Marian Schraube
14.07.2015 | 11:51 13

Objektiv, neutral, apolitisch, privat

Medienkritik Zwei kleine Artikel zur Nichteinmischung von Wissenschaft in die Politik erfordern dies: Eine Randnotiz

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Marian Schraube

Objektiv, neutral, apolitisch, privat

Meinungsstark: Thomas Piketty während einer Keynote-Präsentation im Januar in Paris

Foto: ERIC PIERMONT/AFP/Getty Images

War es der großen Hitze wegen, dass der Satz nicht nur gedacht, sondern sogar veröffentlicht wurde? „Medien und Wissenschaft dürfen politisch keine Partei ergreifen“ lautete vergangenen Mittwoch die apodiktische Sentenz von Andrian Kreye in der Süddeutschen. Sie ging Richtung Thomas Piketty und dessen offenen Brief an die Bundeskanzlerin („Austerity has failed“). Und sie hinterließ einen Nachgeschmack, der den Nachklapp geradezu herausforderte. Denn am Freitag kam so etwas wie eine Abschwächung, als Kreye seine LeserInnen fragte: „Wie naiv ist diese Ansicht“?

Chauvinistische Erklärungsmuster zu bemühen, läge nahe. Anders als etwa in den zwei offenen Briefen von Joseph Stiglitz et al. in der Financial Times, davon einer ebenfalls von Piketty mitunterzeichnet, wären jetzt nicht mehr allgemein Austeritätspolitiker oder –ökonomen, sondern konkret die Kanzlerin als deren gesamtdeutsche Personifizierung angesprochen. Und wie in den Appellen europäischer Intellektueller im britischen Guardian oder der italienischen La Repubblica ginge es in Pikettys Epistel um eine verständige Umkehrung des derzeit regierenden Prinzips: Statt Ökonomisierung der Politik, Politisierung der Ökonomie.

Wie bei all den offenen, internationalen Aufrufen bislang Deutsche als Unterzeichner kaum zu verzeichnen waren -dementsprechend hiesige Medien sie mit weitgehendem Schweigen straften- wäre Merkel damit so etwas wie die kritische Ein-Frau-Masse. Der Kanzlerin und CDU-Vorsitzenden beizuspringen wäre also, durch die nationale Brille besehen, Gebot der Stunde. Wäre da nicht, dass sich Kreye in Sachen Parteinahme selbst widerspräche, vor allem aber seinem Verständnis von Politik und Wissenschaft aufgeholfen werden müsste. Denn dieses kulminiert in dem noch seltsameren von ihm propagierten Gebot von der „Trennung der außerparlamentarischen Gewalten“.

Sich damit aufzuhalten, Kreye würde seinen Montesquieu vielleicht nur eigenwillig interpretieren, wäre so unfruchtbar wie der Versuch, „den Intellektuellen“ Gerechtigkeit wiederfahren zu lassen. Der rote Faden, der Zola über Sartre und Marquez bis Grass verbindet ist der gleiche, der das Werk von Schiele, Niki de Saint Phalle oder Anish Kapoor durchzieht. Ihnen hat Umberto Eco ein Denkmal gesetzt, in dem er deren Gegnern attestierte: „In ihren Genen ist die antike Gewohnheit der Polemik verankert, als (dreckigen) Intellektuellen jeden anzusehen, der anders als du denkt (also denkt)“. Seiner Glosse hat Eco den sarkastischen Titel gegeben: „Schweig, dreckiger Intellektueller“.

Einen solchen Imperativ platziert Kreye nur indirekt, sozusagen über die Nieren in die Brust, meint ihn aber ernst: Es ginge dabei um die „Objektivität der Wissenschaft“, die durch Parteinahme verloren ginge. Von Peer-to-Peer gesprochen: Diese Auffassung ist widerlegt.

Weit vor ihrem Millionenseller „Merchants of Doubt“ (mit üblicher vierjähriger Verspätung als „Machiavellis der Wissenschaft“ 2014 auch hier erschienen) konfrontierte Naomi Oreskes 2004 ein verständiges Publikum mit der Frage: „Science and public policy: what’s proof got to do with it?“. Ihr nüchterner Befund lautet: Es gibt Wissenschaftler, die sich eine perfekte Welt vorstellen – perfekte Daten, die zu ebensolchen Erkenntnissen führten, auf die Politiken aufgebaut würden, deren Gesetze schließlich Probleme „effizient, effektiv undkostengünstig“ lösen würden. Dies gelte umgekehrt für Politiken, die sich auf angebliche „Beweise“ von Forschern beriefen.

Tatsächlich könne die Wissenschaft aber „keine logisch unanfechtbaren Beweise zur natürlichen Welt liefern“, sondern „bestenfalls einen robusten Konsens“, der zudem der beständigen kritischen Hinterfragung bedürfe. Der Beitrag, so die Wissenschaftshistorikerin, sei also der einer „informierten Meinung zu den möglichen Folgen unseres Tuns (oder Nichttuns) und der Überprüfung deren Wirkungen“.

Selbst in Sachen Objektivität, so wäre 10 Jahre später hinzuzufügen, ist nicht alles zum Besten bestellt. Unter dem Begriff der „kognitiven Verzerrung“ sind die meist unbewussten fehlerhaften Neigungen bei Wahrnehmung, Erinnerung, Denken und Urteilen versammelt. Das Bemühen der Wissenschaft, etwa durch Peer-Review oder Doppelblindgutachten, ist nicht lediglich Qualitätssicherung, sondern stets auch eines um einen möglichst objektiven Kern, nicht immer mit Erfolg und immer hinterfragbar bleibend.

Derart des Nimbus‘ beraubt trifft „Wissenschaft“ freilich auf ein Publikum auf der Suche nach „Wahrheit“ als ethische, vor allem unhinterfragbare Vollendung von Objektivität. Die Sublimierung kann an dem Motto eines bekannten Wochenmagazins abgelesen werden, das mehr als 40 Jahre lang seine LeserInnen „mehr Wissen“ vermitteln wollte. Seit Januar sollten sie „keine Angst vor der Wahrheit“ haben. Die Hybris, für Medien bekannt als „Kurosawa-Effekt“, hatte aber schon Marion Gräfin Dönhoff beschrieben: Nicht Tatsachen würden uns prägen, sondern deren Wahrnehmung.

Auf der Suche nach „Konsensfähigkeit“ (Habermas) sind wir mehr denn je auf Kommunikation angewiesen, auf den Austausch von Argumenten, der der Subjektivität Rechnung trägt, statt sie schamhaft zu verstecken. Das ist dann aber kein Gespräch unter Elitenvertretern oder Gurus ihres Fachs mehr, sondern von Personen, die auf dem einen oder anderen Gebiet möglicherweise einen Wissensvorsprung haben und damit den eigenen Blick auf die Welt. In ihrer Gesamtheit sind sie das, was als außerparlamentarische Gewalt firmiert und den Souverän auf der Suche nach sich selbst kennzeichnet.

Dieser Souverän also hat es unternommen, einen offenen Brief an eine deutsche Kanzlerin zu schreiben. Das einzig Spannende daran ist, ob Angela Merkel darauf antworten wird. Auch der Mathematiker Piergiorgio Odifreddi hatte 2011 einen an den 16. Benedikt gesandt („Lieber Papst, ich schreibe dir …“). Es dauerte zwar zwei Jahre, aber Ratzinger erwiderte. Es ging um: „Glauben, um zu verstehen“ oder „Verstehen, um zu vertrauen“. MS

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (13)

Best Ideas Future 14.07.2015 | 12:25

Danke für den Beitrag. Auch mich hatte der Artikel vom Hocker gehauen und spontan zum Verfassen einer Protesnote gebracht.

Sie sind offenbar ein politisch kluger Kopf. Deshalb würde ich es sehr begrüßen, wenn Sie meinen anderen gerade veröffentlichten Artikel lesen und kritisch kommentieren würden. Hier geht es um das Finden eines umfassenden Konzepts, um Politik in die richtige Spur zu bringen.

Vielen Dank!

Magda 14.07.2015 | 12:34

Ich denke gerade an die Beendigung der Kernwaffentests - in der Atmosphäre, unter Wasser und im Weltall, die zwischen allen verfeindeten Atomwaffen-Mächten beschlossen wurde.

Sie folgten damit dem Appell von 11 o00 Wissenschaftlern. Linus Pauling übergab sie 1958 den Vereinten Nationen. Sie waren erfolgreich.

Krugman und Stiglitz erheben schon lange ihre Stimme und andere Ökonomen auch. Kreye fand ich ziemlich merkwürdig in seiner Argumentation. Der Herr Krause aus Brüssel hat dann mit einem Krugman-Beitrag gleich dessen ganzes politische Renomee schwinden sehn. http://krugman.blogs.nytimes.com/2015/07/12/killing-the-european-project/?_r=0

Na, da tobt eine Schlacht. Denn - auch das muss man vielleicht sehen- die Wirtschaftswissenschaften sind ein Feld, bei dem es nicht so eindeutig zugeht.

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Ehemaliger Nutzer 14.07.2015 | 14:52

Krugman und Stiglitz haben einen Fehler, sie waren nie bei Goldman und Sachs, wenn du da nicht warst kannst du sogar Praeserberater sein, zu melden hast du nichts. Irgendwo muessen ja die Parteispendengelder aufgetrieben werden.

Haben Sie sich einmal in der Tiefe mit Krugman, oder auch mit dem derzeitigen Hohepriester der Populärökonomie, Herrn Piketty, intensiv beschäftigt? Krugman, einer der Verfechter von grenzenlosem Wachstum durch immer neue Schulden, als Salzwasser-Ökonom und Blaupause für jeden Sachs-Manager unverzichtbar. Oder Piketty, der von einem "neuen Kapitalismus" träumt, bei dem alles nur ein wenig gerechter ungerecht zugehen sollte? Lesen Sie einfach mal deren Publikationen, vom Anfang bis zum Ende, dann müssen Sie nicht permanent durch Googles Weltwissen stolpern, um mal einen schmissigen Quervergleich zu bemühen. Krugman und Stiglitz, das ich nicht lache. Dann können Sie auch gleich Buffet und Soros in ihren "Wohltätigkeiten" ernst nehmen. Oder Prof. Sinn für einen Wissenschaftler halten.

2:0...nur Hinspiel.........bei Gleichstand zählen die Auswärtstore.

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Ehemaliger Nutzer 14.07.2015 | 15:09

..."dann müssen Sie nicht permanent durch Googles Weltwissen stolpern, um mal einen schmissigen Quervergleich zu bemühen"...

und

..."Dann können Sie auch gleich Buffet und Soros in ihren "Wohltätigkeiten" ernst nehmen. Oder Prof. Sinn für einen Wissenschaftler halten"...

Hoemma Wicht aus Bonn, ich habe mich hier bisher vornehm zurueckgehalten da ich keine Lust hatte auf jeden Scheiss der ihnen aus dem Maul fliesst Rede und Antwort zu stehen.

Stieglitz habe ich in der Clintonaera '93 gelesen, ein wahrer Heilsbringer, solch' Futuristen - Mosanto - Pfizer - Lutscher habe ich damals wie einen alten Kaugummi ausgespuckt. Noch ein bisschen Griechenland?

Und damit reicht es.

Marian Schraube 15.07.2015 | 17:08

Da gibt es natürlich noch das andere Kampfgebiet, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Kreye auch die Plattform avaaz in die Tonne tritt, die Pikettys Kritik organisiert habe. Abgesehen davon, dass sich zu digitaler „Gegenöffentlichkeit“ das wirksame Instrument erst noch herausstellen muss – Kreyes Provokatiönchen ist unterm Strich nur eine Apologie auf den eigenen journalistischen Stand. Alles andere habe sich zu enthalten oder sei ungeeignet oder kontraproduktiv. Sorry, für einen Feuilleton-Chef ist das geradezu aberwitzig.

Magda 15.07.2015 | 17:20

Die sind alle im Moment aus dem Tritt. Das stimmt. Öffentlichkeit ist Konkurrenz. Ich finde es auch wichtig, dass man Gegenöffentlichkeit kritisch betrachtet, weil es da auch sehr merkwürdige Propheten und Volkstribunen gibt. Aber, eine Meinungsäußerung von Wirtschaftswissenschaftlern - das ist schon putzig und macht den Autor klein. Ist aber auch schon wieder im Chor geschehn, andere blasen ins gleiche Horn.

Magda 15.07.2015 | 17:48

Ach, nicht so pessimistisch. Ich sehe keinen Gleichschritt - schon die letzte Zeit hat sich einiges wieder ein bisschen differenziert. Davon abgesehen - alles geht momentan in Richtung "Konformität" und zwar unter dem Deckmantel des Konsums: Wer individuell sein will, muss dies und dies und dies tragen, machen und benutzen. Na, jetzt komme ich ins salbadern.

Hier - Pardon, abschweifend - das Euro-Lied von Georg Kreisler. Seltsam passend in die Zeiten.

Marian Schraube 15.07.2015 | 18:24

Sorry, ich bin keineswegs pessimistisch gestimmt. Gerade hat Thomas Fischer („Das Mord-Trio“) ganz zutreffend für die Juristerei (deren Protagonisten lt. Kreye sich ja auch enthalten sollten) beschrieben: Wer anderer Auffassung als der BGH war (und ist!), war (und ist!) „eine ‘Mindermeinung‘ (und durfte froh sein, in einer Fußnote vorzukommen), in Wirklichkeit aber natürlich eine Art Querulant (sprich: Wir werden doch wohl nicht umsonst die herrschende Meinung sein)“.

Dieses Phänomen ist freilich nicht auf die Juristerei beschränkt, sondern unterbindet generell die selbstkritische Überprüfung, von der Oreskes spricht. Der Verdacht ist, dass sich dann eher das „herrschende“ als Prinzip durchsetzt. Das hat sehr viel mit der Bequemlichkeit zu tun, die aus einer eher formal unanfechtbaren Position erwächst.