Ein guter TrIQ (TransgenderInterQueer Berlin)

TransIdent Der Verein TransInterQueer e.V setzt sich für die Entpathologisierung von Menschen ein, die sich nicht in das binäre Geschlechtssystem einordnen möchten oder können
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Viele Menschen in unserer Gesellschaft halten sich für aufgeschlossen, aufgeklärt und tolerant. Dass dieses Selbstverständnis ein Zerrbild darstellt, kann man an dem Umgang mit trans- und intergeschlechtlich lebenden Menschen erkennen.

Die mediale Berichterstattung verwendet auch dieser Tage noch vermeintlich wissenschaftliche Begrifflichkeiten, wie „Geschlechtsidentitätsstörung“, um sich dem Themenkreis Inter- und Transsexualität sowie queeren Lebensformen zu nähern. Mit Hilfe von Defizit-Theorien wird versucht, Normen unterlaufendes und irritierendes Verhalten an einen konservativen Erklärungsrahmen rückzubinden: „Es kann nur eine Krankheit oder Störung zu derartigem Verhalten führen!“ Die Pathologisierung von Transmenschen wird dabei auf unterschiedlichsten Ebenen und Diskursen vorangetrieben, die Suche nach dem Auslöser für den „Fehler“ wird in zahlreichen Bereichen des sozialen und biologischen Daseins gesucht. Beispiele sind biologistische Erklärungsansätze: „Möglicherweise führte eine Hormonstörung der Mutter während der Schwangerschaft zur Uneindeutigkeit der Geschlechtsidentität“ oder sozialpsychologische Theorien: „Er ist bei seinem alleinerziehenden Vater aufgewachsen und hat deshalb die weibliche Rolle angenommen.“ Trans*menschen und ihre Angehörigen müssen oftmals die absurdesten Theorien bezüglich der Entstehung von Transsexualität über sich ergehen lassen. In dem weitläufig bekannten Beispiel von Alex, welche seit dem vierten Lebensjahr als Mädchen lebt, war es wiederum die Mutter, welcher unterstellt wurde, ihr Kind in das andere Geschlecht hineingezwungen zu haben. Auch der internationale Krankheitskatalog ICD kategorisiert Transsexualität als Störung und Krankheit. Medizinische -, mediale- und Alltagsdiskurse vermengen sich somit zu einer Masse an pathologisierenden und ausgrenzenden Aussagen, die tagtäglich auf Transmenschen eindreschen.

Insofern ist es schön, dass Vereine wie TransInterQueer (TrIQ e.V.) und das Kooperationsprojekt Queer Leben ein umfangreiches Beratungs-, Betreuungs- und Unterstützungsangebot für Menschen anbietet, die sich nicht in die gängigen Geschlechtsschemata einfügen.

Kai empfängt mich in den schönen hellen Räumen von TrIQ e.V. Im Empfangsraum stehen zahlreiche Sofas auf denen Leute Zeitung lesen oder Kaffee trinken, an einem Computer surft ein junger Mensch im Internet.

Kai wurde von Geburt an als Mädchen eingeordnet und erzogen, hatte jedoch seit frühester Kindheit Zweifel an dieser Kategorisierung. Die langjährige Suche nach einem Konzept für das eigene Erleben führte Kai über die lesbischen Szene schrittweise zu seiner Transidentität. Heute lebt Kai fluktuierend zwischen den Geschlechtern. Seine Eltern seien relativ problemlos mit seiner (äußerlichen) Veränderung klargekommen, allerdings sähen sie ihn jetzt als eindeutigen Mann, als der er jedoch im Alltag nicht lebe.

Kai schildert mir, dass TrIQ e.V. seit 2006 existiert und sich aus einer Gruppe entwickelt hat, die sich ursprünglich im Sonntagsclubs traf. (Der Sonntagsclub ist einer der ältesten schwul/lesbischen Clubs aus dem damaligen Ost-Berlin.) Seit ca. zwei Jahren hat TrIQ die neuen Räumlichkeiten in der Glogauer Straße gemeinsam mit Queer Leben angemietet, um auch größere Veranstaltungen ermöglichen zu können. Die Arbeit des Vereins umfasst ein breites Spektrum an Angeboten, so gibt es Sozialberatung (persönlich oder per Mail), psychologische Beratung für Trans*menschen und Angehörige, Gruppentreffen verschiedenster Thematik (Transmänner&Genderboys, feministische Transweiblichkeiten, weder*noch*, Transgenderradio, eine geschlechtskritische „Passing“gruppe), Filmvorführungen, Caféklatsch und vieles mehr.

Die Mitglieder des TrIQ e.V. sind sehr an internationaler Vernetzung interessiert, veranstalten Tagungen sowie politische Protestaktionen und sind mit dem Transgender-Network-Europe verbunden. Insofern gibt es für die Vereinsmitglieder viel zu tun. Auf meine Frage, was Kai sich für die Zukunft des Vereins und die Gesellschaft wünsche, sagt er: „Es wäre schön, wenn die Arbeit unseres Vereins in Zukunft nicht mehr nötig wäre und man sich nur so zum Quatschen treffen könnte.“

transinterqueer.org

Gesprächspartner_in: Kai Noah Schirmer von TrIQ e.V.
09:28 11.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Jovan

Ein schönes Jahr 2013 an alle!
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