Will Iran uns alle zu Junkies machen?

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Gestern schrieb die „Welt“ Folgendes:

Der iranische Drogenschmuggel nach Europa
US-Depeschen geben viele Hinweise, dass staatliche Stellen im Iran involviert sind
In einer als „Secret/Noforn“ klassifizierten Depesche (geheim, kein Zugang für Ausländer) versucht die US-Botschaft in Baku am 26. September 2008 die Gründe für den explosionsartig wachsenden Drogenhandel aus dem Iran zu verstehen. Die Beschlagnahmungen entsprechen nur „rund einem Fünftel des Gesamtvolumens an Heroin, das nach Aserbaidschan kommt“, heißt es da, und „95 Prozent kommt aus dem Iran, fast die gesamte Menge geht weiter auf den europäischen Markt“.zum Artikel

Kurz zusammengefasst: es wird konstatiert, dass es in Iran zunehmend Drogenlabore gibt – und dass entweder die Revolutionsgarden oder „der iranische Staat“ in Heroinproduktion und -handel verwickelt wären – zwecks Geldbeschaffung wegen der Auswirkungen der Sanktionen oder um sich für die Zeit eines möglichen Nachfolgestreites nach dem Ableben des betagten Revolutionsführers Ayatollah Chamenei mit Barem zu versorgen.

Entstanden sind diese Depeschen in der US-Botschaft in Baku – diese ist auch sonst schon als nicht gerade kundig in der Region aufgefallen, auch wenn sie ausdrücklich von Iran-Beobachtern erstellt wurden.

Ganz sicher gibt es ein massives Drogenschmuggel-Problem an der iranisch-afghanischen Grenze. Aber der Regierung oder den Revolutionsgarden als Teil des Militärs zu unterstellen, dass sie in diese Verbrechen verwickelt seien, ist schon eine ziemliche Frechheit. Der Iran hat ein großes Problem mit Korruption – und Drogengeld lockt immer. Das zeigt aber keineswegs eine systematische Unterstützung von Drogendelikten. Dass die Drogenlabore in Iran sich vermehrt haben liegt womöglich daran, dass unter der Besatzung Afghanistans die Menge des produzierten Opiums explosionsartig angestiegen sei.(Im „Spiegel“ gibt es eine ganze Themenseite mit Artikeln zum Thema Drogen in Afghanistan).

Iran ist sicherlich nicht erfreut über die Durchlässigkeit der Grenzen für Drogen. Es investiert nämlich viel Geld in die Bekämpfung der Drogenkriminalität und wird dafür international gelobt: Auszüge aus einer Reportage von 3sat:

…Dafür kommt der Stoff umso leichter ins Land. Iran ist Frontstaat im Drogenkrieg. 936 Kilometer Grenze teilt sich das Land mit Afghanistan, dem Heroin-Exporteur Nummer Eins in der Welt. Schmuggelpfade gibt es viele. Die iranische Armee kann nur die wichtigsten Schmuggelrouten kontrollieren. Jährlich gelangen tausende Tonnen Opium über die Grenze. Der Iran ist Durchgangsland für einen Großteil der Drogen, die für Europa bestimmt sind. Nur die wenigsten Schmuggler werden in den unübersichtlichen Bergen erwischt. Die Beute ist immer seltener Rohopium. Immer öfter wird der Stoff bereits in Afghanistan zu hochwertigem Heroin weiter verarbeitet.

Immerhin: Ein Drittel der geschmuggelten Drogen wird beschlagnahmt und verbrannt – mehr als in jedem anderen Land. Präsident Ahmadinedschads Drogenpolitik gilt als fortschrittlich – selbst bei der UNO…..

Ein Tropfen auf dem heißen SteinFrüher wurden Süchtige wie Kriminelle eingesperrt. 2002 erklärte der oberste Richter des Landes in einer Fatwa Methadontherapien und die Ausgabe sauberer Nadeln an Süchtige für gottgefällig. Heute versorgen 600 Behandlungszentren im ganzen Land schon mehr als 100 000 Abhängige mit den Ersatzdrogen Methadon und Buprenorphin. Präsident Ahmadinedschad hat angeordnet, diese Zahl in den kommenden Jahren zu verfünffachen. Bald wird es sogar eine staatliche Opiumabgabe geben, für besonders schwer Abhängige, denen anders nicht geholfen werden kann.

Die Mehrzahl der im Gefängnis einsitzenden Iraner ist wegen Drogendelikten dort. Auch hinter Gittern bekommen die Süchtigen nicht nur Methadon und Nadeln, sondern auch Kondome, denn durch das gemeinsame Benutzen von Injektionsnadeln breitet sich AIDS rasant aus. Die Einsicht wächst, dass Abhängige wie Kranke zu behandeln sind. Von den 80 Millionen Dollar, die im Haushalt für Drogenbekämpfung vorhgesehen sind, fließt etwa die Hälfte in den Kampf gegen den Schmuggel – die andere Hälfte in den Kampf gegen den Konsum.

Die genannten Zahlen von Abhängigen sind erschreckend: 3,2 Millionen von 70 Millionen Iranern.

Die Begründungen für die hohe Zahl Suchtkranker in Iran sind aus westlicher Sicht, immer die angebliche Perspektivlosigkeit und Unterdrückung durch das islamische System – was zu belegen wäre. Denn die geschilderten Parties in schicken Appartmenthäusern finden vielleicht im Süden Teherans statt – das ist aber nicht repräsentativ für ganz Iran. Zu unterstellen, dass die armen Iraner derartig freudlos und unterdrückt leben, dass ihnen praktisch nichts anderes übrig bleibt als Drogen zu nehmen ist eine sehr vereinfachte Sichtweise.

Ursachen für Suchtkrankheiten sind immer vielfältig und abgesehen von Problemen im Elternhaus oder in der Schule, vom Umfeld, der sozialen Situation und von einer gewissen ererbten Veranlagung – nichts davon alleine, macht einen Menschen süchtig – gehört eben auch die Verfügbarkeit von Suchtmitteln dazu. Und die ist aus genannten Gründen in Iran eben sehr hoch.Welche Rolle andere Faktoren spielen wäre wohl einige Untersuchungen wert, wenn das Land Strategien entwickeln will, seine Jugend stark gegen diese Versuchung zu machen. Ich bezweifle allerdings, dass „Spass und Konsum“ wie es in der 3sat-Reportage heißt, die Anfälligkeit für Drogenkonsum herabsetzen. Wenn wir uns nämlich in unserer „Spaß- und Konsum“gesellschaft umschauen ist auch zum Erschrecken welche Ausmaße der Konsum von Drogen angenommen hat. Wobei Heroin inzwischen fast das harmloseste ist – allerdings gibt es fast keine Süchtigen mehr, die sich auf ein Suchtmittel beschränken und die Mischung von Cannabis, Alkohol, Heroin, Kokain und synthetischen Drogen ist eine sehr brisante. Ich habe viele Jahre in der Behandlung von Suchtkranken gearbeitet und habe die stetig ansteigende Gewaltbereitschaft eben durch diese Cocktails mitbekommen. Der Trend geht zum Vollrausch schreibt die RP über den letztjährigen Drogenbericht der Bundesregierung. Im Jahr 2009 hatte ich auch schon mal über den Suchtbericht der Bundesregierung geschrieben.

Wir können also kaum einem Land wie Iran seine Anzahl an Suchtkranken vorwerfen. Hier wie dort sind persönliche und gesellschaftliche Umstände mitverantwortlich für die Probleme – und das „Spaß- und Konsumbedürfnis“ ist im säkularen Westen wie im islamischen Iran mit ein Grund für Suchterkrankungen. Drogen & Co. stehen nämlich auch dafür, Unwohlsein nicht aushalten zu müssen und „Genuß sofort“ zu erleben. Nur hält das leider nicht lange an.

Egal in welchem Land sind allerdings Menschen aus stabilen Elternhäusern in denen Grundtugenden wie Geduld, Respekt, Ausdauer gelebt werden und in denen jungen Menschen genug Freiheit gelassen wird, dass sie sich in ihrer Persönlichkeit entwickeln und gleichzeitig liebevolle Grenzen gesetzt werden, weniger gefährdet als diejenigen, die Freiheit im Sinne von Gleichgültigkeit der Eltern erleben oder denen zu enge Grenzen gesetzt werden.

Und solche ungünstigen Bedingungen sind in beiden „Welten“ zu finden. Die einfache Erklärung dass Iran eine solche ungesunde Atmosphäre hat, dass man als junger Mensch ja praktisch gar keine Alternative gibt als sich mit Drogen wegzubeamen, ist eine große Ungerechtigkeit gegenüber einem Land, dass trotz aller Sanktionen und außenpolitischen Schwierigkeiten eine beispiellose Entwicklung geschafft hat – auch dank der Strebsamkeit der vielen Studenten und Studentinnen. Ein rasanter Aufstieg im Wohlstandsindex der UN und erstaunliche Zahlen in Statistiken über wissenschaftliche Errungenschaften zeigen, dass man Iran nicht nur unter den Aspekten „Unterdrückung, Freudlosigkeit, Armut“ betrachten darf.

Schuld ist das Land schlußfolgerte auch der „Stern“ schon in 2008 – im gleichen Artikel in dem das Engagement gegen den Drogenkriminalität von der UN gelobt wird. Und im gleichen Jahr indem der „Iran-Beobachter“ aus Baku dem Land unterstellt, dass es absichtlich andere Länder verseucht um sich zu bereichern und die anderen zu destabilisieren:

„Dieses Land hat mehr für die Therapie der Rauschgiftsucht getan als jedes andere in der islamischen Welt. Iran hat im Kampf gegen den Schmuggel und bei der Beschlagnahmung illegaler Drogen Außergewöhnliches geleistet.“

Eine kleine Anmerkung zur Korruption in der nicht mehr so geliebten Türkei wird auch noch angehängt: der Oppositionspolitiker Kilicdaroglu, inzwischen Parteivorsitzender der CHP habe den stellvertretenden Fraktionschef der regierenden AKP , Dengir Mir Firat, im Fernsehen beschuldigt in Drogenschmuggel verwickelt zu sein. Da dieser Immunität genieße, könnte man ihn nicht anklagen. Nun – dieser Firat ist wegen anderer Angelegenheiten von seiner Partei herausgeworfen worden und sitzt jetzt als parteiloser Abgeordneter im Parlament. Seine Immunität könnte übrigens aufgehoben werden, wenn man ihm ein derartig schweres Verbrechen vorwerfen könnte. Daraus einen generellen Korruptionsvorwurf zu stricken ist auch etwas arm.



01:28 22.01.2011
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Geschrieben von

Mariam

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