Die fragmentierte Gesellschaft

Ghana Kojo Laings „Die Sonnensucher“ ist ein Klassiker der Moderne. Nun wurde der schonungslose Roman neu aufgelegt
Die fragmentierte Gesellschaft
Enttäuschung über Kwame Nkrumah, den ersten Präsidenten des unabhängigen Ghana

Foto: Reg Lancaster/Express/Getty Images

In seiner Nachbemerkung bezeichnet Ilija Trojanow den Roman als eine „Zumutung“ und zugleich als ein „großartiges Stück Literatur“. In der Tat, es brauchte verlegerischen Mut für diesen sprachlich mehr als anspruchsvollen Roman. Auf Englisch erschien Search Sweet Country 1986 erstmals bei Heinemann African Writers Series, die deutsche Erstausgabe 1995 im Marino-Verlag von Trojanow. Heute findet man Kojo Laing in jeder Anthologie, die sich afrikanischen Autorinnen und Autoren widmet, der nahezu abwesende beziehungsweise stagnierende Plot ist freilich immer noch nicht jedes Lesers Sache.

Kojo Laings Debüt umfasst 528 Seiten zuzüglich eines Glossars und ist im Stil des magischen Realismus verfasst. Die Schreibweise der literarischen Vorgänger Kofi Nyedevu Awoonor, Ama Ata Aidoo und Ayi Kwei Armah ist weitaus naturalistischer und unmittelbar zugänglicher, wenn auch poetisch aufgeladen. Die fantasievollen Szenerien und sprachlichen Bilder weisen Laing als einen Meister der indirekten Sprache aus, dazu kommen seine sagenhafte Ironie und Witz.

Der Roman, der Mitte der 70er Jahre in Accra spielt, stellt eine Bestandsaufnahme der Sorgen und Nöte der damaligen Gesellschaft einschließlich ihrer politischen Verfasstheit dar. Ghana war die erste britische Kolonie des subsaharischen Afrikas, die ihre Unabhängigkeit erlangte. Am 6. März 1957 startete das Land mit Kwame Nkrumah als Präsident in eine neue Ära. Nicht nur ganz Afrika, die ganze Welt beobachtete diesen Start. Was dann folgte, war enttäuschend, die Freude an der Unabhängigkeit schon bald unter vielen Problemen verschüttet. So gilt Ayi Kwei Armahs Roman The Beautiful Ones Are Not Yet Born (1969) als der Desillusionierungsroman schlechthin. Die Sonnensucher verortet sich in der Phase der Militärputsche, die das Land in den 70er Jahren durchschüttelten. Der Geheimdienst und die Polizei halten die Gesellschaft in Schach, insbesondere Akademiker werden überwacht.

Probleme weglachen

Die ghanaische Gesellschaft, wie Laing sie beschreibt, ist eine Ansammlung von unkritischen und entpolitisierten Individualisten ohne konkrete Zukunftsvisionen. Die ehemaligen kolonialen Machthaber wurden durch eine Klasse korrupter und machtgieriger ghanaischer Politiker ersetzt. Charakteristisch für die im Roman dargestellte Bürgerschaft die Szene, in der eine Demonstration damit endet, dass alle Teilnehmer von der Polizei zum Essen eingeladen werden, ein Angebot, das bereitwillig angenommen wird. Einer der Protagonisten des Romans, Professor Sackey – Soziologiedozent an der Universität und vermutlich ansatzweise Sprachrohr des Autors –, kritisiert seine Landsleute, indem er feststellt, dass Probleme einfach weggelacht werden. Die Fragmentierung der Gesellschaft bezieht sich in diesem Roman nicht nur auf die mangelnde politische Organisation und Visionslosigkeit der Intellektuellen und Politiker, sondern auch auf das Privatleben.

Laings Figuren handeln auch privat abgebrüht und unerbittlich. Wenn eine Frau nicht mehr den optischen Ansprüchen ihres Partners entspricht, sagt er ihr es ins Gesicht. Nahezu jede Ehe geht in die Brüche, Partnerschaften kommen nicht zustande, weil der Mann sich nicht entscheiden kann. Die Menschen in diesem Roman sind penetrant nachtragend, Vergebung und Verzeihung scheinen unmöglich. Interessant und außergewöhnlich ist bei Laing, dass Männer häufig die familiären Netzwerke aufrechterhalten und Kinder versorgen, während die Frauen die Familien verlassen, um bei ihren Liebhabern zu leben. Einige Frauen sind starke, unabhängige Unternehmerinnen, die ihre Männer erst auslachen und dann fortschicken. In der Tat haben Frauen in der ghanaischen Kultur, insbesondere bei den Asante, von jeher eine starke, oftmals finanziell unabhängige Position innegehabt. Erst der Einzug der Kolonialmacht schaffte Strukturen, die Frauen benachteiligten.

Respekt gebührt Thomas Brückner, der diesen schillernden Wahnsinn, geschrieben in den vielen Dialekten der Stadt, vom Pidgin bis hin zum kolonial geprägtem Englisch, in ein poetisches und luftig-leichtes Deutsch übersetzte. Es ist gut, dass dieser Meilenstein afrikanischer Literatur nun neue Aufmerksamkeit erhält.

Info

Die Sonnensucher Kojo Laing Thomas Brückner (Übers.) Büchergilde 2015, 544 S., 22,95 €

06:00 27.05.2015
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