Eine gelungene Groteske

Medien Mit Satire tun sich Deutsche schwer. Nun auch das linke Feuilleton. Nachklapp zum Umgang mit „Deine Stele“ des Zentrums für Politische Schönheit
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wir sind ein Volk von Schenkelklopfern. Wir lieben den prallen Witz, vor allem den zotigen. Und wenn damit jemand karikiert wird, den wir -als Politiker, Magnaten, irgendwas mit Elite- zu kennen meinen, umso besser. Was wiehern wir vor Vergnügen bei extra3, Heute Show und Anstalt. Oder wenn das Gespenst Franz-Josef Strauß wieder einmal von Helmut Schleich Besitz ergreift; das liegt dann weniger am Geist als an der Figur. Wir wissen: Derbheit kennt keine Grenzen.

Nur bei Satire, da werden wir nervös. Ist das nicht gefährlich, siehe Charlie Hebdo? Was stellt sie mit dem Publikum an, wenn sie die Wirklichkeit deformiert statt zu informieren? Und überhaupt: Darf Satire wirklich alles, wie Kurt Tucholsky behauptet hat?

Das laute „Nein“ kam diesmal bei „Deine Stele“. Neues Deutschland: Es werde „nicht deutlich, was der Sinn einer Überwachung von Höckes Privathaus ist, außer - erneut – Erniedrigung“. In der Freitag: „Mulmig“ werde einem, „dass hinter Holzwänden nicht ein Junggeselle sich in irgendwelchen völkischen Schmock vertieft, sondern einer, der Frau und schulpflichtige Kinder hat, die hier quasi in Sippenhaft genommen werden.Bento: „Selbst ein Rassist hat ein Recht auf Privatsphäre.

Einer der wenigen Verteidiger, Georg Diez bei SPON, drückt es so aus (ich vereinfache): Überschreitungen definieren Grenzen neu. Dieses Mittel habe sich die Avantgarde von den Rechten aus der Hand nehmen lassen. Die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit und die Reaktionen darauf seien „exemplarisch für die Defensive, in die die Kunst in illiberalen Zeiten gerät.“ Aber auch Diez vermeidet das Wort „Satire“, obwohl er sonst auf Wortgenauigkeit großen Wert legt. Warum?

Satire wird uns, sollte sie je wohlgelitten gewesen sein, verleidet.

Sie benötigt derzeit rund drei Jahre Prozesse durch drei Instanzen, bis sie Recht bekommt. Bis dahin wird jeder ihrer Sätze auf die Goldwaage gelegt, so geschehen zuletzt in der Causa Josef Joffe und Jochen Bittner gegen das ZDF wegen einer Folge „die Anstalt. Es bedurfte der geballten Urteilskraft von fünf Bundesrichtern des BGH Anfang des Jahres, um neben den Klageabweisungen Klägern und Vorinstanzen eine Lektion in der „Ermittlung des Aussagegehalts von Äußerungen in einer Satiresendung“ zu erteilen. Und das im Land der Dichter und Denker!

Ähnliches durchläuft gerade Jan Böhmermann als Beklagter, und der Kläger ist bekanntlich noch härter drauf. Das sog. Schmähgedicht befindet sich derzeit im Stadium, in „geht so“ - „grenzwertig“ - „geht gar nicht“ - Verse auseinanderdividiert zu sein. Vom Zusammenhang der Sendung Neo Magazin Royal vom 31.3.2016, wie es bestellt sei um Kunst-, Presse- und Meinungsfreiheit, ist darin gar nicht die Rede außer in der Tatsache des Gerichtsverfahrens in Hamburg selbst. Das alles macht und bringt nicht einmal Spaß außer am Ende Schadenfreude gegenüber den Prozessverlierern.

Anscheinend haben wir aber auch kaum ein Gefühl dafür, was Satire überhaupt ist.

Bereits im ersten Video des Zentrums für Politische Schönheit war die Groteske vollständig angerichtet. Personen mit Hüten und Trenchcoats als Persiflage auf Geheimdienste, das Auflauern mit meterlangem Teleobjektiv, Rüstzeug des Paparazzo diesmal im Yeti-Kostüm, die Überwachungshardware, die im Versandhandel in jedermanns Reichweite liegt und zunehmend von privat gekauft wird: Das alles war zu dick aufgetragen, um wahr zu sein. Aber klar, hinterher ist man immer schlauer. Besonders dann, wenn der Twist per „Sendung mit der Maus“ verraten wird; eine Lach- und Sachgeschichte zum hochgelobten deutschen Feuilleton und dem stets hellwachen Journalistenauge.

Aber uns ist mit „Deine Stele“ ein Stück aufgeführt worden, das einen der bekannteren Rechtsradikalen Deutschlands nicht etwa verzerrt oder karikiert. Der Mann wurde von Anfang an mit seinen eigenen Worten und Handlungen in den Mittelpunkt gestellt: In einem inszenierten wie bühnenreifen Rügegericht. Das ist in Bayern als Haberfeldtreiben seit dem Mittelalter bekannt. Publikum und Juroren, früher die Dörfler, sitzen als Netizen 4.0 vor den Bildschirmen. Hochmögende Herrschaften haben das schon immer goutiert.

Dario Fo hat einmal auf „Was ist Satire?“ mit entwaffnender Klarheit geantwortet: Spott sei „die reaktionäre Seite des komischen Diskurses“. Das Ergebnis von Spott „ist ein Lacherfolg, der sich selbst genügt. Wenn es aber nicht die moralische Ebene gibt, wenn du mit dem Mittel der Satire nicht das Gegenteil der Banalität, des Offensichtlichen, der Heuchelei, vor allem der Gewalt verständlich machst, die jeder Macht zu eigen ist und die sich bis zu den Kindern auswirkt, dann ist dein Lachen leer.“

Der Tod muss kein „Meister aus Deutschland“ (Paul Celan) bleiben

Eine der letzten Fragen, die nach dem Tod als Ergebnis des Zusammenspiels von Moral der Macht und Macht der Moral, bewegt das Zentrum für Politische Schönheit nicht zum ersten Mal. Was ist mit den Toten durch „Friedenstruppen“? Oder mit denen im Mittelmeer? Wir beklagen laut ihr Schicksal, um mit dem gleichen Atemzug zunehmend die Politiken gutzuheißen, die genau dieses Schicksal besiegeln.

So eine Frage kann nach keiner letztgültigen Antwort verlangen. Das wäre vermessen. Sie zu stellen bietet aber im Gegenteil an, dem Leben wieder auf die Spur zu kommen. Das ist ein Paradoxon, das in seiner inszenierten Überhöhung die Aufklärung vorbereiten will. So auch im Gedenken.

Gräberfelder wie Kenotaphe, Mahnmale und Stelen sind Orte der Erinnerung, die sich an die Lebenden wenden, mitunter mit schwer verdaulichen Botschaften. Sie sind keine Heiligtümer. Der Vorwurf der „zynischen Instrumentalisierung der Shoa wie auch des Gedenkens für den Aufmerksamkeitsgewinn“ (Neues Deutschland) ist nicht deswegen substanzlos, weil Lea Rosh dazu eine andere Meinung hat: „Schluss mit politischer Teilnahmslosigkeit oder Flüchtlingsabwehr oder politischer Feigheit.“ Sondern weil er fatal an die „Blasphemie“-Rufe der Fronleichnams-Prozessierer erinnert: Der quicklebendige Christus bei Herbert Achternbusch („Das Gespenst“) sollte nicht umgehen, sondern gefälligst am Kreuz festgenagelt bleiben, leidend und vor allem still.

So ist es auch um die angebliche „Sippenhaft“ von „Frau und schulpflichtigen Kindern“ bestellt. Hier geht es nicht um den absurden Vergleich, verkleidet als „mulmiges Gefühl“ des Rezensenten beim Freitag, dass gerade Nazis so verfahren sind. Sondern es drängt sich auf, wie aus anderer Perspektive „Gewalt sich bis zu den Kindern auswirkt“. In den eigenen vier Wänden etwa, innerhalb derer Massenmörder spätestens posthum als treusorgende Väter geschönt wurden. Oder in Schulklassen, in denen Lehrer wie Höcke ungestört ihr Gift gleich massenhaft an die nächste Generation weitergeben können.

Ein kurzer Blick nach vorn

Die Hauptfigur des Stücks ist sich treu geblieben. Sie hat der ohnehin latenten Kriminalisierung von Kunst das Gepräge des Terrorismus gegeben. Das ist bislang die klarste, die unverstellte Drohung gegen jeden Geist, der künftig einem Höcke und seiner „A“fD widerspricht.

Derweil beschäftigen sich „die Linke und die, die definieren wollen, was vorne ist in einer Gesellschaft“ (Diez) mit dem eigenen, im Hals stecken gebliebenen Reflux an Moralinsäure: Sie wissen noch nicht, ob das rauf oder runter soll.

Wie das Publikum reagiert hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist es so beklommen wie das im Studio bei Hagen Rether, der unlängst erklärte, warum unser Wohlstand auf Leichenbergen steht. Aber vielleicht lag es auch nur am bekannten und bewährten Format des Frontalunterrichts und der hymnischen Melodei aus Beethovens Neunten. Oder an der Kürze: Fünf Minuten schlechtes Gewissen gehen immer.

Mir ist das Pop-Corn ausgegangen, und mein Arsch muss endlich runter von der Couch. Jetzt.

Crossposting zu die Ausrufer

15:49 06.12.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marian Schraube

"Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, widersteht." (C. Emcke)
Marian Schraube

Kommentare 1