten galt, bevor der süße Honig des Abiturs winkte. Ich hatte wirklich keine Lust mehr, mich mit all dem Kram zu beschäftigen, immerhin hatte ich auch noch Bio und Englisch zu pauken, mich zudem einigermaßen in müßige Grundstimmung zu versetzen, was Deutsch und Politik betraf. Diese Klausuren sollten besonders schön werden, hatte ich mir vorgenommen, das war mir wichtiger als ein guter Gesamtschnitt.

Doch so, wie ich damals verfuhr – rosinenpickend, dabei nur für mich selbst verantwortlich – dürfen Sie als politisch Verantwortliche für die Kultur in Deutschland nicht verfahren, und erst recht nicht sollten Sie versuchen, Ihre zahlreichen unbearbeiteten Aufgaben durch Überbespielung der immerselben Kanäle zu kaschieren.

Denn so sehr Sie auch recht haben mögen mit einer hanebüchenen Aussage wie „Kunst ist nicht nur wohltuende Zerstreuung“: sie mutet an, als wolle sich da jemand mit einem galanten „1 mal 1 ist 1“ durch's Abitur schleichen, und das auch noch im Glauben, angesichts der Naivität der anderen werde es schon klappen. Doch unterschätzen Sie die anderen nicht, sie registrieren es. Zumal Sie trotz all dem „sondern auch“, das auf Ihre „Kunst ist mehr“-Aussage folgt, zu vergessen haben scheinen, was die Aufgabe von Politik ist. Oder soll Ihnen die Kunst nun etwa ähnlich gönnerhaft zurückrufen: „Und Politik ist nicht nur amüsantes Kasperletheater mit jovialen, machtbesessenen Akteuren, sondern ist auch dazu da, Gerechtigkeit herzustellen“?

Neuerdings hat sich bei den Lanz', Wills und Illners dieser Welt eine neue Modewendung etabliert, die da lautet „mit Verlaub“. Solche Wendungen entstehen bevorzugt in arg von Revisionismus, politischer Verkrustung und gesellschaftlichem Muff geprägten Zeiten, die 50er Jahre etwa waren eine einzige Stilblütenfabrik, forschen Sie mal nach, wenn Sie es nicht ohnehin wissen.

Also, „mit Verlaub“: dieses Gebaren wirkt einfach inkompetent.

14:13 18.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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