„Athen praktisch aus dem Euro gezwungen"

Griechenland Interview mit Wirtschaftswissenschaftler Luigi Zingales zu Ursachen in und Folgen der Krise für die Eurozone, insbesondere Italien (*)
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Fragen an Luigi Zingales, Ökonom an der Chicagoer Booth School of Business: Hat die EU alles in ihrer Macht stehende getan, um Griechenland zu retten?
Zingales: „Nein, in der Art, wie die Krise angegangen wurde, zeigt sich auch der Umstand berücksichtigt, dass ein Präzedenzfall heranreifen würde“.

Eine Warnung an andere Länder, die sich in riskanten Situation befinden. Also auch eine Warnung an Italien.
„Die Bedenken zu Italien umfassen nicht den Zeitraum eines Jahres. Die Probleme werden später entstehen, wenn das Quantitative Easing (der Plan der EZB, Staatspapiere zu erwerben, um das Wachstum in der Eurozone wieder in Gang zu bringen, Anm.d.Red.) ausläuft, die Zinsen wieder steigen und die Lage wieder schwieriger werden wird“.

Warum verlangen die Gläubiger weiterhin die vollständige Rückzahlung der Kredite, obwohl sie wissen, dass sie sie nie erhalten werden, statt einer sicheren Rückzahlung wenigstens eines Teils?
„Der Grundfehler wurde 2010 begangen, als man so tat, als ob Griechenland solvent und in der Lage sei, die gesamten Schulden zurück zu zahlen, obwohl schon zu diesem Zeitpunkt das Gegenteil klar war“.

Tsipras hat sich entschieden, das griechische Volk zu befragen: richtig oder Populismus?
„Das Referendum ist in der Sache falsch: Obwohl es als die denkbar demokratischste Entscheidung erscheint, ist es anders. Eine derartige Befragung, das Volk während einer so delikaten Phase der Verhandlung anzusprechen und zwar zu einem Vorschlag, der schon nicht mehr auf dem Verhandlungstisch liegt, ist kraftlos. Außerdem scheint Tsipras nicht verstanden zu haben, dass er das Referendum nicht mit geöffneten Banken wegen des Runs auf die Schalter hätte durchführen können. Das ganze könnte sich für die griechische Regierung als gigantisches Eigentor erweisen“.

Kommissionspräsident Juncker ist im Fernsehen aufgetreten, um den Griechen ein Ja zum Referendum zu empfehlen. Wo endet die nationale Souveränität?
„Das ist nicht das Schlechteste, was Juncker getan hat. In den Vereinigten Staaten kann der Präsident auch bei einem lokalen Referendum Stellung beziehen. Was ich als gefährlicher erachte, ist, dass die Europäische Zentralbank das Überleben der Banken überwacht und so die Regierung in die eine oder andere Richtung zwingt. Dieser Umstand ist weitaus schädlicher für die Souveränität des Volkes als die Meinung von Juncker. Tatsächlich ist es so, dass jedes Wort des Präsidenten sich für die Kampagne als Nein auswirkt“.

Draghi aber hält derzeit das System am Leben.
„Er hält es am Leben, aber weder offen noch funktionierend. Die Hauptbanken in Griechenland haben einen Solvenztest der EU bestanden, die EZB müsste jetzt also die Garantin deren Solvenz sein. Wenn Frankfurt eine Verpflichtung übernommen hat, dann weil dort eine Analyse durchgeführt wurde mit dem Ergebnis, dass die Banken solvent sind: Die EZB müsste daher alle Möglichkeiten ausschöpfen, sie am Leben zu halten, was wäre das sonst für eine Europäische Einheit? Von welcher Währungseinheit sprächen wir sonst? Wenn das Überleben der Banken von der EZB beschlossen wurde, dann ist das nicht mehr nur eine Währungsunion, sondern die Hegemonie der EZB“.

Hegemonie?
„Banken Liquidität zu verschaffen ist eine Entscheidung, die jede Zentralbank in dem Moment der Feststellung trifft, dass diese Banken zwar solvent, aber illiquid sind. Das ergibt sich aus der Hauptaufgabe von Zentralbanken, in angespannten Marksituationen Kredite zur Verfügung zu stellen, wenn die Banken solvent sind. Nun haben wir mit Griechenland den Fall, dass die Zertifizierung von der EZB erst vor wenigen Monaten ausgestellt wurde, die Banken seien solvent. Warum also stellt die EZB nicht unbegrenzte Liquidität zur Verfügung? Weil die ELA von Tag zu Tag dosiert und schließlich blockiert wurde (am 1. Juli hatte die EZB 89 Milliarden Euro als Höchstmaß der ELA an griechische Banken festgesetzt, Anm.d.Red.). Mit anderen Worten, die EZB hält Griechenland am seidenen Faden aufgehängt“.

Ein Präzedenzfall, der gleichzeitig als memento mori für alle anderen wirkt.
"Wenn wir wirklich daran glauben, dass diese Währungsunion unumkehrbar ist und dass Draghi alles tun wird, oder wie er es ausgedrückt hat: „whatever it takes“ um sie aufrecht zu erhalten („Within our mandate, the ECB is ready to do whatever it takes to preserve the euro. And believe me, it will be enough”, hatte am 26. Juli 2012 der EZB-Präsident bekundet, Anm.d.Red.), dann müssen wir daraus schließen, dass für Griechenland mehr getan werden kann“.

Wie Sie sagten, hat Draghi 2012 und 2014 bekräftigt, dass der Euro „unwiderruflich“ und „unumkehrbar“ ist: In der Umkehrung bedeutet das, wenn Griechenland ausscheidet, wird der Euro umkehrbar und das gesamte Konstrukt bricht zusammen.
„Ich bin es gewohnt nur vom Tod als unumkehrbar zu denken. Sicher ist, dass mit einem Ausschluss aus der gemeinsamen Währung alles möglich wird. Griechenland will gar nicht ausscheiden und befindet sich daher in einer anderen Lage als Großbritannien: London befindet sich nicht im Euro, stellt aber Überlegungen zum Ausstieg aus der Europäischen Union an. Athen dagegen will nicht aus dem Euro heraus und wird trotzdem in eine Lage gebracht, es zu tun, wird beinahe gezwungen es zu tun“.

Wie kann sich all das auf Italien auswirken? Wenn erst einmal ein Ausscheiden aus dem Euro möglich erscheint, könnten die stark verschuldeten Länder das Ziel spekulativer Angriffe werden. Ist das eine reale Gefahr für Italien?
„Die Gefahr ist real, steht aber nicht unmittelbar bevor. Was uns derzeit vor Spekulationen schützt, ist das laufende Verfahren des Quantitative Easing. Jeder der einen spekulativen Angriff wagen wollte, würde sich mit der EZB konfrontiert sehen, die Staatstitel kauft, um den Markt zu beruhigen. Die Wirkungen aber werden sich mittelfristig zeigen, denn das QE wird nicht auf unbestimmte Zeit laufen und bei der nächsten Krise, das könnte in einem Jahr genauso sein wie in zehn, hätten wir wieder das gleiche Problem“.

Wie wird es ausgehen?
„Es wird nicht enden. Welche Lösung auch immer in Betracht gezogen wird, sie wird eine zeitweilige sein. Die griechische Krise wird uns noch lange begleiten“.

Luigi Zingales, ist einem breiteren Publikum mit dem Buch „Saving Capitalism from the Capitalists“ (Einführung der Autoren; Princeton University Press, 2004) bekannt geworden. Mit Co-Autor Raghuram Govind Rajan, dem heutigen Chef der indischen Notenbank, positioniert er sich darin für einen regulierenden Staatskapitalismus. Das Buch ist u.a. auf Mandarin und Russisch, nicht aber auf Deutsch erschienen.

Das Gespräch führte Marco Pasciuti.

Das Interview ist in der online-Ausgabe vom 3. Juli der in Rom erscheinenden Tageszeitung Il Fatto Quotidiano veröffentlicht worden, http://www.ilfattoquotidiano.it/2015/07/03/grecia-zingales-atene-quasi-forzata-ad-uscire-dalleuro-per-creare-un-precedente/1836120/. Der vollständige Titel lautet „Athen wird praktisch gezwungen, aus dem Euro auszuscheiden, um einen Präzedenzfall zu schaffen“

Aus dem Italienischen: MS
19:33 03.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marian Schraube

"Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, widersteht." (C. Emcke)
Marian Schraube

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