Kritischer über Unternehmen berichten

Medien und Finanzen Der Berliner Mediensalon diskutierte das schwierige Verhältnis zwischen Medien und Finanzwelt
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Die Digitalisierung des Finanzwesens schafft zunehmend neue Herausforderungen. Etliche Ratgeber und Magazine versuchen hier Abhilfe zu schaffen. Welche Rolle spielen die Medien in der Welt der Finanzen und wie können sie dazu beitragen, neue Verflechtungen verständlich aufzubereiten? Diesen Fragen ging der Berliner Mediensalon mit dem Thema „Medien und der Wandel der Finanzwelt“ am 8. Juni nach. Moderiert von der Gründerin der Eventreihe FinTech Stammtisch Berlin, Susanne Krehl, diskutierten Hendrik Theine, PhD am Institut für Heterodoxe Ökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien, die Gründerinnen des Frauen Finanzmagazins „Courage“, Daniela Meyer und Astrid Zehde, der Chefredakteur des Magazins Wirtschaftsjournalist, Wolfgang Messner und Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur des online Ratgebers Finanztip über die Zukunft des Finanz- und Wirtschaftsjournalismus.

Den Auftakt der Diskussion bildete der Impulsvortrag von Hendrik Theine, in dem er seine Studie zur Medienberichterstattung von Vermögens- und Erbschaftssteuern vorstellte. In dem Zeitraum von 2000 bis 2018 untersuchte er die großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen und arbeitete heraus, wie intensiv über Vermögensbesteuerung berichtet wird. „Im Prinzip ist die Vermögensbesteuerung ein relativ seltenes Thema in den deutschen Medien.“ Wenn berichtet wird, dann fast ausschließlich anlassbezogen und im Rahmen politischer Streitigkeiten. Auffallend sei außerdem, dass die Präsenz von marktliberalen und konservativen Organisationen im Vergleich zu Sozialdemokratischen “sehr stark im Vordergrund stehe.“

Dass über das Thema Finanzen aber auch anders berichtet werden kann, zeigen die Gründerinnen und Chefredakteurinnen des Magazins „Courage“, Deutschlands erstem regelmäßig erscheinendem Frauen-Finanzmagazin. Astrid Zehde und Daniela Meyer haben es sich zum Ziel gesetzt, die Berichterstattung über Finanz- und Wirtschaftsthemen zu revolutionieren. Um das zu erreichen, müsse man Frauen in der Finanz- und Karrierewelt sichtbarer machen. „Wir wollen Frauen Mut machen in ihre eigene Karriere zu investieren und sich finanziell unabhängig zu machen.“ Gleichzeitig will „Courage“ das Thema Finanzen anschaulich aufzubereiten. „Unser Anspruch ist es zu zeigen, dass man Finanzen verstehen kann und dass man dafür nicht Wirtschaft oder Mathe studiert haben muss“, so Meyer.

In der Diskussion waren sich die Teilnehmenden einig, dass die Finanzberichterstattung die spezifischen Lebenssituationen mehr berücksichtigen muss. Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip machte sich dafür stark, sich in die Leser hineinzuversetzen. „Das Nachdenken über Wirtschaft ist in Deutschland immer noch davon geprägt, dass man nicht darüber nachdenkt, was eigentlich mit den Leuten passiert.“ Dass eine solche Zielgruppe auch Kinder sein können, darüber berichtete Wolfgang Messner. Die Schwierigkeit bestehe bei allen Zielgruppen darin, komplexe Finanzthemen herunterzubrechen, ohne jedoch die Lesenden dabei zu unterfordern.

Journalisten sollten sich darüber hinaus von einer reinen Kennzahlenberichterstattung distanzieren und es wagen, kritischer über Unternehmen zu berichten. Man habe eine Verantwortung gegenüber den Lesern, unterstreicht Messner. Dabei zählt für den ProRecherche Gründer eins: Mut zum gründlichen Recherchieren. Das habe sich nicht zuletzt in den Diskussionen um das DAX-Unternehmen Wirecard gezeigt. Es müsse transparent berichtet werden, besonders jetzt, da sich die Finanzwelt immer mehr an technologiegeprägte Unternehmen annähere. Finanzmedien müssen die Chancen und Risiken aufzeigen, die der Bereich der Finanztechnologie birgt, ohne den Leserinnen und Lesern dabei Entscheidungen ab zu nehmen. Die Menschen sollen begreifen, „dass sie Teil dieser Wirtschaft sind und Dinge beeinflussen können“, betonte Zehde. Es sei an der Zeit, bewusster auf die Leserinnen und Leser eizugehen. „Nur, wenn wir Wirtschaft anfassbar machen, können wir auch etwas verändern“, resümierte Tenhagen.,

Wie könnte also die ideale Finanzmedienlandschaft in der Zukunft aussehen? Einig war sich die Runde, dass die Berichterstattung diverser werden muss. Das gilt vor allem für die Sichtbarmachung von Frauen und das Ansprechen spezifischer Gruppen. Und letztendlich gilt es die Themen so zu verpacken, dass sie nicht nur gut verständlich sind, sondern auch zum Machen motivieren. Denn, so Tenhagen, „das Machen ist der Kern.“

Zusammen mit Tirza Seene
11:27 24.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Maximilian Riegel

Politikwissenschaftler, schreibt u.a. für meko factory – Agentur für Kommunikation GmbH
Maximilian Riegel

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