Buchbesprechung: Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen

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Bismillah

Ein Lektüretipp aus Meryems Welt: meryemdeutschemuslima.wordpress.com/2011/01/01/buchbesprechung-unter-taliban-warlords-und-drogenbaronen/

Vielleicht hab ich nur mal wieder was verpennt, weil ich die Kinderhilfe Afghanistan erst jetzt entdeckt habe – ich gucke wohl zu wenig TV denn die Familie Erös, die dieses „Familienunternehmen“ seit vielen Jahren betreibt, macht eine sehr aktive Öffentlichkeitsarbeit.

Ich hab sie aber jetzt erst durch die Lektüre ihres Buches : „Unter Taliban, Warlords und Drogenbaronen kennen gelernt. Ein sehr spannendes Buch, ich hab´s in einem Tag durchgelesen. Reinhard Erös, ehemaliger Bundeswehrarzt, ist mit seiner Familie seit den 80er Jahren in Afghanistan, bzw. im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet tätig. Erst als „Barfußarzt“ – illegal zu Zeiten der sowjetischen Besatzung – später dann mit der Kinderhilfe, die Schulen baut – aber diese auch weiterhin betreut, die Ausstattung verbessert, die Lehrer bezahlt, Computerkurse organisiert. Unterstützt wird der Verein von vielen Schulen und Privatleuten, auch ein paar Prominente sind dabei. Die größten Spenden kommen dabei von den „kleinen Leuten“.

Warum das Buch so spannend ist: Hier sind Menschen tätig, die die Afghanen nicht als ungebildete Wohlfahrtsempfänger betrachten, sondern die sich wirklich für die Kultur und Religion interessieren, die dort helfen wo es absolut nötig sind, die nie die Hoffnung verlieren trotz vieler Rückschläge. Sie achten darauf, dass die Afghanen einbezogen werden bei Planung und Ausführung der Pläne: ihre Schulen werden von den Dorfbewohnern gebaut, von afghanischen Baumeistern entworfen, Material von afghanischen Firmen wird verwendet wo es irgendwie geht. Den Unterricht halten Afghanen, PCs kommen aus Pakistan, usw. usw. Die Organisation verbraucht minimal Geld für die Miete eines Büros, in Deutschland wird alles ehrenamtlich gemacht – so dass die ganze siebenköpfige Familie eingebunden ist. So werden die Schulen mit viel weniger Geld gebaut, als es andere Organisationen verbrauchen.

Reinhard Erös erzählt von den Kriegen die das Land seit zig Jahren führt und wie Warlords mächtig werden, warum die Taliban so stark wurden und was der Drogenanbau für die Landbevölkerung bedeutet.

Ein paar Beispiele: die Schulen werden im Gegensatz zu anderen von Hilfsorganisationen gebauten, nicht zerstört, auch nicht von den Taliban. Einmal, weil das ganze Dorf hinter der Schule steht, aber auch, weil Erös „Tee mit dem Teufel“ (so in seinem ersten Buch genannt) trinkt und mit den Taliban verhandelt, die sich dann erstaunlicherweise doch mal einsichtig zeigen. Wie überhaupt die Taliban in den wahhabitischen Koranschulen in Pakistan herangezogen werden: häufig Waisenkinder oder aus bettelarmen Familien, erhalten sie dort eine Erziehung, haben Essen und eine Unterkunft. Natürlich auch mit der entsprechenden Indoktrination. Wenn es Alternativen gibt, normale Schulen mit einem vielseitigen Lehrplan, ebenfalls Versorgung – dann wählen die Eltern diese Schule. Es ist Bildung,was gegen die Radikalität hilft. Eine interessante Fallgeschichte schildert diese Entwicklung.

Erös hat teils jahrzehntelange Beziehungen im Land und erlebt dabei auch, wie sich Menschen verändern unter den Gegebenheiten der Besatzung. Ein Mudschaheddin-Kommandant bat ihn 2001, Kontakt zur deutschen Regierung herzustellen – wäre in der Lage, Osama bin Laden auszuliefern. Der Bundesregierung ist das zu heiß, das Ultimatum der Amerikaner verstreicht und sie beginnen ihren Angriff auf Afghanistan. Wir können uns denken, dass dieses Ultimatum eine Farce war und gar keine Auslieferung erwartet wurde, denn dann hätte es ja keinen Vorwand für den Krieg gegeben. Eine ähier

Der Drogenanbau: Erös begleitet eine Familie bei der Mohnernte und erfährt, warum diese zum Mohnanbau zurückgekehrt ist: es wurde Unterstützung angeboten, Weizen anzubauen – die Familie bekam Saatgut auf Kredit. Der Boden ist nicht so gut für Weizen geeignet, aber trotzdem war es ihnen lieber als Drogen anzubauen. Was geschieht: als sie ihren Weizen verkaufen wollen, ist der gesamte Markt zusammengebrochen, weil die Amerikaner tonnenweise kostenloses Mehl verteilt haben – Mehl dass sie zu Hause Farmern in Schwierigkeiten billig abgekauft hatten. So haben sie ihren eigenen Landsleuten geholfen – vordergründig auch armen Afghanen – aber die Bauern, die den Drogenanbau aufgegeben haben, in Schulden gestürzt. Kein Wunder, dass diese zum ertragreichen Anbau von Schlafmohn zurückkehren. Was dann sogar der Dorfmullah befürwortet, weil keine Alternative in Sicht ist.

Reinhard Erös schildert an anderer Stelle die Wege die das Opium nimmt, wer daran verdient und den Markt in der Hand hat. Keine Überraschung, dass daran Personen beteiligt sind, die mit den Besatzern zusammenarbeiten. Alternative der „Kinderhilfe“: ein Projekt zum Anbau von Obstbäumen.

Interessant auch, die Beschreibung des „eingebetteten Journalismus“, wenn Reporter eine „Pauschalreise“ mit der Bundeswehr gebucht haben und es ihnen doch tatsächlich passieren kann, dass sie bei zwei Wochen Aufenthalt in Afghanistan keinen einzigen Afghanen zu Gesicht bekommen. Da wird man auch desillusioniert, was die Effektivität dieses Einsatzes angeht: wenn nur 20% der dort stationierten Soldaten überhaupt mal das Lager verlassen. Ob unser Verteidigungsminister da mal gerechnet hat? Aber er sieht ja auch nur das Lager und spricht nicht mit den Afghanen. Auch hier schon mal beschrieben.

Auch Mitarbeiter von Hilfsorganisationen werden oft vom „wahren Leben“ ferngehalten – von ihren Organisationen in Luxushotels eingemietet, in denen eine Nacht soviel kostet, wie ein kubanischer Arzt, von seiner Regierung geschickt, wegen der Auslandszulage in Afghanistan verdient – ja auch Kubaner gibt es dort, tausende Ärzte und medizinisches Personal – ein Sohn der Familie Erös wird dann als Dolmetscher eingesetzt, weil das mit der Sprache doch schwierig ist – wer spricht schon Spanisch in Afghanistan? Ein ehemaliger Mudschaheddin und Kämpfer gegen die Sowjets sagt zu den Ärzten aus dem kommunistischen Kuba:

„schade dass ihr Kommunisten seid. Ihr würdet wunderbare Moslems abgeben“

Eine „Begegnung“ mit amerikanischen Soldaten und deren „menschenfreundlichem“ Umgang mit Reinhard Erös und seinen aghanischen Begleitern und verletzten Frauen, führt zu einer Besprechung mit einem amerikanischen Offizier – der sich auch erstmal betroffen zeigt – aber dann die ganze Sitzung kaputtmacht, indem er meint, die Soldaten hätten sich natürlich anders verhalten, hätten sie gewußt, dass ein Deutscher dabei gewesen wäre. Das zeigt beispielhaft das Problem der „Herrenmenschen“-Besatzung, die sich nicht bemüht, das Land und die Leute zu verstehen und entsprechend ineffektiv arbeitet.

Soweit die Beispiele für Erzählungen aus diesem Buch – noch kurz hinzugefügt, dass diese kleine Organisation auch schnell auf akute Situationen reagieren kann, wie nach Erdbeben oder den schrecklichen Überschwemmungen. Pragmatismus und Organisationstalent aus Deutschland treffen auf begeisterte Mitarbeit aus Afghanistan und Pakistan.

Erst gegen Ende des Buches, aus einer Laudatio zur einer Preisverleihung, erfahren wir, welche schweren Belastungen auch die Familie Erös getroffen hat: ihr kleiner Sohn Trutz erkrankte vierjährig beim ersten Pakistan-Aufenthalt der Familie und verstarb – die Familie sieht ihn heute als Schutzengel über sich und ihren Projekten und der Menschen die darin lernen und arbeiten. Und Reinhard Erös hatte auch seine Zeit, in der ihn das ganze Elend aus der Bahn geworfen hat – er und seine Familie haben sichh davon erholt.

11:06 01.01.2011
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Geschrieben von

Mariam

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