Die Psychiatrie - Ein verschwiegener Ort

Mediation Die Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie versucht durch konstruktive Kritik, Patientenrechte zu stärken
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Wenn der Begriff Psychiatrie fällt, zucken viele Menschen zunächst zusammen und verstummen. Die Psychiatrie, welche durch ihre Mauern die Trennlinie zwischen sogenannten „normalen gesunden“ Menschen und sogenannten „kranken unnormalen“ Menschen erst erschafft, ist ein schwieriges Gesprächsthema. Dabei gibt es zum System Psychiatrie sehr viel zu sagen und einiges zu regeln – das ist zumindest die Haltung von Petra Rossmanith, der Projektkoordinatorin der Beschwerde- und Informationsstelle Psychiatrie in Berlin (BIP).

Die im Februar 2011 eröffnete BIP unterstützt Psychiatrieerfahrene und deren Angehörige bei der Bewältigung von Problemen, die mit Psychiatrieaufenthalten zusammenhängen. Schon Monate vor der offiziellen Eröffnung der BIP gingen zahlreiche Beschwerden von Seiten Betroffener ein. Die BIP wirkt in den Beschwerdeprozessen als Mediator zwischen den Patienten, Angehörigen und den psychiatrischen Institutionen, wobei sie jedoch die Belange der Psychiatrieerfahrenen besonders ernst nimmt und versucht, deren Patientenrechte zu stärken. Nach der kurzen Zeit ihres Bestehens, kann die BIP schon auf zahlreiche Erfolge verweisen. So konnten von den 468 Beschwerden, welche im Jahr 2011 von der BIP entgegengenommen wurden, 304 zur Zufriedenheit der Beschwerdeführenden bearbeitet werden (=65%). Zu diesen Erfolgen zählt beispielsweise, dass in der psychiatrischen Station eines Krankenhauses die Abschaffung der Kameraüberwachung von Patientenzimmern und Stationsfluren durchgesetzt wurde. Die Krankenhausaufsicht Berlins wies daraufhin alle psychiatrischen Fachkliniken und psychiatrischen Stationen von Allgemeinkrankenhäusern in Berlin darauf hin, dass eine generelle Kameraüberwachung gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung im Rahmen des allgemeinen Persönlichkeitsrechts verstößt.

Das Spektrum der Beschwerden, welche bei der BIP eingingen, ist sehr umfangreich und divers. Sie betreffen u.a. das Auftreten mangelhafter medizinischer Behandlung, die ungewollte Verabreichung von Psychopharmaka, Zwangshandlungen (Zwangseinweisung, Fixierung), unhöfliche Umgangsformen des Personals, beengte räumliche Unterbringungsverhältnisse, unzulässige Reglementierungen, Zweifel an der Qualifikation des Personals, juristische Folgeprobleme (z.B. Sorgerechtsentzug und Umgangsentzug), Übergriffe sexueller und gewalttätiger Art und Probleme mit der verfrühten Entlassung ohne Anschlussmöglichkeiten. Wegen zahlreicher Nachfragen bezüglich der Nebenwirkungen von Psychopharmaka stellt die BIP eine ärztliche Beratungsstunde zur Verfügung, des Weiteren bietet sie eine Sprechstunde zu juristischen Fragen psychiatriebezogener Thematik an.

Die BIP versucht schnell, unkompliziert und unbürokratisch für die Betroffenen erreichbar zu sein. Sie informiert und begleitet die Beschwerdeführer in den Beschwerdeprozessen und setzt sich für vermittelnde Gespräche und Veränderungen ein.

Petra Rossmanith warnt davor, ein Schwarz-Weiß-Bild in Bezug auf die professionellen Mitarbeiter der Psychiatrien und die Patienten zu entwickeln. Ihrer Erfahrung nach reagieren die Beschwerdeempfänger zum Teil aufgeschlossen auf die Beschwerden und sind bereit konstruktive Kritik anzunehmen, insgesamt würde sie sich jedoch wünschen, dass noch offener mit Kritik umgegangen wird. Sie selbst sieht in Kritik eine Möglichkeit des Lernens und der strukturellen Verbesserung. Das Bedürfnis und Recht der Menschen, über die psychiatrischen Behandlungsschritte aufgeklärt zu werden, sollte ihrer Ansicht nach unterstützt, statt sanktioniert werden. Oftmals würden Betroffene, die nachfragen, als Querulanten und „Arbeitsverursacher“ angesehen werden. Zugleich sei ihr jedoch während ihrer Tätigkeit aufgefallen, dass wenige Beschwerden bezüglich einer Institution nicht unbedingt bedeuten, dass in dieser Institution alles wunderbar laufe. Umgekehrt lasse sich nicht schlussfolgern, dass viele Beschwerden bezüglich einer Einrichtung, deren mangelhafte Qualität beweise. Zunächst sei es wichtig zu beachten, wie aufgeschlossen und konstruktiv mit den Beschwerden umgegangen werde. Des Weiteren könnte gerade das Auftreten von wenigen oder gar keinen Beschwerden ein Anzeichen dafür sein, dass in einer Institution ein Klima der Einschüchterung und Verängstigung herrsche. Die Psychiatrie sei eine Einrichtung, welche gewissermaßen „zwangläufig“ das Auftreten von Beschwerden zur Folge habe, daher erwecke das vollständige Ausbleiben von Beschwerden mehr Skepsis als eine zeitweilig auftauchende Kritik.

In Bezug auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema Psychiatrie wünscht sich Petra Rossmanith eine verbesserte Reintegration von Psychiatrieerfahrenen. So würde es immer noch vorkommen, dass Arbeitnehmer nach einem Psychiatrieaufenthalt ihren Job verlören, oder ehemalige Psychiatriepatienten Probleme hätten, einen Mietvertrag zu erhalten. Die Gesellschaft sollte auf die Erfahrung psychischer Krisen nicht mit Ausgrenzung, Ratlosigkeit und Stigmatisierung reagieren, sondern Gelassenheit und Perspektiven des Wiedereinstiges bereithalten.

Dieser Beitrag wurde unter Einbeziehung des Jahresberichtes 2011 der Beschwerde - und Informationsstelle Berlin verfasst. Einzusehen unter:

http://www.psychiatrie-beschwerde.de/fileadmin/user_upload/MAIN-dateien/Beschwerdestelle_Psychiatrie/12-07-30_Jahresbericht_BIP_2011_final.pdf

http://www.psychiatrie-beschwerde.de/

http://www.psychiatrie-beschwerde.de/fileadmin/user_upload/MAIN-dateien/Beschwerdestelle_Psychiatrie/12-07-30_Jahresbericht_BIP_2011_final.pdf

Gesprächspartnerin Petra Rossmanith
13:05 24.08.2012
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Geschrieben von

Jovan

Ein schönes Jahr 2013 an alle!
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