Als wir das Bomben lieben lernten

Jugoslawien Der Dayton-Vertrag, geschlossen vor 25 Jahren, erinnert an Kriege in Europa, die heute fast vergessen sind
Als wir das Bomben lieben lernten
Allianz auf Sinnsuche: Kampfjets auf dem US-Flugzeugträger „USS Saratoga“ 1994

Foto: Alberto Pizzoli/Getty Images

Am Ende reichten sich die Präsidenten Izetbegović, Tuđman und Milošević missmutig die Hände, beobachtet von einem aufgeräumten US-Präsidenten Clinton. Es war der 14. Dezember 1995, als in Paris durch die Übereinkunft zwischen Bosnien, Kroatien und Serbien die Kriege in Jugoslawien eingedämmt, aber noch lange nicht beendet wurden.

Es hatte in den frühen 1990er Jahren selten Nachrichtensendungen ohne Berichte über teils massive Kampfhandlungen gegeben, und doch blieb das Geschehen unverstanden. Das geben bis heute alle zu, wenn nach den Ursachen jener Kriege gefragt wird. Damals waren sie das beherrschende Thema. Alles war so nah, Millionen westdeutscher Urlauber kannten die Gegenden gut, die zerschossen wurden, kannten die schöne Küste, das ärmere Binnenland, kannten Bosniens Flüsse zwischen den Bergen und die Moscheen mit den dünnen, spitzen Minaretten.

Es gab Freundschaften mit Gastfamilien, die sich sogar in den Kriegsjahren bewährten. Man liebte die Spontaneität und Lebenskunst der Jugos, wusste auch von Widersprüchlichem, kannte sich aus. Diese Kriege hatte niemand für möglich gehalten, auch in Jugoslawien selbst. „Dass sich an den Plitvicer Seen Serben und Kroaten irgendwelche Kämpfe liefern, dass zwei Männer verblutet liegen blieben, in dieser idyllischen Vegetation, dem Ziel vieler Reisender, zwischen den hunderten Quellen – das ist, als ob aus einem Spiel versehentlich Ernst wurde.“ Das war noch vor dem Krieg in Bosnien (1992 – 1995), so begann meine Chronik der Ereignisse, die ich schrieb, um alles zu sortieren, es ungeschützt zu drehen und zu wenden und mich durch den Schwall von Behauptungen zu schlagen. Ein Dokument der höchsten Ratlosigkeit.

Dann diese Dauer und Unerbittlichkeit der Kämpfe, die belagerten Städte, die vorgeführten Grausamkeiten, Vergewaltigungen, Vertreibungen. Wir wurden zu tieferschrockenen Zeugen, Zuschauern, Voyeuren. Ununterbrochen bekam die Vorstellungskraft fürchterliche Nahrung. Erschrecken, Wut und Mitgefühl explodierten, ohne eine Möglichkeit, zu handeln. Auch Voyeure können Beschädigungen erleiden: die demütigende Wahrnehmung von Ohnmacht. Überall waren die Stoßseufzer zu hören: Ich ertrage es nicht mehr, ich kann es nicht prüfen, ich kann den Krieg nicht stoppen, und ich wüsste auch nicht, wie, wir sind alle ohnmächtig!

Ohnmacht, die zu Hass führt

In dieser Zeit schmähten sich die Europäer selbst mit Vorwürfen: Warum sind wir so handlungsunfähig? Und eine immer lauter tönende Antwort war: Wir sind seit 1945 zu pazifistisch geworden. Bald gab es keine andere Idee mehr als Bomben. Man hätte es mit einem Fieberthermometer messen können, wie sich das Begehren nach der militärischen Lösung ausbreitete. Eine steile Kurve. Alternativen galten als hoffnungslos: kein Blick auf die antinationalistischen Kräfte in Kroatien, Serbien, Slowenien, Bosnien, die jugoslawische Idee nur noch eine Karikatur. Der Gedanke an eine Form konstruktiven Wiederzusammenlebens der Völker ein Hirngespinst. Nationalismus wurde als eine elementare Urkraft behandelt, respektabel, mystisch. Europa malte sich den Hass der Völker Jugoslawiens in den grellsten Farben aus.

Dieser Hass musste alt sein, musste aus der Geschichte kommen, konnte unter Tito nicht erloschen sein: Der Deckel auf dem brodelnden Topf war das zugehörige Bild. Es ist seltsam, aber Zuschauer können sehr hassen, eifriger und intoleranter als jene, die im Geschehen selbst stecken: Sie teilen die Menschen ein und hassen stellvertretend und eben aus Ohnmacht. Man hätte viel zu lernen gehabt in den Jahren dieser Kriege, so auch, wie Hass entsteht, wie er zwischen Völkern zustande kommt, wie machbar er ist, wann er verschwindet, was für eine Substanz er überhaupt ist.

Darum habe ich mich 1993 auf die langen Wege in das belagerte Sarajevo begeben. Nicht, dass ich dort auf alle Fragen eine Antwort gefunden hätte. Doch da war etwas Heilendes, was sich kaum aussprechen lässt, auch von anderen empfunden wurde, die von dem Ort nicht mehr loskamen. Man war wieder in der Wirklichkeit, man hatte die mediale Erregungsmaschine, die bis zuletzt ohne Aufklärung bleibt, hinter sich gelassen, und der Hass war hier anders. Er war Enttäuschung, ein Nicht-glauben-Können, auch ein Erstaunen, psychische Verletzung. Trauer. Ernüchterung. Noch waren die Bürger der belagerten Stadt aus allen Ethnien zusammengesetzt. Dass Kroaten, Muslime und Serben irgendwann wieder kommunizieren, Handel treiben, sich begegnen würden, war für die meisten selbstverständlich, eine künftige Notwendigkeit, wenn auch eine schwer vergiftete. Wir können es ja, hieß es.

Sarajevo blieb ein Trauma, aber ich konnte Distanz gewinnen zu dem schwankenden Erregungspegel, der so schwer auszuhalten war, zu dem Taumeln der unfreiwilligen Zuschauer zwischen Entsetzen, Betroffenheit einerseits und Denkverweigerung, Abwendung und Erkaltung.

Es waren Kriege der neueren Art: eingegrenzt, zugleich beobachtet von 1.000 Kameras, die Zivilbevölkerung immer als Geiseln, das Terrain von den Ameisenstraßen der NGOs durchzogen, irritierend wechselnde Allianzen und Loyalitäten, die feindlichen Lager mit nationalistischen und religiösen Ideologien präpariert. Eine emotionalisierte Öffentlichkeit rund um die Welt, die Partei nahm, und verborgen im Halblicht die jeweiligen mächtigen Verbündeten.

In diesen Jahren nach dem Ende der sozialistischen Staaten, nach der großen Wende, geschahen in Bosnien viele Dinge zum ersten Mal seit 1945: Deutsche Soldaten konnten wieder einen Einsatz auf fremdem Boden üben. Bis dahin war die Militärdoktrin auf Defensive festgelegt, der Nachkriegsriegel vor deutschen Machtambitionen. Das änderte sich ausgerechnet mit dem Krieg in Bosnien. Türkische Soldaten betraten zum ersten Mal seit dem Ende des Osmanischen Reichs den Balkan, das fiel ihnen selbst als historische Markierung auf. Und am 30. August 1995 bombardierte die NATO erstmals seit ihrer Gründung 1949 ein Land außerhalb des Bündnisses. Es war kein Geheimnis, dass die Allianz auf Sinnsuche war, nachdem sie mit dem Warschauer Pakt ihr Gegenüber eingebüßt hatte. „Out-of-area-Einsätze“ gehörten zu den neu erdachten Prinzipien, und in Bosnien bot sich eine erste Gelegenheit. Die NATO nannte nicht die Morde von Srebrenica als ultimativen Anlass, sondern eine Granate auf dem Marktplatz von Sarajevo, was aus heutiger Sicht irreal wirkt. Nur gut drei Jahre waren nötig, um den Paradigmenwechsel ins europäische Bewusstsein zu pflanzen. Als 2003 die USA und Großbritannien mit einer „Koalition der Willigen“ ohne UN-Mandat in den Irak einfielen, um Saddam Hussein zu stürzen, wurden oft die NATO-Bomben im Bosnienkrieg angeführt, als hätten sie eine unbezweifelbare Beweiskraft angenommen. Verblüfft lese ich in meinen damaligen Notizen etwas von einer Hoffnung: „Irgendwo warten die Vernünftigen, auch wenn der Krieg sie überwältigt und um die Sprache gebracht hat. Viele sind tot, vertrieben, im Ausland, resigniert, aber – es mag verrückt klingen, und es gibt derzeit auch keine Beweise – dennoch ist mit der Vernunft all dieser Leute zu rechnen, die sich über die neuen Grenzen hinweg verständigen werden.“ Seinerzeit kannte ich sie noch, sie beeindruckten mich mit ihrer Unabhängigkeit und Zivilcourage, ihrer Fähigkeit zur Analyse.

Das im Dayton-Vertrag verankerte Konstrukt einer jugoslawischen Nachkriegsordnung ist so abwegig, kleinteilig, bürokratisch, geradezu absurd, dass Bosnien bis heute bewegungsunfähig und entmündigt bleibt. Das lebensfremde System überwachen europäische Institutionen und Militärs, die horrende Geldsummen verschlingen und an deren Spitze der sogenannte Hohe Repräsentant steht. Alle wissen, es ist höchste Zeit für ein neues Abkommen, doch niemand bewegt sich. Das kleine Land mit 3,5 Millionen Einwohnern wurde zum Armenhaus, 2019 verließen es 80.000 junge Menschen, 2020 nicht anders. Sie arbeiten auch in unseren Covid-gestressten Kliniken und fehlen in Bosnien. Dass Bosnien so gründlich aus dem Gedächtnis gestrichen würde, einfach abgelöst von neuen medialen Erhitzungen, schien angesichts der Erschütterung Europas in den Kriegsjahren keine Option zu sein, doch es geschah und ist für niemanden gut.

Marina Achenbach schrieb für den Freitag seit 1990 über die Kriege in Jugoslawien. 2017 erschien ihr Buch Ein Krokodil für Zagreb

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06:00 14.12.2020
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Ausgabe 19/2021

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