Es tut mir nicht leid!

Würde Die Zeitschrift für Kultur- und Kollektivwissenschaft untersucht das Verhältnis zwischen Individuen und (zwanghaften) Gruppenstrukturen.
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Die erste Ausgabe dieser neugegründeten Zeitschrift, welche von der Forschungsstelle Kultur- und Kollektivwissenschaft der Universität Regensburg herausgegeben wird, stellt soziologische, psychologische, kommunikationswissenschaftliche und ethnologische Überlegungen zum Begriff des Individuums und des Kollektivs vor.

Spannend sind die Beiträge der Philosophieprofessoren Thomas Göller und Gregor Paul. Ihre Ausführungen stellen in berührender Weise die Bedeutung persönlicher Unversehrtheit und Integrität heraus, daher möchte ich auf diese näher eingehen.

Was Kultur sein kann

Thomas Göller definiert in seinen schrittweise dargestellten Überlegungen zunächst den Begriff der Kultur aus philosophischer Sicht.

Kultur beschreibt er in seinen Schlussfolgerungen als einen Terminus, der alle denkbaren menschlichen Ausdrucksformen umfasst. Die Variabilität der kulturellen Ausdrucksformen ist in ihrer Zeitlichkeit (historisch/aktuell) und ihren verschiedenen globalen Manifestationsformen mitzudenken.

Spannend sind seine Gedanken zu den spezifisch anthropologischen Aspekten von Kultur. Die menschliche Kultur zeichne sich insbesondere durch ihre Fähigkeit zur Erneuerung, Veränderung und Pluralität aus: Menschen können im Unterschied zu Tieren Parallelkulturen entwickeln (ein Beispiel hierfür ist die Vielfalt der Sprachen).

Kultur zeichnet sich laut Göller des Weiteren durch Sinndimensionen - in doppelter Hinsicht verstanden – aus. Die beiden Dimensionen beziehen sich zum einen auf den Gehalt (die Idee) andererseits auf die Gestalt (Wahrnehmbarkeit). Kulturphänomene verbinden selbstverständlich beides. Hinzu kommt eine Geltungsdimension der kulturellen Ausdrucksformen.

An dieser Stelle leitet er zu der Idee des Subjekts über. In klassizistischer Weise geht er davon aus, dass das Subjekt selbst ein kulturelles Produkt ist, das sich aufgrund der von ihm gesetzten Sinndimensionen (Interessen) zu entwickeln versucht. Umso erhabener es in diesem Prozess von äußeren (z.B. existenziellen, biotischen) Zwängen ist, desto mehr wird es zu einer Person.

Der Raum der interessens- oder sinngeleiteten Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung macht den Menschen zu einer Person, die in ihrer Integrität und Würde zu schützen ist.

Das politische und gesellschaftliche Netzwerk

Gregor Paul wirft in seinem Beitrag einen stärkeren Fokus auf den Menschen in seinen kulturellen Netzwerken und sozialen Strukturen. Er vergleicht japanische und chinesische Texte des Konfuzianismus und beleuchtet verschiedene historische Epochen Japans und Chinas (bis über die Kulturrevolution hinaus) in Hinblick auf sich verändernde Konzeptionen und politische Vorstellungen über die Rolle des Individuums.

Die Texte des Konfuzianismus stammen von unterschiedlichen Verfassern und widersprechen sich laut Paul nicht selten in fundamentaler Weise. Spannend ist, dass schon frühe Texte dieser Gelehrtenschule (oder –schulen) die Bedeutung des Individuums mit seiner Würde und seinem Stolz hervorheben und zelebrieren.

Hierfür bringt Paul faszinierende und zum Teil witzige Textbeispiele, so steht im konfuzianischen Text namens Xunzi:

Ein Edler wird sich schämen, wenn er nicht an der Bildung seiner Persönlichkeit arbeitet, er wird sich schämen keine Fähigkeiten zu haben, nicht aber wird er sich schämen, wenn er nicht erlebt, dass er im öffentlichen Dienst angestellt wird.

Auch der konfuzianische Menzius-Text bestärkt die Bedeutung des Individuums u.a. indem er das Gefühl eigner Würde jedem Menschen explizit zugesteht:

Es gibt für die Menschen etwas, das sie mehr lieben als das Leben und etwas, das sie mehr verabscheuen als den Tod. Nicht nur Weise haben diesen Sinn, alle Menschen haben ihn….Angenommen, es handelt sich um einen Korb Reis oder eine Schüssel Suppe, und Leben oder Tod hängen davon ab, ob man sie erhält oder nicht erhält. Wenn sie unter Beschimpfungen angeboten werden, so wird selbst ein Landstreicher sie nicht annehmen…..

Paul stellt in seinem Text zudem antiindividualistische Schulen und Epochen Japans und Chinas vor. So propagierte die japanische Bewegung des Tennōismus die Idee des japanischen Volkes als einer organischen Einheit, die sich widerspruchslos und loyal ihrem Herrscher beugt.

Erzwungene öffentliche Selbstkritik

Erschütternd sind Pauls historische Beispiele aus der Zeit des Maoismus, in der Schauprozesse und öffentliche Anschuldigungen zum Alltag gehörten. Das Einfordern von Selbstkritik vor der Öffentlichkeit wurde zum politischen Instrument, Formen der individuellen Selbstbestimmung und Selbstachtung endgültig zu zerstören. Pauls Zitate belegen nicht nur das, vielmehr wurden menschliche Persönlichkeiten in Zustände der Dissoziation und des Selbsthasses überführt.

Paradoxerweise wurde der öffentliche Gesichtsverlust von politischer Seite aus als die schönste Art der Selbsterkenntnis beworben.

Gruppenbildungen mit wochenlangen wechselseitigen Anschuldigungen und Geständnissen, die Herrschsucht, Rachsucht und Sadismus freien Raum boten, terrorisierten laut Paul Hunderttausende. Gleichzeitig wurde die Fähigkeit jegliche Kritik widerspruchslos anzunehmen, als Vervollkommnungsschritt zur kommunistischen Persönlichkeit propagiert.

Paul schließt seinen Artikel mit einem optimistischeren Blick auf die chinesische und japanische Gegenwart, in der individuelle Ausdrucksformen (z. Bsp. in Bezug auf Lebensplanung oder auch Kleidungsstile) zum Alltag gehören.

Die zweite Ausgabe der Zeitschrift für Kultur- und Kollektivwissenschaft wird sich voraussichtlich mit Fragen zu „Recht, Kultur und Normativität“ befassen.

Zeitschrift für Kultur- und Kollektivwissenschaft (Jg. 1; Heft 1, 2015)

Herausgegeben von Elias Jammal

Transcript Verlag ISBN 978-3-8376-3033-6

17:32 20.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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