„Dein Hinterrad war kaputt, nicht meins!“

Eventkritik Bei einem Dia-Vortrag in einem Berliner Kino erklären Fans der "Harley Davidson des Ostens", wie man mit einem DDR-Motorrad bis nach Nepal kommt

Das Motorrad MZ ETZ 250 gilt als die "Harley Davidson des Ostens". Manch Ostdeutschem wird heute noch warm ums Herz, wenn er eines der einst in den Motorenwerken Zschopau gebauten Modelle auf der Straße sieht. Unter Bikern wird die MZ ETZ 250 aber auch einfach wegen ihres genügsamen Motors und ihres guten Fahrwerks geschätzt. Nur mit diesem Hintergrund versteht man, warum sich an einem Sonntagmorgen im Berliner Bezirk Friedrichshain vor einem kleinen Kino eine lange Schlange Neugieriger bildet, die einen Dia-Vortrag übers Motorradfahren hören wollen.

Susanne Hein und Michael Linke wollten die Belastbarkeit der MZ ETZ 250 testen und fuhren mit ihren Motorrädern über ein Jahr lang von Deutschland bis nach Nepal. In der Ankündigung ihres Vortrags betonen sie, dass sie selbst aus der DDR kommen und die Reise vor vier Jahren für sie ein Stück Freiheit bedeutete. Auch 23 Jahre nach dem Mauerfall ist das offenbar noch nicht für jeden selbstverständlich.

Bei einer solchen Veranstaltung erwartet man trotzdem auch Ostalgie, ältere Herren mit Beuteltaschen und großen Brillen – oder aber das andere Extrem: Prenzlauerberg-Retrofans, die am Wochenende an ihren eigenen MZ-Rädern rumwerkeln, um damit auf der Straße den maximalen Distinktionsgewinn zu erzielen.

Die Schlange an der Kasse legt den Ostalgie-Verdacht nahe. War in der DDR irgendwo eine Schlange zu sehen, stellte man sich in Erwartung, dass es hier was Besonderes geben müsse, sofort an. Das Publikum im Kinovorraum wartet auch auf was Besonderes, lässt sich aber nicht eindeutig zuordnen. Es ist eine Mischung Älterer und junger Familien mit Kleinkindern.

Überfüllter als die Uni

Im Kinosaal sitzen die Leute aus Platzgründen sogar auf dem Boden, es ist schlimmer als in der Uni zu Semesterbeginn. Dann soll es losgehen. Michael Linke fragt leise ins Mikro, ob man ihn verstehe, was lauthals mit „Nein, hier hinten in der Ecke nicht!“ beantwortet wird. Ein Dialog aus dem Vorraum ist zu hören. „Hallo, hallo! Sie gehen da jetzt nicht rein!“ – „Wieso denn nicht?“ – „Alle Plätze sind besetzt“ – „Aber, da ist doch noch was frei!“ Ein Streit beginnt, der Kartenverkäufer bleibt aber hart und der Zuspätkommende muss gehen.

Wie um zu deeskalieren, setzt nun eine beruhigende Musik ein, dazu stimmungsvolle Urlaubsbilder. Manche Besucher bewegen die Füße zum Takt der Musik und wippen mit den Köpfen. Sie sollen sich gedanklich an den Tag des Reisebeginns versetzen. „Für uns begann eine 14-monatige Zeit der Freiheit, mit unvergesslichen Erlebnissen und einmaligen Erfahrungen“, beginnt es nicht gerade pathos-arm.

Hein und Linke erzählen abwechselnd von den Stationen ihrer Reise. Sie sitzen an einem kleinen beleuchteten Tisch und reichen sich gegenseitig das Mikro. In der Dunkelheit wirken die Beiden ein wenig wie Märchenerzähler, die einem DEFA-Film entsprungen sind.

Sie berichten, wie sie in der Slowakei eine Nacht lang mit ihren Gastgebern über Kommunismus, Kapitalismus und Glauben diskutierten. Am nächsten Tag wurden sie mit den Worten verabschiedet: „God bless your travel, you atheists!“. Dazu gibt es noch mehr schöne Reisefotos. Ein älterer Herr im Kino berichtet seiner Sitznachbarin lautstark, was er und mit ihm auch jeder andere im Raum sieht: „Die Berge! Der See!“

In Georgien, erzählen Hein und Linke, machten sich ihre Russischkenntnisse bezahlt, endlich einmal! Je länger die Reise geht, desto heißer wird es im kleinen Kinoraum. Als die Erzählung bei der Hitze Turkmenistans angekommen ist, kann man sie sich wunderbar vergegenwärtigen. Der Sitznachbar zieht seinen Pullover aus, Schweißgerüche wabern umher.

Bei den Vortragenden kommt es während der Präsentation zu ersten Gereiztheiten: „Es war dein Hinterrad kaputt, nicht meins!“ – „Tschuldigung!“ Die Zuschauer können mitverfolgen, wie die Beiden ihre Erinnerungen mit Hilfe der projizierten Fotos neu aushandeln müssen. Dann ist Pause und viele streben nach draußen an die frische Luft. Pläne werden geschmiedet, Wortfetzen fliegen herum: „So eine Reise machen wir auch.“ – „Aber ohne Motorrad.“

Im Vorraum des Kinos stellen sich Hein und Linke, wie zwei einfühlsame Psychologen den Fragen der Besucher. Ein älterer Herr hat einen Packen Schwarz-Weiß-Fotos mitgebracht. Er erzählt, dass auch er 1967 mit einer MZ nach Georgien getourt ist: „Wir hatten andere Probleme als ihr, aber auch andere schöne Erlebnisse. Das waren ja noch Zeiten.“ Soviel Ostalgie muss dann doch sein. Ein Zuschauer gibt ungefragt Tipps für die Visa-Beschaffung und erklärt, wie man die Route verbessern und Kosten sparen kann.

Beruhigende Grundbotschaft

Die Pause ist vorbei, die semi-professionellen Ex-Motorradfahrer werden zurück auf ihre Plätze getrieben. Auch im zweiten Teil des Vortrags soll man etwas lernen, zum Beispiel dass es selbst in Aserbaidschan und im Iran MZ-Fahrer gibt. Je länger man zuhört, desto stärker wird das Gefühl: Diese MZ gibt es einfach überall, obwohl sie seit Mitte der Neunziger nicht mehr gebaut wird.

Und auch wenn Michael Linke manchmal sehr detailliert über technische Probleme berichtet, ist doch alles aufgehoben in der beruhigenden Grundbotschaft: Diese MZ ist eigentlich unkaputtbar. Der laut kommentierende Zuschauer ruft dennoch bei jedem technischen Problem anteilnehmend: „Ach du Scheiße!“

Einige Kinder halten es auf ihren Sitzplätzen nicht mehr aus, Süßigkeiten essend wandern sie durch den Saal. Zum Abschluss wird die Reise noch in Zahlenblöcken zusammengefasst: 34.000 Kilometer, 3.500 Liter verfahrenes Benzin, 22 bewachte Grenzübergange überquert ... Es wirkt wie ein Leistungsnachweis, für den die Vortragenden Anerkennung erwarten. Dann ist Schluss, die Zuhörer fliehen an die frische Luft. Viele fahren mit ihren Fahrrädern nach Hause.

http://www.mz-eurasien.de/

17:39 13.11.2012

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