Intellektuelle haben keinen Ansatzpunkt

Syrien Wie sehen in Deutschland ansässige Syrer die Situation und Zukunft ihres Landes?
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Entschuldigung, falls ich zu direkt frage, trotzdem: Was würdet Ihr von einem Militärschlag auf Syrien halten?

Salar: Gewalt führt nur zu weiterer Gewalt und wird das Problem in Syrien nicht lösen. Es muss eine politische Lösung gefunden werden. Die syrische Oppositionsbewegung ist aber ebenfalls Schuld daran, dass die Situation so eskaliert ist. Die Gewalt hätte von Beginn an vermieden werden sollen.

Eigentlich hätten die internationalen Mächte aber schon viel früher eingreifen müssen, nämlich zu dem Zeitpunkt, als die Befreiungsbewegung in Syrien noch eine demokratische Bewegung war. Assad hat dem Konflikt einen ethnischen und religiösen Dreher gegeben. Anfangs protestierten Demokraten gegen den Diktator, es war egal, ob man Sunnit oder Alevit war. Jetzt haben die Aleviten Angst vor der Rache der Sunniten. 75% der Bevölkerung Syriens sind Sunniten, Assad und viele seiner Generäle sind Aleviten. Die Aleviten werden bis zum bitteren Ende kämpfen. Weil unter Assad islamische Bruderschaften verboten waren, wird die Opposition jetzt hauptsächlich durch islamische Gruppen organisiert, das heißt, sie haben schon Organisationsstrukturen aufgebaut.

Die Befreiungsarmee Syriens hat keine demokratischen Ziele, sondern ist religiös motiviert?

Siwar: Es gibt keine einheitlich Befreiungsarmee Syriens, die einem gemeinsamen Ziel unterstünde. Die Befreiungsarmee, das sind Milizengruppen, die einigermaßen zusammenhangslos und mit unterschiedlichen Zielen kämpfen. Dazu kommen Djihad-Kämpfer aus den umliegenden Ländern, welche jetzt ebenfalls in Syrien kämpfen, zum Beispiel haben sie die kurdischen Gebiete angegriffen.

Welche Haltung wird denn in den kurdischen Gebieten vertreten?

Siwar: Die Kurden haben sich aus dem Konflikt zunächst herausgehalten. Das heißt, sie waren neutral. Es gab dann später einige Auseinandersetzungen mit den Sprechern der syrischen Oppositionellen, weil diese in einem Entwurf für Syrien den Kurden zukünftig keine eigene kulturelle Identität zugestehen wollten. Außerdem sollte in diesem Entwurf Syrien als „arabische Republik Syriens“ bezeichnet werden, nicht „Republik Syrien“. Das hat die Kurden gestört, da sie eher einen gemäßigten und offenen Islam vertreten.

Wie seht Ihr die Zukunft Syriens?

Siwar: Ich denke es wird ein sehr langer Bürgerkrieg folgen. Am Ende wird Syrien wahrscheinlich zerfallen.

Salar: Ich vergleiche die Situation Syriens immer mit dem ehemaligen Jugoslawien. Die Zusammensetzung der Bevölkerungsstruktur ist sehr komplex. In Folge der religiösen Wendung des Konflikts werden sich die unterschiedlichen Gruppierungen gegenseitig zerfleischen.

Gäbe es denn irgendeine Lösung, das zu verhindern? Da sind die Syrer doch auch selbst in der Pflicht.

Salar: Das ist leicht gesagt. Es sind doch bei jedem Bürgerkrieg die gleichen Mechanismen! Es wird ein Rachegefühl in Gang gesetzt... das ist in gewisser Hinsicht menschlich. Man hat Verwandte verloren, man ist in Lebensgefahr, also kämpft man weiter. Jetzt ist es in Syrien so: Wer eine Waffe hat, kann mitreden und Nachbarn schießen auf Nachbarn.

Was ist mit den Stimmen von Intellektuellen? Was machen die?

Siwar: Auf die Stimmen von Intellektuellen wird in Syrien momentan nicht gehört. Das heißt, sie haben keine Machtinstrumente, keine Ansatzpunkte, wie sie ihre Ansichten durchsetzen könnten. Ich kann ein Beispiel nennen: Mein Onkel ist Arzt und saß im Gefängnis. Jetzt ist er außer Landes und versucht von außerhalb humanitäre Hilfe zu organisieren. Er publiziert auch.

Gibt es irgendwelche Lösungsvorschläge?

Salar: Um die Aleviten und die Sunniten voreinander zu schützen, könnten eventuell Protektorate geschaffen werden, ähnlich wie es bei Euch während der Teilung war. Russland würde den alevitischen Teil protegieren und Amerika den sunnitischen Teil.

Würdet Ihr den Giftgasanschlag dem Assad-Regime zuschreiben?

Salar: Eigentlich denke ich nicht, dass Assad so dumm ist. Er hätte die Folgen absehen können.

Siwar, deine Familie ist noch in der Türkei. Wie lebt sie dort?

Siwar: Wir haben sehr viel Glück gehabt, weil wir Syrien zu einem Zeitpunkt verlassen haben, als die Grenze noch problemlos zu überqueren war. Meine Eltern, mein Vater ist Agraringenieur und meine Mutter Englischlehrerin, konnten auch einige Ersparnisse mitnehmen. Sie konnten sich eine Wohnung mieten und meine Mutter arbeitet jetzt als Lehrerin an einer Schule für syrische Flüchtlingskinder. Allerdings verdient sie dort sehr wenig. Meine Schwester kann diese Schule ebenfalls besuchen. Ich habe aber die Anfangszeit in der Türkei nicht ausgehalten, das heißt, das Herumsitzen. Ich bin zwischenzeitlich nach Syrien zurückgegangen und habe dort weiterstudiert.

Haben deine Eltern das unterstützt?

Siwar: Nein, sie waren absolut dagegen. Ich bin heimlich nachts abgehauen und mit dem Bus nach Syrien gefahren. Ich konnte dann dort noch einige Prüfungen ablegen. Als ich meine Prüfungen gemacht hatte, bekam ich die Nachricht, dass mein Visumsantrag für Deutschland bewilligt wurde. Eigentlich hatte ich daran schon gar nicht mehr geglaubt, bzw. es einfach vergessen.

Hattest Du keine Angst vor Gewalt?

Siwar: Was hätte ich denn machen sollen? In der Türkei herumsitzen ohne zu studieren?

Wünscht Ihr Euch die Zeit vor der Krise mit Assad zurück?

Siwar: Ehrlich gesagt: ja.

Salar: Die Leute fanden Assad unerträglich, aber jetzt wünschen sich viele ihr normales Leben zurück.

Siwar und Salar sind syrische Studenten, welche in Deutschland ihr Medizinstudium absolvieren. Während Salar schon seit ein paar Jahren in Deutschland studiert, ist Siwar erst im letzten Jahr mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Seine Eltern und seine Schwester befinden sich noch in der Türkei.

10:31 01.09.2013
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