Die dunkle Seite der Macht

Sexismus Können Sie sich noch an „Pussygate“ erinnern?
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Was war mit den Äußerungen des jetzigen US-Präsidenten aus dem Jahr 2005, die von ihm 2017 als „Locker Room Banter“ verharmlost wurden? Und dass US-Athleten sich anschließend öffentlich darüber ausließen, in welchen Umkleideräumen Donald Trump sich wohl so rumtreibt? Zur Erinnerung:

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Trump sprach im Indikativ und nicht im Konjunktiv, also von Tatsachen und nicht bloß von Phantasien. Dabei verwendete der Mann „Pussy“ gleich zwei Mal, als Bezeichnung des Genitalorgans, das andere Mal, um jemanden als „du Memme“ zu bezeichnen. Schließlich: „Pussygate“ als journalistische Effektheischerei war damit bereits die halbe Miete für die Verharmlosung tatsächlicher, sexualisierter Gewalt.

Werden die Äußerungen in die damalige Umgebung eingebettet, entsteht so etwas wie ein Unsittebild. Trump war zu der Zeit der Aufnahmen Produzent, Gastgeber und Jurymitglied in der Castingshow The Apprentice. Der ausgesetzte Preis: Ein Jahres-Vertrag in einem von Trumps Unternehmen. Gleichzeitig war er persönlich so sehr im eigenen Trump Model Management involviert, dass aus einer gewissen Melanija Knavs aka Melania Knauss Ehefrau Nr. 3 wurde.

Miss Teen USA: ShowBiz wie immer

Wie die Fleischbeschau hinter den Kulissen funktionierte, ist von Beteiligten an Contests wie Miss USA, Miss Teen USA oder Miss Universe bekannt. Und von Trump selbst, dem 50 Prozent der Veranstaltungen gehörten, aus einem Interview bei Howard Stern: „I’ll tell you the funniest is that I’ll go backstage before a show and everyone’s getting dressed. No men are anywhere, and I’m allowed to go in, because I’m the owner of the pageant and therefore I’m inspecting it. ... ‘Is everyone OK?’ You know, they’re standing there with no clothes. ‘Is everybody OK?’ And you see these incredible looking women, and so I sort of get away with things like that.

Nur ein Voyeur und Aufschneider, einer der guckt, renommiert, aber dann doch nicht anfasst? Bei Betrachtung des Wikipedia-Eintrags „Donald Trump sexual misconduct allegations“ (der Eintrag wurde am 13.10.2016 generiert) drängt sich das Gegenteil auf.

Das Gerichtsverfahren, das The-Apprentice-Kandidatin Summer Zervos im Januar 2017 gegen Trump eingeleitet hat, könnte ihm sogar auf die Füße fallen. Mehrfach hatte der Mann als Präsidentschaftskandidat während des Wahlkampfs geäußert, die Vorwürfe von Zervos, die sexuelle Übergriffe zum Gegenstand haben, seien erlogen. Zervos geht dagegen mit einer Verleumdungsklage vor. Wie das EZine Vice und der Sender NBC berichteten, verlangt die Klägerin nun von Trump die Herausgabe „aller Unterlagen jede Frau betreffend, die behauptet hat, von Donald J. Trump unangemessen berührt worden zu sein“.

Die offenkundige Suche von Zervos‘ Anwältin Gloria Allreds nach dem Muster im Verhalten Trumps (Aggression, Abstreiten, Widersprüchlichkeiten), um dieses beweis- und gerichtsfest zu machen, ist gleichzeitig Programm.

In einem ausführlichen Porträt der Juristin, das am 2.10. vom Magazin New Yorker online veröffentlicht wurde („Gloria Allred’s Crusade“), heißt es gegen Ende: „The world has changed since Allred first started practicing. She has anticipated, and helped create, a variety of cultural shifts: the advent of unapologetic, mainstream, professionalized feminism; a valuation of victimhood; a broad embrace of personal branding; a tabloid energy that consumes even the White House; a society in which ordinary women have begun to feel confident accusing powerful men who abuse them.“

In der „aufkommenden Zuversicht einfacher Frauen, mächtige Männer anzuklagen, die sie misshandeln“ ist ein mitentscheidender Wechsel enthalten: In den Medien der Perspektive der betroffenen Frauen Geltung zu verschaffen.

Schreibkrampf gegen das dekadente Hollywood

Kaum eine Welt als die von Glitzer und Glamour, die des Films und damit des Boulevards eignet sich besser, um diesen Perspektivwechsel aufzusetzen. Dem schönen Schein wird das Attribut abgerissen, übrig bleibt ein Sündenbabel.

Das jedenfalls sind die ganz klaren Signale in den Headlines von Breitbart und Konsorten. „Big Hollywood“, das von Rechtsausleger Stephen K. Bannon in die online-Plattform eingeflochtene Themendossier, lässt keinen Tag vergehen, ohne neue Anschuldigungen gegen immer neue Protagonisten aus der Filmwelt vorzuführen. Der Tenor ist unverkennbar der einer Trockenlegung eines Sumpfes: Liberal, mit losen Sitten, den Demokraten zugewandt. Vorwürfe wie die gegen den reaktionären republikanischen Senator Roy Moore dagegen werden akribisch abgeklopft und für den Fall, dass etwas an ihnen dran sein sollte, die Einordnung vorbereitet: Als Einzelfall eines ziemlich exzentrischen, aber ansonsten tadellosen Politikers.

In der Hardcore-Nazi-Szene der USA wird der Twist weitergesponnen. Für den führenden Nationalsozialisten David Duke ist Harvey Weinstein nicht nur der Jude, der von seinen eigenen Glaubensbrüdern ausgestoßen worden ist.

Duke hat dabei einen Artikel von Mark Oppenheimer im angesehenen online-Magazin Tablet („The Specifically Jewy Perviness of Harvey Weinstein: The disgraced film producer is a character straight out of Philip Roth, playing out his revenge fantasies on the Goyim“, 9.10.2017) in Bezug genommen. Nicht aber die tags darauf erschienene Entschuldigung von Oppenheimer und Herausgeberin Alana Newhouse: Der Artikel sei nicht zu Ende gedacht gewesen. Denn für Duke ist die Sache klar: Weinstein stehe beispielhaft für „the Anti-White Jewish Weaponization of Movies, TV, News & Porn to Destroy the ‚Goyim‘.

Ewige Antisemiten warten auf ihre Chance

Wie schnell der Twist anglophon funktioniert hat, war vor einer Woche im englischen Edenbridge zu besichtigen. Unter den lauten Zurufen „burn him!“ wurde eine überdimensionale Puppe abgefackelt, die Weinstein darstellen sollte. Hier das Video, das der britsche Guardian bei YoutTube veröffentlicht hat:

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Daraus zwei Snippets: Mit übertriebener Betonung „typischer jüdischer Züge“ an Ohren, Nase und Schädelform

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sowie einem 5-zackigen Stern über dem Gemächt mit der Aufschrift „final cut

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als Anspielung sowohl auf die jüdische Beschneidung als auch auf den Wunsch nach Kastration: Philipp „Fips“ Rupprecht, Chefillustrator des „Stürmer“ der Bestie Julius Streicher, hätte an den Stereotypen sicher seine Freude gehabt.

Das sind die Momente, in denen pointierte Stellungnahmen wie die von Thea Dorn im Deutschlandfunk („Das ist ein neuer Totalitarismus“, 10.11.2017) ihre Berechtigung nicht nur finden, sondern von Anfang an haben. Das sind die Momente, in denen die Belehrungen von Georg Diez („Hauptsache, es ist laut und krass“, SPON, 12.11.2017) geradezu hygienisch steril anmuten.

Denn Zweifel an der Aufrichtigkeit des Aufschreis #MeToo sollte es nicht geben. Aber die schier unglaublich rasche Verbreitung und die offen zu Tage tretenden Twists lassen Zweifel zu: An welcher Stelle, wie und vor allem wie häufig Meldungen speziell über sog. Social-Media gepusht werden, um die gerade erst begonnene Diskussion in andere Richtungen umzuleiten, die später als „unvorhersehbar“ gehandelt werden.

Die Mobilisierung der „wütenden Frau“ ist eine, die Bannon schon seit Jahren betreibt und die immer wieder unterschätzt wird. In den USA ist es eine, die unter anderem von dem derzeitigen Mieter im Weißen Haus zu Washington ablenkt, obwohl er schon einmal als „Groper in Chief“ tituliert wurde.

Das krude daran ist, dass dieser Derail gerade das System verteidigt, das eigentlich am Pranger steht: Die Suprematie von Männern, die jetzt bedarfsgerecht in die einer bestimmten Hautfarbe oder eines Glaubens umgeschrieben wird. Oder von Männern handelt, die Aufnahmestudios besiedeln.

Frauen kommen darin schon gar nicht mehr vor. George Clooney wird’s wohl eines Tages richten.

crossposting zu die Ausrufer

14:17 13.11.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marian Schraube

"Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, widersteht." (C. Emcke)
Marian Schraube

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