Der Geruch des Gemetzels

11. September 2001 Vier Wochen im Schock - Blick in eine vergilbte Pressemappe

Das Bild des einstürzenden World Trade Centers am 11. September 2001 in New York wird immer ein Symbol des 21. Jahrhunderts bleiben, weil es die Angst und den Schrecken bezeugt, auf dem die heutige Weltordnung beruht. Sechs Jahre danach wollen wir an erste Reaktionen erinnern, die es damals sofort nach den Attentaten gab. Der Angriff auf Afghanistan zeichnete sich ab, vom Irak war noch keine Rede - doch die heraufziehende neue Zweiteilung der Welt in ein "Reich der Freiheit" und ein "Reich des Bösen" war bereits mehr als eine Ahnung.

Die Erregung, als diese Sammlung entstand, ist immer noch anwesend in der Mappe mit Zeitungsausschnitten, Kopien, Notizen. In den losen Blättern mit Pfeilen, Fragezeichen und Randbemerkungen wird jene Zeit wieder erkennbar, als man ungläubig und süchtig die Deutungsversuche aus aller Welt verschlang, als die Überlegungen noch "ungekämmt" waren, nicht nach einem Strich ausgerichtet, nicht an ideologischen Fronten aufgestellt. Die Folgen wurden geahnt und gefürchtet, aber sie waren noch nicht da. Noch schien es Chancen zu geben für "kluge Lösungen".

Alle schrieben unter zweifachem Schock: Der ging von der Tat aus und von der amerikanischen Kriegserklärung an jene Staaten, die Terroristen beherbergten. Vom "Geruch des Gemetzels" schrieb Charles Simic, amerikanischer Dichter aus Serbien sechs Tage nach dem Anschlag. Das Ende einer Epoche und der Beginn eines unheimlichen Zeitalters wurde tausendfach variiert. Wörter wie Apokalypse - Vergeltung - Strafe - Schuld - Verwundbarkeit - Fanatismus - Hass durchzogen die Texte. Mit Bangen grübelte man über die Berechenbarkeit der Supermacht USA, über amerikanische Psychologie. Es wurde fast alles gedacht und gesagt. Nur zwei Tabus wurden aufgerichtet. Das erste wurde - nicht ungestraft - von einer Frau gebrochen.

Politik und Fernsehen hämmerten unisono der Menge Angst, Rachsucht, militaristische Rage, neuen Patriotismus und europäische Bündnistreue ein. Dazu schöpfte das TV aus dem Schatz an Bildern des Grauens in Manhattan und Aufnahmen vom Freudentanz palästinensischer Frauen. Immer häufiger das bleiche Gesicht von Osama bin Laden. Der Anschlag auf das Pentagon wurde wieder in den Schatten gerückt, dieses Symbol war der Politik nicht geheuer. Das Fernsehen spielte auch da reibungslos mit. Stephen King mokierte sich: Es wird wieder geschehen, denn sie, die den Anschlag geplant haben, wer immer sie waren - er zweifelte die offizielle Version an -, konnten zumindest sehen, wie leicht es ist, 72 ununterbrochene TV-Stunden rund um die Welt zu bekommen.

Die Ideologen des Krieges fehlen fast ganz in der Mappe. Sie bemühten sich nicht allzu sehr um Argumente. "Unsere amerikanischen Freunde ...", wenn Schröder oder Schily ihre Reden so anfingen, wenn sie "unsere Zivilisation" sagten, gab es nichts als Gefolgschaft. Ausführliche Begründungen suchten nur Autoren, die Judenhass als eigentliches Motiv des Terrors nachweisen wollten und von daher zu den Kriegsbefürwortern gehörten. Der Argwohn des Antiamerikanismus wurde drohend in Stellung gebracht, der aber ohne Beweise auskommt.

Die Geschichte um Susan Sontag beschäftigte uns. Sie brach das Tabu, das Verbot, nach Ursachen, nach Kausalitäten, nach amerikanischer Verantwortung zu fragen. Die berühmte New Yorker Autorin war Gast bei einer Veranstaltung im damaligen Amerikahaus in Berlin, trat spontan mit einem zornigen Statement auf, das bald bekannt wurde und maßlose Empörung in den USA auslöste. "Lasst uns gemeinsam trauern. Aber lasst nicht zu, dass wir uns gemeinsam der Dummheit ergeben!" Sie meinte die Dummheit, nicht nach den selbstverschuldeten Gründen der Anschläge zu fragen. Einen Monat später, zurückgekehrt in die USA, fühlte sie sich genötigt, zu beteuern: "Ich glaube nicht, dass Amerika die islamische Welt seit Jahren provoziert." Sie distanzierte sich von ihrem Kollegen Gore Vidal, aber sie versuchte doch auch, sich treu zu bleiben: Sie warnte vor Konformismus, Selbstzensur und Krieg: "Man kann nur hoffen, dass Bush, Blair und andere wirklich begriffen haben, dass es sinnlos und schlimm wäre, die unterdrückten Völker von Afghanistan, im Irak und anderswo zur Vergeltung (...) zu bombardieren. Man kann nur hoffen ..." Mit den drei Pünktchen endet ihr Artikel für die amerikanische Presse - der Text einer mutigen Frau, die unter äußersten Druck geraten ist.

Gore Vidal hatte sich nicht gescheut vorzuschlagen, Kofi Annan solle Bin Laden vor der UNO "die Möglichkeit eröffnen, seine Sicht der Dinge zu erklären". Damit brach er das zweite Tabu, das hieß: kein Gespräch mit Terroristen.

Doch wie viel Hoffnung noch auf Klugheit! Hoffnung auf ein amerikanisches Einvernehmen mit der UNO, auf ein Abwarten, auf Zeitgewinn, bis wirklich die Verantwortlichen für den Anschlag gefunden werden. Denn die Beweise gegen Bin Laden fehlten. Mitgefühl für das verlassene, hungernde Afghanistan unter internationaler Totalblockade kam auf. Das Gerücht ging um, am Tag des Anschlags seien Milliardengewinne an der Börse gemacht worden, von Leuten, die Bescheid gewusst haben müssen. Ungereimtheiten der offiziellen Verlautbarungen fielen zunehmend auf.

Es wurde gedacht und gefragt. Es war die Zeit des Vakuums, als der industriell-militärische Komplex hinter Bush höchst zielstrebig den Krieg vorbereitete.

Schon zwei Tage nach dem Anschlag erschien die inständige Mahnung von Amos Oz aus Israel: "Es ist leicht und verführerisch, jetzt in alle möglichen rassistischen Klischees über die ›muslimische Mentalität‹ oder den ›arabischen Charakter‹ oder ähnlichen Unsinn zu verfallen." Autoren aus islamischen Ländern verteidigten verzweifelt ihre Welt gegen das Pauschalurteil und gegen den Generalverdacht. Der in Berlin lebende Iraner Navid Kermani sprach beklommen von den suggestiven Bildfolgen, die "jene Schauder erregende Faszination erzeugen, die vom Bösen und unbegreiflichen Fremden ausgeht". Aus Marokko schrieb Tahar Ben Jelloun, die Taliban hätten als eine rückständige Sekte innerhalb des Islam nur deshalb Wirkung, "weil den Völkern Unrecht und Kränkung zugefügt wurde".

Für den chilenischen Schriftsteller Ariel Dorfman war der 11. September schon lange ein Trauertag wegen des Pinochetputsches gegen Allende 1973: "Die bösen Götter des historischen Zufalls haben fast drei Jahrzehnte später diesen Tag einem anderen Land zugeteilt." Er erkenne "dasselbe Leiden wieder, einen verwandten Schmerz, eine ähnliche Orientierungslosigkeit". Und fragt, "können die Nordamerikaner begreifen, dass ihr Leiden nicht exklusiv ist"? Werden sie bereit sein, "sich im großen Spiegel der Menschheit zu sehen und das Mitgefühl, das ihnen gezeigt wird, zu erwidern ...?"

Ja, er hofft, dass "im apokalyptischen Verbrechen doch auch eine Chance zur Erneuerung und Selbsterkenntnis" liege. Oh, diese Hoffnung! Ähnlich fragt der englische Autor Martin Amis: Werden die Vereinigten Staaten lernen, "das Leid von ferne lebenden Menschen mitzuempfinden?"

Die aufregendste Stimme, die atemlos gehört wurde, meldete sich aus Indien, Ende September, als sich der Ring um Afghanistan schloss und Bush die "internationale Allianz gegen den Terror" schon fast geschmiedet hatte: Arundhati Roy, die für ihr Buch Der Gott der kleinen Dinge in Indien geliebt wird. Bei ihr gibt es keine Rückversicherung und kein Zögern. Den Amerikanern sagt sie, falls sie möglicher Weise das Mitgefühl der Welt vermissen: "Es handelt sich nicht um Gleichgültigkeit. Es ist eine Ahnung, ein Nicht-Überraschtsein. Es ist eine alte Erkenntnis, dass jede Saat irgendwann auch aufgeht. Die Amerikaner sollten wissen, dass der Hass nicht ihnen gilt, sondern der Politik ihrer Regierung." Es könne ihnen nicht entgangen sein, wie viel Beliebtheit sie genießen. Doch wenn sie die Ereignisse nicht begreifen, wenn sie die Toten rächen wollen, dann "wäre es an uns, unangenehme Fragen zu stellen und harte Worte zu sagen. Und weil wir zu einem unpassenden Zeitpunkt von unseren Schmerzen sprechen, wird man uns tadeln, ignorieren und am Ende vielleicht zum Schweigen bringen."

So rollt sich ihr kristallklarer Text auf, der ihr in diesem Moment die Autorität einer Sprecherin der "Dritten Welt" verleiht, ohne dass sie diesen Anspruch erhebt.

Der Krieg begann am 7. Oktober um 18 Uhr 27 mit Raketen und Bomben auf Kabul, das schon voller Trümmer war. Protest kam von drei Regierungen: aus dem Irak, Iran und Malaysia. Rund um die Welt demonstrierten Menschen. Die meisten Kommentatoren gaben sich erleichtert über das "besonnene Vorgehen" der USA. Die Lufthoheit war nach drei Tagen hergestellt. Dann zogen die GIs ins Land. Am 29. November beschloss der Bundestag unter dem Druck von Schröders Vertrauensfrage, 3.900 Soldaten zu schicken. Die PDS, die dagegen stimmte, wurde von Regierungsinformationen zum Thema ausgeschlossen. Am 22. Dezember wurde Hamid Karzai als Präsident inthronisiert. Der Krieg galt als erfolgreich beendet, als vorbildliche, überlegene Militäraktion, der international Respekt gezollt wurde.

Ein Zettel vom 9. Dezember beendet die Sammlung: "Schluss. Keine Zeitungsseiten mehr. Kein TV mehr. Muss die Obsession abschütteln." Fotos liegen oben auf: Menschen hocken auf Trümmern, schauen gelassen, sie stehen verstreut auf weitem, sandigen Gelände, die Burkas wehen im Wind, die Turbane locker gewickelt, alles so still, ausgesetzt und ungeschützt.



Turmbau zu Babel

Der so gläubig wie routiniert vorgetragene Anspruch, das Böse, das die imperiale Macht selbstherrlich nicht als einen Feind, sondern als das Böse schlechthin ausgemacht hat, in der Welt zu tilgen - dieser Anspruch ist hybrider noch als jeder Turmbau zu Babel. Religiöse Aufwallungen als Ausdruck politischen Selbstbewusstseins gibt es in den USA öfter; mit öffentlichen Gebeten sind die Politiker schnell bei der Hand ... Man muss nicht gläubig sein, um tief zu erschrecken vor der Sinnentleerung, vor dem selbstgerechten Niedertreten der christlichen Botschaft in Christi Namen.

Günter Gaus, Publizist und Staatssekretär a. D., im September 2001


Hoch verwundbar

Hochentwickelte Länder wie die Vereinigten Staaten und Deutschland sind grundsätzlich verwundbar. Auf Dauer lassen sie sich weder technisch noch militärisch, sondern nur rechtlich und politisch schützen. Grundsätzlich sollten weder die USA militärische Vergeltungsschläge durchführen noch sich andere Staaten, etwa Deutschland, an ihnen beteiligen. Verbrechen wie die terroristischen Anschläge vom 11. September müssen - wenn sie nicht als konkrete und akute Bedrohung fortdauern - mit straf- und zivilrechtlichen Mitteln beantwortet werden.

Dieter S. Lutz, Friedens- und Konfliktforscher, im September 2001


Natürlich militärisch

Wenn diese Terrorakte von außen gesteuert, von außen unterstützt worden sind, dann verstehen wir das als einen Angriff auf uns alle gemeinsam. Die Gegenmaßnahmen werden natürlich militärisch sein - und mehr als das, denn Organisation, Finanzen, Tarnung des weltweiten Terrors müssen dauerhaft bekämpft werden. Kommt es zu einer solchen Antwort, dann kann sie - soweit sie einen starken militärischen Charakter haben wird - nur gegeben werden unter Nutzung von amerikanischen Einrichtungen in Europa und auch Deutschland Es ist die souveräne Entscheidung der Amerikaner, über die Antwort zu bestimmen ...

Rudolf Scharping, Verteidigungsminister, im September 2001


Dunkler Doppelgänger

Wer ist Osama Bin Laden aber wirklich? Er ist der dunkle Doppelgänger des amerikanischen Präsidenten. Er ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die durch die amerikanische Außenpolitik verwüstet wurde, durch ihre Kanonenbootdiplomatie, ihr Atomwaffenarsenal, ihre unbekümmerte Politik der unumschränkten Vorherrschaft, ihre kühle Missachtung aller nicht-amerikanischen Menschenleben, ihre barbarischen Militärinterventionen, ihre Unterstützung für despotische und diktatorische Regimes, ihre wirtschaftlichen Bestrebungen, die sich gnadenlos wie ein Heuschreckenschwarm durch die Wirtschaft armer Länder gefressen haben.

Arundhati Roy, indische Schriftstellerin im September 2001


Bombardierung Kreuzbergs

Was würden unsere fabelhaften Sicherheitspolitiker von einem Polizeichef halten, der auf der Suche nach einem furchtbaren Terroristen, der sich nach einem verheerenden Anschlag auf ein bewohntes Hochhaus bei befreundeten Drogenhändlern in Kreuzberg versteckt hielte, Kreuzberg bombardieren ließe und dabei Hunderte unschuldiger Zivilpersonen - darunter zahlreiche Kinder - töten würde, den Terroristen entkommen ließe und trotzdem stolz verkünden würde, das Ganze sei ein großer Erfolg, denn immerhin seien die Drogendealer bei der Bombardierung weitgehend ausgeschaltet worden?

Jürgen Todenhöfer, CDU-Minister a.D., im Januar 2002

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