U-Boote spielen nicht

Narrative Das kühle Seemannsgrab hat ausgedient. Das Meer lebt. Noch
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U-Boote spielen nicht
Wie steht es um das Meer?

Foto: Olivier Morin/AFP/Getty Images

Implacable I, the old Implacable Sea:
Implacable most when most I smile serene -
Pleased, not appeased, by myriad wrecks in
me.

Unerbittlich bin ich, die alte unerbittliche See:
Am unerbittlichsten meist mit lächelndem Mund -
Erfreut, nicht beschwichtigt, von zahllosen Wracks auf dem Grund

(Herman Melville, 5. Vers aus dem Gedicht "Pebbles", 1888; ins Deutsche übetragen von B.S. Orthau, "Herman Melville - Ausgewählte Gedichte: Englisch und Deutsch", "Kiesel", 2016)



Die Neigung, den Elementen destruktive, menschliche Züge zu verleihen, ist ungebrochen. Zum Bildungskanon unserer Hemisphäre gehören immer noch die Zeilen Shakespeares aus "König Heinrich IV." (um 1597) von der "kranken Natur" und dem "unbändigen Wind, der in ihrem Leib eingekerkert ist". Er "schüttelt die gute alte Mutter so stark, daß hohe Schlösser und bemooßte Glokenthürme umstürzen."

Kaum anders steht es um das Meer, wie es Herman Melville (u.a. "Moby Dick") im Vers aus "Pebbles" (1888) verdichtet hat. Nicht nur in Groschenromanen wird das weitergesponnen. In der digitalen Pop-Kultur ist "Grausam-Meer" der Name eines Clans im Rollenspiel "The Elder Scrolls". Zahl der Mitspieler im Jahr 2017 rund 10 Millionen Personen. Ein Mem.

Was aber erst, wenn den Elementen das Übermenschliche, ihnen Gottheiten beigesellt sind, die über sie verfügen, wenn schon im Ersten Gesang von Homers "Odyssee" (730 v. Chr.?) berichtet wird, dass "Poseidon dem göttergleichen Odysseus unablässig zürnte", bevor er Ithaka wieder erreichte?

Wer sich mit solcher Natur anlegt, muss zwangsläufig ein Held sein. Das gilt im Umkehrschluss erst recht für einen Antihelden wie Jack Sparrow ("Pirates of the Caribbean"), der uns neben jeder Menge Seemannsgarn die Monster und den Aberglauben einer Epoche computergraphisch gepimpt-ironisch auftischt. Aber auch in Zeiten der schwimmenden Paläste (genannt Mega-Yachten), der Kleinstädte aka Kreuzfahrtschiffe, flottierender Festungen und Transportgiganten lauern immer noch Untergang und Tod im nächsten Kaventsmann oder im perfekten Sturm.

Leerstelle: "Schiffsjunge"

Einer kommt in all diesen Erzählungen kaum vor, der Schiffsjunge. Der bekannteste dürfte immer noch Pip aus "Moby Dick" sein. Man muss schon ziemlich graben, um auf "Boy" von James Hanley zu stoßen. Der 1931 erschienene Roman "wurde von der englischen Zensur unterdrückt, weil er Gewalt in einer Kraßheit darstellte, wie es das in England noch nicht gegeben hatte", schrieb ein deutscher Rezensent 1988 ("Fünf Mann in einem Kahn"): "[D]as Martyrium eines Schiffsjungen, der an den Mißhandlungen der Besatzung zugrunde geht und zuletzt von der Hand des Kapitäns durch den Tod 'erlöst' wird."

Der Grund, warum der Verlag Boriswood Ltd. mit der 2. Auflage 1934 vor Gericht gezerrt und die Auslage des Buches u.a. in öffentlichen Bibliotheken untersagt wurde, waren aber die "Intimitäten zwischen Angehörigen des männlichen Geschlechts", war "Obszönität". Das Narrativ um das unterdrückte homoerotische Element hat dazu geführt, dass "Boy" eine Art leisen Kultstatus in der heutigen englischsprachigen schwulen Community erlangt hat. Ein gemaltes Portrait Hanleys in den Nationalmuseen von Liverpool wird mit Bezug auf den Roman ausdrücklich den LGBT-Sammlungen zugeordnet.

Schon 1932 habe sich Hanley "gegen den Gemeinplatz gewandt, dass Homosexualität auf Schiffen endemisch ist", schreibt dagegen John Fordham in seiner bis heute maßgeblichen Dissertation "James Hanley: Modernism And The Working Class" von 1997. In "Boy" hätten zudem andere Kräfte gewirkt.

So wie der Schriftsteller als 13-Jähriger mit romantischen Vorstellungen von einem Seefahrerleben auf Heuer rasch desillusioniert wurde, war der Junge Arthur Fearon gezwungen, "… sich den Gewohnheiten von Männern, den Traditionen der See zu ergeben […] Je mehr der Junge sich bemühte, er selbst zu sein, desto stärker kämpfte etwas dagegen, das seinem Wesen fremd war. Dieses Etwas war eine Art Wachstum, untrennbar verbunden mit den dem Wasser der Ozeane innewohnenden Kräften, die das Blut der Männer aufwühlte, sie in ihren Bann zog und sie fest band."

Der Entwicklungsroman war gleichzeitig frühe Gesellschaftskritik des noch in seinen Anfängen steckenden linken Arbeiterautors Hanley. Das Unterworfensein des Jungen entspringt der schieren materiellen Not, sich schon früh und unfertig verdingen zu müssen. Die "dem Wasser der Ozeane innewohnenden Kräfte" sind eine Chiffre, so Fordham, für die sozialen Kräfte, die innerhalb einer seefahrenden Gemeinschaft wirken. Der Sturm, der im letzten Kapitel des Romans als Kapital gelesen werden kann, verwandelt das Schiff in (Hanley) "nichts weiter als einen einfachen Holk, eine Art Waffe, mit der per Befehl das Letzte aus der Arbeit herausgewrungen werden kann, um wenigstens den durchschnittlichen Anteilseigner noch bei Laune zu halten". Arthur musste unterliegen, weil er nichts anderes zu tun wusste, als gegen "die Natur", seine Natur zu kämpfen.

Nur wenige Jahre später werden Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in dem Kapitel "Exkurs I: Odysseus oder Mythos und Aufklärung" zu ihrer "Dialektik der Aufklärung" schreiben: "Die Wehrlosigkeit des Odysseus gegenüber der Meeresbrandung klingt wie die Legitimation der Bereicherung des Reisenden am Eingeborenen. Das hat die bürgerliche Ökonomik späterhin festgehalten im Begriff des Risikos: die Möglichkeit des Untergangs soll den Profit moralisch begründen."

Vielleicht ist das der uneingestandene, eigentliche Grund, warum der Roman Hanleys als "obszön" eingestuft wurde, ohne ihn aber unter den "Obscene Publications Act" zu subsumieren, wie zu erwarten gewesen wäre: Die britische Marine brauchte zu der Zeit etwa 5.000 Schiffjungen jährlich, um die Toten oder sonst Ausgeschiedenen zu ersetzen. Wehe, sie hätten ebenso früh, wie sie altern mussten, ein eben solches Bewusstsein auch nur ansatzweise entwickeln können.

Stellenbeschreibung: "Frau an Bord"

Noch jemand fehlt in dieser seefahrenden Gemeinschaft. Die Frau, sie fehlt par excellence, sie bleibt grundsätzlich an Land. In Trivialschriften als daheim besorgt-schmachtende Gattin oder im Schund von Buchheims "Boot" als nöhlende Hure – meist ist von der männlichen Autorenschaft der Schoß gemeint und nicht das Weib, ein Ort mehr als die Person. So können sich Sehnsucht und Gier penetrant hemmungslos ergießen.

Nur selten haben Figuren wie Anne Bonny oder Mary Read das Stadium mündlicher Überlieferung überlebt, weil sie "kämpften wie ein Mann" oder sich als Männer verkleideten. Das ist Stoff für jüngere, gut verkäufliche Zusammenstellungen wie "Abenteuer reisender Frauen: 15 Porträts" (2012; Klappentext: "So wurden aus braven Gattinnen, Müttern oder Nonnen Hochstaplerinnen, Weltreisende und Soldatinnen") oder "She Captains: Heroines and Hellions of the Sea" (2001, "brings together a real-life cast of characters whose audacity and bravado will capture the imagination").

Noch fehlt jegliche eingehende Erörterung (ist das so?), warum Frauen es nach Jahrhunderten abergläubischer Ablehnung, sie würden an Bord Unglück bringen, heute geschafft haben, das Kommando über Kriegsschiffe zu übernehmen. Es hat noch immer etwas trivial Amazonenhaftes, wenn eine Kapitänin der italienischen Kriegsmarine für besondere Verdienste ausgezeichnet wird, um eine Handhabe zu bekommen, ihr Konterfei als liebreizenden Ausdruck des Kriegshandwerks zu vermarkten.

Dabei ist weibliche Seefahrerei ein besonders ausgeprägt zeitgenössisches Phänomen. Tracy Edwards (1989 Skipperin des Bootes "Maiden" mit der ersten weiblichen Crew im Whitbread Round the World Yacht Race; erste Frau die 1990 den Preis "Yachtsman of the Year" errungen hat), Samantha "Sam" Davies (Skipper der Crew "Magenta"; "Yachtsman oft he Year" 2009), Ellen MacArthur (u.a. 2004 bis dahin schnellste Weltumrundung einhand in 71 Tagen 14 Stunden) sind einige der bekannteren Namen.

Aber auch abseits des mit viel Kapital- und Sponsorenaufwand betriebenen Hochleistungsyachtings sind es Seglerinnen wie Susanne Huber-Curphey, Asia Pajkowska, Oksana Selezneva (derzeit Teilnehmerinnen an der "Longue Route 2018") oder Susie Goodall (derzeit Teilnehmerin am Golden Globe Race 2018), die zugleich in die intimste aller Männerdomänen vordringen: Die auf längere Zeit angelegte Nonstop-Umrundung des Globus, auf sich alleine gestellt.

Einhandsegler sind, ausgewiesen durch ihre Autobiographien wie die von Joshua Slocum, Francis Chichester oder Wilfried Erdmann, eigen bis eigenbrötlerisch. Wie anders soll man es nennen, wenn der Australier Jon Sanders mehr Zeit alleine auf einem Boot als an Land verbracht hat, indem er u.a. einsam drei Mal nonstop den Globus umrundete? Seine Mutter soll ihn früh ermuntert haben: "Who wants to be ordinary? Why don't you be original?" Über sich schreibt er: "The key to my psyche lies, perhaps, in my upbringing, my early obsession with boats and the sea, and the fact that I have always been something of a loner."

Der Weg zum Lady-sailing ist steiniger. Huber-Curphey: "Ich glaube, daß Frauen häufig nicht so richtig ans Ruder kommen. In meiner 30- jährigen Segelerfahrung habe ich viel zu oft gesehen, daß die Damen an Bord nicht mit voller Begeisterung dabei waren. Kein Wunder, denn nicht selten werden sie von Männern an Bord dominiert und haben das aufkeimende Interesse am Segeln kaum entwickelt. Manche sind nur als Aufopferung mitgesegelt oder wurden von vornherein für die 'Frauenjobs' abkommandiert. Übrigens, bei mir an Bord wird nicht gebrüllt."

Aussterbende Meeresspezies: "Der Held"

Personen zur See haben in unserer, der nord-westlichen Hemisphäre schon seit geraumer Zeit kaum mehr das Zeug zum Heldentum. Piraten sind, so der Blickwinkel, die am Horn von Afrika und deswegen bar jeglicher positiver Attribute. Sklavenschiffe gibt es allenfalls weit weit weg in Myanmar, in ihren Bäuchen das Volk der Rohingya. Und die überbeschäftigten, schamlos unterbezahlten Crews der Megacruiser sind allenfalls ein Problem für Gewerkschaften. Wo? Egal!

Alle "großen und wichtigen Taten", Maßstab des Bürgerlichen für Entdeckungen und Eroberungen, sind vollbracht. Die Elemente sind zwar weiterhin unbändig. Deren elementarer Physik ist aber vermittels Technik, die selbst auf kleinen Booten Platz findet, die auf angewandter Physik gründende Vorhersagbarkeit entgegengestellt. Derart fest verankert eignet sich "das Boot" nur noch sehr eingeschränkt als Mikrokosmos.

Was wären heute die darin handelnden Personen, die in der jahrhundertelangen anglophonen Erzähltradition laut Fordham waren: "… der Seemann, isoliert von der Gemeinschaft und ihrem Schutz, als Ausdruck des ultimativ Prekären in der menschlichen Wesentlichkeit (human condition). [Er] wird in der weiteren Entwicklung einzigartig umsichtig, weil er eine gewisse Weisheit erlangt und gleichzeitig die Konflikte der Welt auf ihm lasten". Wer wäre heute der, insbesondere aus europäischer Sicht, der "kein freier und autonomer Vagabund ist, sondern unfreiwillig umher Ziehender, der wegen des Verlusts seiner Seemannspapiere aus jedem Hafen und jedem Land verbannt wird, die er zu betreten versucht"?

Von den "archetypischen Vertretern" (Fordham) wie Ishmael, Billy Budd und Captain Vere bei Melville oder in der Legende vom Fliegenden Holländer ist eher nicht deren "Kampf gegen die elementaren Kräfte der Natur" übrig, sondern allenfalls der "auf Zerstörung gerichtete menschliche Wille". In der Summe könnte das auch den Nimbus zerstören: Den der freien See als immanente Voraussetzung für das Recht auf friedliche Durchfahrt.

Denn die See unterliegt, wie die ohne Papiere jetzt Unwillkommenen, die Fremden, Flüchtlinge und Migranten, die zur "Flut" gemacht werden, einer entscheidenden Transformation: Sie wird Land, wo ausschließende Claims ebenso abgesteckt werden wie Grenzbarrieren errichtet, obwohl "Wasser keine Balken" hat. Nicht mehr nur anhand von Festlandsockeln, Küstenlinien und ihren Verlängerungen, sondern mitten im Ozean entlang virtueller, paradoxerweise "Rettungszonen" genannter Seegebiete. Deren gerade, geometrische Linienführung erinnert an die Zeit kolonialer Kartographierung, als Europäer sich Afrika zur Beute machten.

Die Tat: Eine letzte große Landnahme

Erstmals wird auch sichtbar, dass und wie Ozeane als Müllhalden entfremdet werden. Von den Giftstoffverklappungen bis zu den Strömen an Plastikabfall sind es nicht nur wenige Jahrzehnte, sondern es zeigt sich die Effektivität einer körperlichen Inbesitznahme. Das Aufschütten neuer Atolle im sogenannten Südchinesischen Meer wiederum dient der hegemonialen Expansion. Die Erweiterung von Siedlungsgebieten durch künstliche Inseln von Asien bis zur Arabischen Halbinsel zeugen nicht mehr von der schieren Abwehrarbeit in niederländischen Dämmen und Poldern, sondern von massiver Landnahme im Wasser.

Die Frage, ob wir also neue HeldInnen bräuchten, stellt sich nicht, sie ist, Neptun sei Dank, überflüssig geworden. Im Deutschen sind das Wort und seine Bedeutungen ohnehin hoch kontaminiert. "Das Boot" (1973) von Lothar-Günther Buchheim strotzt nur so von Heroen und ihrem Testosteron an Bord der Unterseeboote U96 und U309. Wiglaf Droste fand 2004 späte, deutliche Worte ("Das Boot. Eine deutsche Tauchfahrt und die Folgen"): Es sei die "Legende, die Deutschen seien die wahren Helden, weil nämlich die wahren Opfer des Zweiten Weltkriegs", die dann mit dem Film von 1981 unter der Regie von Wolfgang Petersen "begann …, Mainstream zu werden. Heute ist das längst durchgesetzt …".

"Heldengläubischen Mitmenschen" empfiehlt Droste, "die Lektüre des Kinderbuchs 'Mein Urgroßvater, die Helden und ich' von James Krüss zügig nachzuholen, das jedem vernunftzugänglichen Menschen ab spätestens zehn Jahren aufwärts das Wesen jedweder dummer Heldenverehrung erklärt, und das auf die klügste Weise." Hauptfiguren darin sind der Urgroßvater (der große Boy) und der Urenkel (der kleine Boy). Ungeachtet dessen feierte der NDR im März 2018 Fritz Grade, Leitender Ingenieur, personifizierte Vorlage und Tagebuchschreiber an Bord von U96, mit einem Feature als "der stille Held".

In der bislang letzten großen Erzählung deutscher Sprache mit Bezug zum Meer, "Die Entdeckung der Langsamkeit" (1983) von Sten Nadolny, ist die Figur des John Franklin weder Held noch sein Gegenteil, sondern postmoderner Protagonist. Aber so wie die Figur ein Nicht- oder Anders-Handelnder ist und damit etwas ganz anderes als der dezisionistische "Held", sind Schiffe im Roman allenfalls Staffage, das Meer bleibt Ambiente. Es fordert keinerlei Tribut mehr.

Der Weg wäre also frei. "Die See", "das Meer", "die Ozeane" könnten nach dem Aberglauben auch von unseren Vorstellungen entbunden werden. Welche Last wäre uns, wäre von den Ozeanen genommen. Sie könnten sein, wie sie sind: Statt kühles Grab ein Raum des unbändigen und entfesselten Lebens. Vielleicht finden sich dann wieder Geschichten, die es zu erzählen gilt.


"Lovely," he said. "Whales are lovely to look at - like children. It's playing, see! Look how the water spouts up from his snout, high into the air. You never saw a whale before - then sit down here with me and just watch. That's no submarine. A submarine wouldn't know how to play. Not like that..."

(James Hanley, „The Ocean“, 1941)

Crossposting zu "Blatt Eins"

15:19 20.11.2018
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Geschrieben von

Marian Schraube

"Dem Hass begegnen lässt sich nur, indem man seiner Einladung, sich ihm anzuverwandeln, widersteht." (C. Emcke)
Marian Schraube

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