Der erbitterte Beobachter, dem das Herz blutet

Nabil Preuss Der Iraker will seine Heimat erst wiedersehen, wenn die Amerikaner gegangen sind

Nabil serviert ein Gebäck, Hefeteig, innen Datteln, in warmer Butter zerdrückt und mit Kardamon gewürzt, außen etwas Schwarzkümmel. Im Irak eine Sitte zum Ende des Fastenmonats und bei den Christen ein Weihnachtsgebäck. Die entkernten Datteln hat er bei Aldi entdeckt, er hat den Laden ausgekauft. Dieses Gebäck heißt Kletscha, ein aramäisches Wort, ins Arabische übernommen. Aramäer bewohnten den heutigen Irak, das einstige Mesopotamien und die syrischen Lande bis Palästina. Aramäisch war die Sprache Christi.

Nabil kommt aus einer christlichen Familie. Dass er nicht zu einer der großen religiösen und ethnischen Gruppen des Irak gehört, die jetzt gegeneinander stehen, ermöglicht ihm einen von Rücksichten ungetrübten Blick.

Als wir erstmals redeten, stand Saddam Hussein vor Gericht. Ein Verfahren war schon abgeschlossen, Nabil war gespannt auf den Fortgang, besonders auf den Moment, wenn im Prozess die ungeheure Unterstützung zur Sprache kommen würde, die Saddam so lange vom Westen und auch von der Sowjetunion erhalten hatte. Saddams Verteidiger, unter ihnen der ehemalige US-Justizminister Ramsey Clark, sammelten, wie zu hören war, die Beweise für diese Zusammenarbeit. Dann wurde Saddam plötzlich - wenige Tage nach unserem Treffen - in der Neujahrsnacht 2007 gehängt.

Wieder eine Chance weniger, an Wahrheiten heranzukommen. Oder auch nur Tatsachen, die eigentlich wohlbekannt sind, mit neuer Beweiskraft auszustatten, um das im Westen vorherrschende Bild zu korrigieren, nach dem Saddam Hussein der alleinige Verursacher des irakischen Elends war. Nabil zieht die Schultern kurz hoch. Tja, vorbei, zudem eine Tat, die den Hass im Land weiter anfacht. Schon zu lange ist er Zeuge, wie Schlimmes und immer noch Schlimmeres geschieht. Er ist der erbitterte Beobachter, dem das Herz blutet.

Vor fünf Jahren, kurz vor der Invasion, kam jemand vom Münchner Merkur und fragte: Gell, Herr Preuß, Sie sind für den Krieg gegen Saddam? Damals antwortete er zur Verblüffung des Journalisten: "Wieso? - Wenn Saddam Hussein geht, muss ein anderer kommen. Ohne eine Persönlichkeit, die eine gewisse Macht und Druck ausübt, kann der Irak nicht bestehen, zumindest bis jetzt nicht. Und nicht etwa, weil die Iraker so unterschiedlich sind. Nein, weil der Druck von außen so ungeheuer groß ist."

Dass viele Seiten Einfluss auf den ölreichen Irak begehrten, ist gut vorstellbar. "1958 wurden die Ölquellen nationalisiert", erinnert sich Nabil. "Sie waren nicht mehr englisch und französisch, sondern irakisch. Die OPEC entstand, sie bestimmte den Ölpreis. Ein Schlag gegen den Westen. So etwas nehmen die Demokratien nicht hin." Es habe danach eine Serie von Putsch-Versuchen gegen General Abdel Karim Kassem gegeben, die von außen eingefädelt und unterstützt wurden.

"Auch Saddam Hussein war ein solch erfolgloser Putschist! Er wurde verletzt, floh über Syrien nach Ägypten, wo er in einem Hospital der CIA auffiel, die ihn ausbildete und aufbaute: ein brauchbarer, machthungriger, skrupelloser junger Mann. CIA-Chef war zu jener Zeit der alte Bush. So ist das", sagt Nabil über den Tisch und setzt die Geschichtslektion fort: 1976 kam Saddam Hussein dank der Baath-Partei in die Regierung, 1979 schon hielt er die ganze Macht in Händen. Es war das gleiche Jahr, in dem Khomeini in den Iran zurückkehrte. Saddam verfolgte seine Rivalen und politischen Gegner rücksichtslos, als erste die Mitglieder der starken KP. Schon ein Jahr später zog er - ausgerüstet von den USA - in den Krieg gegen die Islamische Republik Iran.

Nabil kam 1971 nach Deutschland, er wollte nicht in der Armee dienen. Seine Eltern - die Mutter Armenierin, sein Vater Aramäer - lebten im nördlichen Mosul. Als Kind ging er in die syrisch-orthodoxe Kirche, betete und sang aramäisch. In Deutschland lernte er die Biologin Ortrun Preuß kennen, bei der Heirat nahm er ihren Namen an. Nach einer Schreinerlehre baute er exklusive Möbel, arbeitet jetzt im Messebau. 20 Jahre lang hielt er sich fern vom Irak.

"Meine Eltern und Geschwister traf ich im Ausland. In diesen Jahren hatte ich nicht das Gefühl, dass meine Landsleute - trotz des Krieges gegen Iran - in eine extreme Not geraten wären. Im Gegenteil, in dieser Zeit wurde sehr viel gebaut, europäische Firmen verdienten sich goldene Nasen, sie bauten Autobahnen, Telefonnetze und Militäranlagen. Neue Viertel entstanden in Bagdad. Eine Million Ägypter kamen, viele Palästinenser lebten im Irak, der sich zum modernsten Staat im Nahen Osten entwickelte."

Doch als der Krieg gegen Iran 1988 vorbei ist, droht das Land in Schulden zu ersticken. Es beginnt ein Krieg nach dem Krieg, in dem Öl zur Waffen wird. Die USA veranlassen Saudi-Arabien und Kuwait, den Ölpreis stark zu senken. Es liegt nicht im Interesse beider Länder, doch sie fügten sich. Der Irak gerät in extreme Finanznot, nicht einmal Gehälter können mehr gezahlt werden. Saddam sucht einen Ausweg durch die Invasion in Kuwait, die mit dem Golfkrieg von 1991 beantwortet wird.

Warum wandten sich die USA auf einmal gegen den bisherigen Verbündeten? Nabil: "Sie wollten die Raketen, die sie Saddam geliefert hatten, wieder zerstören, denn die hätten - statt Iran - auch Israel erreichen können. Vor allem aber war Irak zu einer regionalen Macht aufgestiegen. Das passte nicht in die amerikanische Nahost-Strategie." Er habe das alles über Jahre beobachtet, das Elend freilich nicht für möglich gehalten, das nach dem Golfkrieg und mit dem Embargo den Irak heimsuchte.

Nabil fährt während dieser Jahre ständig in seine Heimat, ist unterwegs von Nord bis Süd mit Medikamenten, die er nur mit größten Mühen über die Grenze bringt. "Dieses Embargo war einmalig in der Geschichte. Das Land verrottete geradezu. Und es begann der große Exodus, der bis heute immer weiter geht. Es bleiben nur die Ärmsten." Leider seien nun auch die christlichen Dörfer im Norden des Irak bedroht, sie würden gezwungen, sich als Kurden zu deklarieren, um deren Gebietsansprüche zu legitimieren.

Die unterdrückten, um Selbstständigkeit kämpfenden Kurden als Bedrohung für eine Minderheit? Nabil entgegnet müde: "Die Kurden waren zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich unterdrückt, manchmal auch nicht. Nach der Revolution von 1958 wurde Kurdisch im Norden zur zweiten Staatssprache erklärt, es entstanden eigene Universitäten. Immer gab es das verlogene Versprechen, den Kurden zu einem Nationalstaat zu verhelfen. Verlogen deshalb, weil alle wussten - weder die Türkei, noch Iran oder Syrien würden diesen Staat akzeptieren."

Unter Saddam seien alle Iraker politisch unterdrückt worden, meint Nabil, die nicht mit der Baath-Partei einverstanden waren, ob Kurde, Sunnit, Schiit oder Christ. Es war ein Machtkampf, aber keine ethnische oder religiöse Unterdrückung. "Die ist eine westliche Erfindung. Jetzt, da die Amerikaner den Irak nicht nach ihren Vorstellungen befrieden können, verwickeln sie alle Gruppen des Landes in Konflikte untereinander." Es sei das dümmste Erklärungsmuster, alle Konflikte mit religiösem oder ethnischem Hass zu begründen. "Immer noch funktioniert es."

An unserem Tisch gibt es Momente des Schweigens. Es ist schwer, von den Machtintrigen zu sprechen, die niemand hören will. "Ihr sagt dann gern, das seien Verschwörungstheorien. Aber eine Supermacht braucht keine Theorie, sie begeht ihre Verbrechen und erfindet die passende, verlogene Begründung."

Wenn der Irak eines Tages wieder selbstständig sein werde, brauche er nach allem, was geschehen sei, erst recht eine harte Hand, ist Nabil überzeugt. "Einen neuen Diktator, der sämtliche Ölquellen wieder nationalisiert." Er sagt es ruhig, aber mit Trotz. - Ist etwa einer in Sicht? "Nein, aber er könnte sich herauskristallisieren. Hoffentlich ist das dann nicht wieder einer, der von fremder Gnade abhängt."

In den Jahren seiner Reisen hatte Nabil das Land für sich neu entdeckt. Seine Fotos zeigen Obstgärten, weite kultivierte Täler, auch Wüsten, die Ufer von Euphrat und Tigris, Moscheen, Cafés, freundliche Menschen. Er schaut die Bilder verzückt an, spricht gedehnt den Namen Mesopotamien aus. In solchen Augenblicken scheint er zu hoffen, dass er auch in anderen den Wunsch wecken kann, dieses Paradies zu schützen. Seit dem Krieg aber reist er nicht mehr hin. "Ich fahre erst wieder, wenn die amerikanische Armee das Land verlassen hat", sagt er wie ein Gelübde.

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