Ruanda erzählen

Wortsuche Der Roman "Das lärmende Schweigen" treibt seine Protagonisten an ihre menschlichen Grenzen
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Ruanda erzählen
Bilder der Opfer des Völkermordes im Genozid-Museum in Kigali, Ruanda

Foto: Chip Somodevilla/AFP/Getty Images

Die verschriftlichte ruandische Literatur umfasst bislang einen nur kleinen Korpus. In manchen Lexika findet sich unter dem Stichwort Ruanda sogar nur ein einziger Autor, namens Alexis Kagame. Kagame, der von 1912 bis 1981 lebte, wurde in eine dem damaligen ruandischen Königshaus nahestehende Familie geboren und sammelte als Erster die dynastische ruandische Poesie, welche er ins Französische übertrug. Er verstarb schon vor der vermutlich größten Katastrophe, die Ruanda bisher jemals erfasste.

Der Völkermord in Ruanda, welcher am 06.04.1994 begann, folgte einer längeren Vorgeschichte, die ihre Wurzeln schon vor der Kolonialzeit hatte. Der ruandische Herrscher Kigeri Rwabugiri zentralisierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sein Reich und setzte eine Stratifizierung der ruandischen Gesellschaft in Gang. Die sogenannten „Tutsi“, welche Viehbauern waren, gelangten zunehmend in eine gesellschaftlich erhabene Schicht, welche der Schicht der Ackerbauern, genannt „Hutu“, überlegen war.

Die deutschen und belgischen Kolonialherren interpretierten diese Gruppierungen mithilfe rassistischer Konzepte später als ethnisch-genetisch unterschiedliche Volksgruppen und festigten die Vormachtstellung der Tutsi, indem sie ihnen z. B. in der Ausbildung Vorteile gewährten. Durch die Einführung von Pässen wurde die Unterscheidung zusätzlich administrativ institutionalisiert.

Durch die systematische Ungleichbehandlung wurden eine Spannung und ein Hass herangezüchtet, der am Ende des Kolonialstaats (1962) dazu führte, dass Massaker, Vertreibungen und Fluchtbewegungen die Tutsi in die umliegenden Nachbarländer trieben. Von dort aus bildeten sie die Ruandische Patriotische Front, die 1990 das Land angriff, um den sich im Exil befindenden Tutsi wieder Einlass zu gewähren. Die Stimmung in Ruanda wendete sich zunehmend gegen die (noch vorhandenen) Tutsi und hatte eine Militarisierung der Hutu zufolge, welche zur Vorbereitung des Völkermords diente.

Als am 06. April 1994 das Flugzeug des damaligen Staatspräsidenten Juvénal Habyarimana von Unbekannten abgeschossen wurde, wurde dies zum Anlass genommen, zum Massenmord an den Tutsi aufzurufen. Fernsehsender und Radiostationen beteiligten sich an dieser mörderischen Kampagne und in den folgenden 100 Tagen verloren Schätzungen zufolge mehr als 800 000 Menschen ihr Leben.

An den Morden beteiligte sich die Zivilbevölkerung in großem Ausmaß, Ehemänner brachten ihre Frauen um, Nachbarn, gar Freunde töteten sich gegenseitig. Die Folge dieser Katastrophe ist eine traumatisierte Gesellschaft bestehend aus nahezu ausschließlich Tätern und Opfern. Ein großer Teil befindet sich derzeit in Gefängnissen.

An diesem Punkt der Geschichte setzt Gilbert Gatores Roman „Das lärmende Schweigen“ (Originaltitel: Le passé devant soi) ein.

Die ruandische Waise Isaro, welche von ihren Adoptiveltern in Frankreich aufgezogen wurde, wird durch einen Radiobericht auf ihre Identität und ihre Vergangenheit gestoßen. Diese Vergangenheit stellt sich ihr als ein Vakuum dar, denn sie wurde von den sie liebenden französischen Eltern nie vollständig über die Geschehnisse in ihrer ruandischen Familie aufgeklärt. Nahezu Hals über Kopf macht sie sich daher auf den Weg nach Ruanda, nicht nur, um ihre eigene Geschichte kennenzulernen, sondern auch, um Geschichten von Tätern und Opfern zu sammeln. Sie stößt auf dieser Reise oft an ihre eigenen Grenzen, denn die Geschichten, die sie sammelt und niederschreibt, setzen sich auch in ihrer Psyche als zerstörende Rückstände ab.

Angenehm an Gatores Schreibweise ist seine Vermeidung von Belehrung und moralischen Einlässen. Vielmehr formuliert der Roman Fragen, zum Beispiel zur Genese und Beständigkeit von Täterschaft. Der Roman beansprucht nicht, brutales, wahnhaftes und mörderisches Verhalten vollständig zu erklären oder auszuleuchten. Der zweite Protagonist, die Täterfigur namens Niko, bleibt auch der erzählenden Stimme fremd - obwohl der Text einige Einblicke in Nikos Geist gewährt.

Menschliche Gräueltaten lassen sich jedoch auch mittels der Literatur nicht wirklich erklären. So stellt das Schreiben über den ruandischen Genozid eine schriftstellerische Herausforderung dar. Autoren wie Uwem Akpan („Das Schlafzimmer meiner Eltern“), Boubacar Boris Diop („Murambi – Das Buch der Gebeine“) und Véronique Tadjo („Der Schatten Gottes“) griffen in ihren Romanen ebenfalls die Thematik Ruandas auf, nicht ohne darauf hinzuweisen, wie schwierig es ist, über derartiges zu schreiben. Der Literaturwissenschaftler (und für den FREITAG schreibende) Robert Stockhammer widmete seine Studie „Ruanda. Über einen anderen Genozid schreiben“ den schriftstellerischen Versuchen, Worte für das Unaussprechliche zu finden.

Gatore zählt zu den (bislang wenigen) ruandischen Autoren und Autorinnen. Neben ihm haben sich auch der ruandische, nach Paris migrierte Essayist Benjamin Sehene („Das Feuer unter der Soutane“) sowie die ruandische Schriftstellerin Scholastique Mukasonga („Notre-Dame vom Nil“) mit der Thematik befasst. Bekannt ist darüber hinaus die Biografie des Hoteldirektors Paul Rusesabaginas. Seine Erinnerungen wurden später durch Terry George in dem Film „Hotel Ruanda“ verfilmt. Laut Manfred Loimeiers Einschätzung, kann Gatores Roman bislang als das literarisch-formal ambitionierteste Buch zum Genozid bewertet werden. Sicherlich ist dies einer der Gründe, wegen derer das Buch auf der diesjährigen Shortlist zum Internationalen Literaturpreis stand.

Gatore, 1981 geboren, kam im Jahr 1997 mit seiner Familie nach Frankreich. Später studierte er in Lille und Paris Politik- sowie Wirtschaftswissenschaften.

Das lärmende Schweigen

von Gilbert Gatore

Übersetzung: Katja Meintel

Horlemann Verlag

203 Seiten mit einem Nachwort von Manfred Loimeier

23:18 29.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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