Presse brauchen wir nicht

Engagement Die Mitglieder von Multitude unterrichten Deutsch für Asylsuchende. Sie machen das einfach so - ohne Geld, ohne Lehrbuch und ohne kapriziöse Presseauftritte
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Presse brauchen wir nicht
DaF-Unterricht

Foto: Barbara Sax/ AFP/ Getty Images

Warum wurde Multitude gegründet?

Andrea: Der Verein Multitude wurde 2001 von Studierenden der Freien Universität zu Berlin gegründet. Die Studierenden haben damals in einem Erstaufnahmeheim angefangen Deutsch zu unterrichten. Damals entstand die Idee des Vereins Menschen mit Fluchthintergrund eine Möglichkeit zur Teilhabe in Deutschland zu geben. Weil ihnen offiziell, von deutscher Seite, kein Recht auf Deutschunterricht zusteht. Die Idee dahinter war in die Heime zu gehen und den Menschen Deutsch beizubringen, damit sie sich selbstbestimmt in dem Land zurechtfinden können.

Ist Multitude sozusagen eine Studentenaktion oder Studierendenbewegung?

Andrea: Ja, das waren Studierende verschiedener Fachrichtungen, die sich natürlich im Vorfeld mit Politik beschäftigt haben und damit nicht einverstanden waren. Mittlerweile ist es so, dass es vor allem Studierende sind, aber auch Menschen, die im Arbeitsleben stehen und einige ältere Menschen. Wir versuchen das zu fördern, dass nicht nur Studierende dabei sind. Der Verein ist für alle Menschen offen, die mitmachen wollen.

Und wie groß ist euer Verein jetzt?

Lydia: Es gibt zwischen 130 und 150 Mitglieder. Manche sind mehr, andere weniger aktiv. Es können aber immer, immer mehr werden.

Arbeitet Ihr nur berlinweit oder auch darüber hinaus?

Andrea: Wir sind momentan nur in Berlin aktiv, aber da wir in verschiedenen Heimen unterrichten, könnten an mehreren Tagen auch noch Leute gebraucht werden. Momentan unterrichten wir 3-4 Tage, aber es wäre auch schön das ausweiten zu können.

Und was war eure persönliche Motivation, bei Multitude mitzumachen? Hattet Ihr irgendwelche Schlüsselerlebnisse?

Marcel: Ich habe einen dieser Flyer in der Universität hängen sehen. Ich hatte den Anspruch an mich etwas, das klingt ein bisschen pathetisch vielleicht, etwas moralisch Sinnvolles zu tun.

Ist doch ein guter Ansatz.

Marcel: Ich wusste nicht genau, was ich machen wollte, nur dass ich irgendetwas Ehrenamtliches machen wollte und da hat mich das angesprochen.

Lydia: Ich komme eigentlich aus Leipzig und studiere da Deutsch als Fremdsprache. Ich wollte ein paar praktische Erfahrungen mit dem Deutschunterricht sammeln. Ich hatte mich in Leipzig in einer Arbeit mit der Migrationsproblematik beschäftigt und wollte da noch mehr machen. Durch eine Bekannte, die in Berlin wohntund sich ebenfalls bei Multitude engagiert, wusste ich von dem Verein. Sie hat sehr viel Spaß daran bei Multitude zu arbeiten, ich habe mich dann hier gemeldet, um ein Praktikum zu machen.

Andrea: Ich habe vor ca. drei Jahren bei verschiedenen Info-Veranstaltungen, die von Geflüchteten ausgingen und wo diese über ihre Situation informiert haben, immer mehr darüber erfahren, wie die politische Situation von Geflüchteten in Deutschland ist. Ich habe gemerkt, wie viel Unrecht da einfach geschieht.

Du hattest dich schon länger mit der Thematik beschäftigt?

Andrea: Ja, ich habe mich dann länger damit beschäftigt. Vor einem Jahr habe ich Multitude kennengelernt und habe gemerkt, dass das ein Raum ist, sich mehr mit dieser Situation zu beschäftigen und auch wenigstens eine ganz kleine Wenigkeit dazu zu tun, dass diese Situation sich langsam ändern kann.

Wie reagieren die Leute auf euch und euer Angebot in den Heimen?

Lydia: Das ist ganz unterschiedlich. Es kommt drauf an, ob es Erstaufnahmelager sind oder eine Folgeeinrichtung. In den Erstaufnahmelagern kommen meistens sehr viele Leute zum Unterricht und sie sind unglaublich motiviert. Sie sind meist gerade erst hier angekommen und wollen ganz viel lernen. In den Folgeeinrichtungen, das ist meine Erfahrung, waren weniger Menschen interessiert, dafür kamen sie aber kontinuierlicher.

Auf einem Treffen habt Ihr des Öfteren von Lagern gesprochen, nicht von Heimen. Ist das eine generelle Sprachregelung?

Andrea: Also, es gibt bei uns im Verein nicht Vorgaben, wie die Bezeichnung stattfinden sollte. Aber der Begriff „Lager“ wird von sehr vielen Menschen verwendet, um die Situation auszudrücken, wie wir finden, dass die Heime organisiert sind. Dadurch, dass es die Verpflichtung gibt, dort zu wohnen, wie die Einrichtungen dort sind…Deswegen würde ich sagen, dass dieses Wort in mancher Hinsicht adäquater ist.

Könntet Ihr etwas sagen zu der Situation der Flüchtlinge, wie würdet Ihr die beschreiben? Die Situation ist ja sicherlich unterschiedlich, je nach Sprachkenntnissen und Ausbildung, Familienstand…Kann man trotzdem etwas verallgemeinern?

Andrea: Ja, das ist sehr, sehr unterschiedlich. Je nachdem, was der Fluchtgrund war, wie die Fluchtsituation war, wie lange der Fluchtweg war. Damit kommen die Menschen schon mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen nach Deutschland. Und dann ist die Situation auch unterschiedlich von Heim zu Heim. Es kommt auch darauf an, ob die Flüchtigen gerade erst angekommen sind und noch wahnsinnig zuversichtlich sind, was das Asylverfahren betrifft…

Welchen Status haben die Geflüchteten überhaupt in diesem Moment, haben sie schon eine Art von Aufenthaltsgenehmigung?

Andrea: Nein, das steht dann noch aus. Da erfolgt erst die Bewerbung und dann wird danach über den Antrag entschieden. Das macht natürlich auch viel von der Situation aus, welche Sicherheit herrscht, welche Informationen es schon gibt.

Und wie gestresst man eigentlich ist.

Andrea: Ja und es hängt auch davon ab, wie die Erfahrungen in dem Lager schon waren und insgesamt die neue Situation in Deutschland zu sein.

Marcel: Auf jeden Fall sind die Geflüchteten einer mehrfachen Stresssituation ausgesetzt. Aufgrund der persönlichen Geschichte und Erfahrungen in ihrem Heimatland, wegen der sie nach Deutschland gekommen sind. Dann aufgrund der bürokratischen Hürden, die es hier zu meistern gilt.

Helft Ihr den Flüchtlingen dann auch dabei? Anträge ausfüllen usw. oder macht Ihr nur den Sprachunterricht?

Marcel: Da wo Menschen uns bitten, versuchen wir auch zu helfen.

Andrea: Wir leiten das aber eigentlich eher an die zuständigen Stellen weiter. Es gibt zum Beispiel eine Fluchtberatungsstelle für Geflüchtete in Berlin. In Situationen, wo wir zum Beispiel keine rechtliche Kompetenz haben, helfen wir Ihnen dabei diese Stellen zu kontaktieren.

Marcel: Was noch die mehrfache Stresssituation der Flüchtlinge betraf: Das Dritte wäre dann auch vielleicht tatsächlich die Wohnsituation in den Heimen. Das ist schon nicht…Also, was menschenwürdig oder – unwürdig ist, darüber kann man streiten. Das ist schon sehr….also ich glaube niemand würde in so einem Heim leben wollen. Es ist laut, steril, kleine Zimmer, grelles Licht.

Lydia: Es sind oft mehrere Leute in einem Raum untergebracht. Da fehlt komplett die Privatsphäre.

Marcel: Ja, und die vierte Belastung ist eben in einem neuen Land zu sein und die Sprache nicht zu sprechen. Die Kultur nicht zu kennen. Selbst wenn man die anderen Probleme alle nicht hätte, wäre man damit ja teilweise schon überfordert. Das alles zusammen macht die Situation in dieser Phase besonders schwierig.

Ist eine Familie pro Zimmer untergebracht oder mehrere Familien pro Zimmer?

Lydia: Soweit ich weiß, aber das gilt auch nicht für alle Heime, ist es eine Familie pro kleiner Wohnung. Ich wurde einmal bei einer Familie eingeladen und diese hatte zwei Zimmer. Das ist immer sehr unterschiedlich.

Andrea: Die Heime sind teilweise überbelegt. Die Auslastung in Berlin liegt bei über 110%.

Und wie baut Ihr den Unterricht auf?

Andrea: Das kommt auf die Einrichtung an und auf die Person, die unterrichtet. Dadurch, dass wir das alles ehrenamtlich machen, kommt meistens jede Person einmal pro Woche dorthin, aber es gibt viermal die Woche Unterricht. Es gibt wechselnde Lehrer_innen und, die Lernenden sind auch nicht verpflichtet zu kommen, also gibt es auch wechselnde Schüler_innen. Dadurch ist es so, dass es sich meist erst in dem Moment konstituiert, was für Unterricht man macht. Man schaut dann erst einmal, wo die Leute gerade stehen, welche Bedürfnisse sie haben und richtet danach den Unterricht aus. Wir haben kein vorgefertigtes Lehrbuch, weil die Sprachlernerfahrungen auch ganz unterschiedlich sind.

Was würdet Ihr Euch wünschen, was soll sich ändern bei der deutschen Migrationspolitik?

Marcel: Also man könnte damit anfangen uns als Freiwilligenverein überflüssig zu machen, indem man Deutschkurse von kompetenten und ausgebildeten Lehrern in den Heimen anbietet. Das wäre sehr wichtig.

Andrea: Und sonst könnte man vielleicht auch auf die politischen Forderungen des Flüchtlingscamps, das gerade in Berlin am Oranienplatz noch ist, verweisen. Sie stellen sehr viele Forderungen und beschreiben ja auch selbst, mit welchen Regelungen der Flüchtlingspolitik sie nicht einverstanden sind. Zum Beispiel Lagerpflicht, Residenzpflicht etc. Das sind immer noch sehr viele grundliegende Dinge, die in der Flüchtlingspolitik in Deutschland falsch laufen.

Lydia: Ich wünsche mir eigentliche etwas ganz einfaches, aber das finde ich echt total wichtig. Dass die Flüchtlinge einfach, wenn sie ihre Anträge stellen und bei Beratungen sind, oder bei den Ämtern sind, dass die Flüchtlinge dort fair und menschlich behandelt werden. Das fände ich schön. Und, dass sie auch richtig beraten werden, von den Ämtern. Ich wünsche mir, dass die Leute fair über ihre Rechte aufgeklärt werden.

Da müssten dann aber auch viel mehr Dolmetscher verfügbar sein, denke ich. Auf den Ämtern wird doch meistens maximal Englisch und Französisch gesprochen.

Marcel: Ja, da müsste einiges anders sein. Das mit den Dolmetschern vielleicht…

Lydia: Aber auch einfach der persönliche Umgang. Klar gibt es viele praktische Probleme, aber auch, dass sie nicht von vorneherein total angeschnauzt werden, wenn sie eine Frage haben.

Marcel: Eigentlich würden wir Multitude nicht überflüssig machen, nur weil es den Deutschunterricht nicht mehr gäbe. Weil wir ja viele andere Dinge auch machen.

Was macht Ihr denn noch?

Marcel: Der Schwerpunkt liegt schon auf dem Deutschunterricht, aber wir versuchen die Geflüchteten auf verschiedene Weise an dem gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen. Zum Beispiel organisieren wir gerade ein Gartenprojekt, wo wir gemeinsam mit Geflüchteten Beete bauen und Gemüse und Obst anpflanzen.

Ach so? Und wo macht Ihr das?

Marcel: Das ist ein Gartengebiet, das wird uns zur Verfügung gestellt.

Habt Ihr einen Antrag an die Stadt gestellt, ob Ihr irgendwo ein Stück Land haben könnt, um einen Garten anzulegen?

Marcel: Nein, die Besitzer des Gartens sind auf uns zugekommen.

Kommen viele Leute auf den Verein zu?

Andrea: Ja, wir bekommen sehr viele Anfragen, auch von Theaterprojekten. Menschen, die Kapazitäten in ihrer Arbeit haben und bei Multitude anfragen, ob sie Sachen realisieren können.

Habt Ihr in der Richtung schon etwas realisiert?

Lydia: Es gab einige Monate das Multitude-Café. Hier sollte ein Raum geschaffen werden, wo sich Geflüchtete aus verschiedenen Heimen treffen und austauschen oder einfach Zeit zusammen verbringen können. Das wurde jetzt, auf Wunsch der Flüchtlinge, ein bisschen anders gestaltet, so dass wir das jetzt in den Heimen selbst machen. Zum Beispiel gemeinsame Kochabende oder gemeinsame Filmabende.

Andrea: Wir haben nicht lauter fixe Projekte, sondern das kann immer angepasst werden. Wir sind ganz offen dafür, dass auch von den Geflüchteten etwas gestaltet werden kann.

Wie ist euer Verhältnis zur Presse?

Andrea: Es ist schön, wenn die Leute mehr über die Situation informiert werden. Aber ich finde es wichtiger politische Forderungen, wie zum Beispiel die, welche die Geflüchteten von dem Protestcamp gerade haben, bekannt zu machen. Das sind Geflüchtete, die ihre Situation beschreiben und konkret von sich aus Forderungen stellen. Dadurch können diese Menschen selbst für sich sprechen und ihre eigenen Ziele an die Presse herantragen. Wir arbeiten zwar mit den Menschen zusammen, aber unsere Arbeit basiert nicht primär darauf, dass wir politische Forderungen stellen.

Hier erfahren Sie mehr über Multitude.

Vielen Dank an Lydia, Marcel und Andrea von Multitude!
09:13 30.04.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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