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Eurexit Der zweitstärkste Hashtag in der Nacht zwischen Sonntag und Montag könnte als Laune durchgehen. Er ist eine Warnung

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Alexis Tsipras hat für Griechenland einen niederschmetternden Kompromiss angenommen
Alexis Tsipras hat für Griechenland einen niederschmetternden Kompromiss angenommen

Foto: LOUISA GOULIAMAKI/AFP/Getty Images

Hashtags sind der mögliche Beginn eines Mems. Verschlagwortung hin, Stichworte her: Reizbegriffe werden auch künftig wirksam bleiben. So wie Gewalt sich als Handlungsmuster gleichermaßen traditionell auf Opfer- wie Täterdefinitionen auswirkt, ist der Staatsstreich eben das: Der Oktroi eines fremden oder als fremd empfundenen Willens, nur unzähliger und anonymer.

Die bislang empirisch wirksamste Reaktion dagegen war die Zurückweisung: Nach Wahl der Oktroyierenden (sic!) in der Reaktion als gewalttätiger Widerstand, als auch friedlich machbare Revolution oder als schlichte Versagung der Gefolgschaft. Kollaboration hat in dem so gefassten Kontext aber stets das Odium des Verrats in sich getragen. Mit dem Feind wird nicht verhandelt, erst recht nicht mit ihm zusammen gearbeitet. In jedem von uns lauert ab einem bestimmten Kipppunkt der Little Big Man, den Dustin Hoffmann kongenial interpretiert hat: Für die Maßstäbe der Zeit zu kurz geraten wuchs er im Unrecht der Eroberer über sich hinaus.

Kommt der Widerständler, wie ein Varoufakis, schon anfänglich selbstbewusst daher, ist bereits ein Teil des Mythos‘ dahin. Wie kann der Eroberte, der Überwältigte, der Unterlegene sich den Aplomb eines modernen Kentaurs im wahrsten Sinn des Worts: leisten (und so dargestellt werden), wenn er nicht zuvor die Talsohle der Demütigung durchschritten hat? Die Vorstellung, dass Historie (und ihre Mems) mehr als nur eine Zuchtmeisterin ist, tut sich schwer: Wer aus dem ewigen Kreis von Gewalt und Gegengewalt ausbrechen wollte, weil er aus Geschichte bereits gelernt hat, wird auf sie zurückgeworfen. Sie äußert sich als Exklusion des Widerständigen „an sich“, so wie Varoufakis ausscheiden musste, um weitere, auch nur „klimatisch“ genannte Verstörungen zu vermeiden.

Wäre das, was nun in der vergangenen Nacht ausgehandelt wurde, ein Einknicken vor dem Oktroi? Tatsächlich ist die anvisierte Einigung zur sogenannten Griechenlandkrise so etwas wie ein Musterbeispiel der Paradoxie. Die Einsicht in Notwendigkeiten läge nun nicht mehr in Griechenland, sondern wäre am anderen Ende Europas, in Finnland zu suchen. Und der Führer eines nationalen Notprogramms, der sich schließlich der Mithilfe eines Marxisten als Wirtschaftsminister versichert hat, wäre in den Augen aller Euroskeptiker letztlich nur ein Unterlegener: Endlich vernunftgeleitet in den Augen der vermeintlichen Sieger, als Kollaborateur in der Optik der ewigen Gegner.

Vergessen wird hier wie dort, dass Meme tatsächlich verinnerlicht werden und sich entfalten. „Staatsstreich“ ist das schiere Entsetzen, dass in einem als „Union“ markierten Europa nationale Politiken noch immer wirksam sind, sogar an Wirksamkeit zunehmen statt des einigenden Gedankens. In dieser Gemengelage verlieren sogar Rechts und Links ihre richtungsweisende Funktion: Zwischen aktiv und reaktiv wird das Projekt des Hegemons durchgesetzt, das sich derzeit in Deutschland einer umfassend großen Koalition erfreut.

Der Widerstand hiergegen ist angelegt. Und er äußert sich, wenige Stunden nach Verhandlungsende, eben nicht in den sog. „PIIGS“-Staaten, die die andere Lektion längst verinnerlicht haben: Dass nur in der Einheit die Kraft erwächst, die stärker ist als die Summe ihrer einzelnen Glieder. #ThisIsACoup erinnert uns dagegen daran, dass unter herrschenden Verhältnissen immer noch das Credo gilt, Einheit sei nur so stark wie das schwächste Glied in der Kette. Diese Schwäche ist nur momentan. Wehe, sie entdeckt ihre Stärke. MS

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Marian Schraube

"Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, widersteht." (C. Emcke)

Marian Schraube