Euer lieber Michael

Missbrauch Er war zehn, als er ins Jesuiten-Internat kam. Heute ist er fast 60, und erst jetzt reimen sich die dunklen Episoden zusammen

Für die Medien ist das Ganze doch nur ein neuer Hype! Oder? Er hört hin und überlegt. „Naja, ein gewisser Voyeurismus ist schon im Spiel, wenn nach Details gefragt wird, im Ton einer scheinbar offenen Sexualkultur. Aber die Medien sind viel zurückhaltender und genauer als sonst. Alle spüren wohl, es geht um unsere Ethik, aber auch um Machtfragen.“ Ihn hat die Welle von Offenbarungen über Missbrauch befreit, selbst zu sprechen. Es kam unerwartet. Michael F. Hermann* holt die Erinnerungen herauf. Jetzt besteht er sogar darauf zu sprechen. Denn einmal ist es schief gegangen, vor 35 Jahren.

In einer Silvesternacht mit zwei seiner vier Geschwister, einem Schwager und seinen Eltern fiel salopp der Satz: „Du hattest es im schicken Internat ja gut.“ Er war 26, betrunken, es brach aus ihm heraus, er erzählte heulend in die schockierte Runde von Demütigungen und sexuellen Übergriffen. Morgens wachte er erschrocken auf, aber dann dachte er erleichtert: „Nun ist es raus, jetzt wissen sie es, man kann darüber reden.“ Doch niemand sagte ein Wort. Als wäre nichts gewesen. So wurde das Verschweigen scheinbar endgültig besiegelt.

Er wollte nicht ins Internat. Die Kinder im Dorf spielten wild von früh bis spät, meist im alten Steinbruch gleich hinterm Garten. Zu Hause aber herrschte die Großmutter, ihr gehörte alles, vor allem die Optiker-Werkstatt und der Laden, wo der ergebene, stille Vater und die Mutter arbeiteten. Die Großmutter steckte dem erstgeborenen Enkel Michael ein Buch zu Vom Hirtenjungen zum Papst und flüsterte: „Aus dir muss mal ein Bischof werden.“ Sie setzte durch, dass er in die renommierte Schule der Jesuiten nach Bonn kam, ins Aloisiuskolleg. Es kostete die Familie fast die Hälfte der Einnahmen. Ostern 1960 wurde er von einem Bekannten abgeholt. Eltern, Geschwister, Tanten, Großeltern standen am Zaun und winkten. Er war noch keine zehn.

Dann fand er sich im Internat unter Jungen aus Adels-, Professoren-, Unternehmerfamilien. In seine Angst mischte sich Freude. Hier sind besondere Menschen, dachte er. Strenge Regeln gehörten zum Programm. Eine Elite wurde herangezogen. Der Dünkel der Schule war tief verwurzelt, die Schulordnung 1959 beschwört es: „Da aber die Erzieher wie ihre Schüler durch die Taufe in eine übernatürliche Ordnung, in die Ordnung der göttlichen Offenbarung hineingestellt sind, gewinnt ihre Tätigkeit nur dann ihren letzten Sinn, wenn sie sich auf dieses übernatürliche Ziel richtet.“

Liebe Eltern! 1. Mai 1960
Mir geht es hier gut … Wir müssen jeden Sonntag nach Hause schreiben. Ich tue dieses gerne. Habt Ihr meine Postkarte bekommen? Mich freute es sehr, wenn Ihr mir einmal wieder schriebet.
Es grüßt Euch alle herzlich euer lieber Michael

Aber hinter der Ordnung zeigte sich auch etwas wie untergründige Gemeinheit. Beim Silentium, der Lernzeit am Nachmittag, reichte es, mit dem Stuhl zu rutschen, dann schmiss Pater Reuter mit dem Schlüsselbund und wenn er den Kopf traf, lachte der ganze Saal. Der Getroffene musste so tun, als wäre nichts geschehen. Die Regel galt durchgängig: keinen Schmerz zeigen.

Und dann das erste Nikolaus-Päckchen: nur zweimal im Jahr durften die Schüler Päckchen empfangen, zum Geburtstag und zu Nikolaus. In seinem waren vertraute Süßigkeiten von zu Hause, auch eine Büchse Malzbonbons. Ein Bonbon steckte er sich fürs Silentium in die Backe. Es war verboten, er war überzeugt, Pater Reuter könne es nicht sehen. Aber der sah es, gab es ihm auch zu erkennen, stand auf, ging hinaus. Als sie in den Speiseraum kamen, stand sein Päckchen mitten auf dem Tisch. „Hast du ein Bonbon im Silentium gelutscht?“ Ja, musste er zugeben. „Dann verteile ich jetzt dein Päckchen“. Michael musste zusehen, wie der Pater die Sachen an die johlenden Mitschüler austeilte und drohte, mit ihren Päckchen dasselbe zu machen, wenn sie Michael etwas abgäben. Keiner tat es.

Da hat er sich entschlossen, es nach Hause zu schreiben. Die Briefe wurden offen abgegeben. Als er zum Rektor gerufen wurde, saßen dort Vater und Mutter. Auch Pater Reuter. „Erzähl nun genau, warum du dich beschwert hast.“ Keinen Satz brachte er heraus. Er musste aufstehen, den Pater um Verzeihung bitten, sich vor ihm verbeugen, den Raum verlassen. Die Eltern fuhren ohne Abschied zurück. „Sie haben mir keine Chance gegeben. Haben mich nicht beschützt“, sagt Michael F. Hermann. „Es war so, als wäre ich verloren gegangen.“

Im Frühjahr dieses Jahres 2010 wartete er, dass die Geschwister sich meldeten. Weil sie nichts von sich hören ließen, schrieb er ihnen: Ihr wisst es doch, warum schweigt ihr weiter? Die Schwester entschuldigte sich: „Wir dachten, du bist längst drüber hinweg.“

Tagsüber ein netter Typ

Im ersten Internatsjahr war einer der Fratres, der jungen Erzieher im Internat, nachts in den Schlafsaal gekommen. Er war durch eine Schrankwand getreten, durch die die Mönche vom Flur aus im Schlafsaal auftauchen konnten, ohne dass Licht hineinfiel. Der Frater holte ihn aus dem Bett und führte ihn in sein kleines Zimmer. Ein Schreibtisch, eine Schreibtischlampe, ein Sessel. Er zog den Jungen auf seinen Schoß. So saßen sie eine lange Weile schweigend. Dann sagte der Mann über einen anderen Schüler, dass der „da unten“ schon Haare hätte und sie nachsehen wollten, ob nicht auch er… Michael ließ es befremdet geschehen. Und wieder saßen sie lange still. Bis der Frater seine Soutane zurückschlug und die Hand des Jungen auf sein Glied legte.

Von diesem Moment an ist Schluss mit der Erinnerung. Dunkelheit. Lust war bei ihm nicht aufgekommen, keine Neugier, kein Reiz. „Es war nicht einmal Angst, sondern – ein Erstaunen. Eine Beklemmung. Ich habe mein ganzes Sinnensystem innerlich abgeschaltet, instinktiv.“ Es wiederholte sich, aber wie oft, kann er nicht sagen. Es müssen die Wintermonate gewesen sein, wegen der Dunkelheit.

Der Frater war tagsüber ein netter Typ, ein völlig anderer. Der Junge konnte ihn nicht mit dem nächtlichen Frater zusammenbringen. Aber Michael F. Hermann weiß, wer es war. „Ich hätte mich nie getraut, zu irgendjemand etwas darüber zu sagen, ich war mitgefangen.“

"Ich kann nicht undankbar sein"

Bei den Besuchen zu Hause, drei Mal im Jahr, gab es einen überschwänglichen Empfang, aus dem Haus tönte von einer Schallplatte der Karnevalsschlager „Hurra, hurra, der liebe Jung ist wieder da“, an der Treppe wartete die Familie. „Ich habe gedacht: Hier kann ich nicht undankbar sein. Ich kann nichts erzählen.“ Dafür konnte er sie damit unterhalten, dass er Lehrer nachahmte. Es war wie eine stille Verabredung: Das ist der Stoff fürs Erzählen. „Mach mal deinen Musiklehrer nach. Mach mal deinen Lateinlehrer nach.“

Michael fand eine Oase in der Theatergruppe des Aloisiuskollegs, erlebte da Erfolge. Auf Fotos sieht man einen hübschen, schlanken Jungen, sicher beweglich und lebhaft. Er nahm die Gesetze des Überlebenskampfes, zu dem sie erzogen wurden, in sich auf: Leistung, Charakterfestigkeit, Disziplin, Selbstüberwindung, stark sein als Individuum.

Sie machten Ausflüge über den Rhein nach Rhöndorf, zur Villa von Adenauer, dessen Söhne das Kolleg besucht hatten. Auf der Terrasse gab es Sinalco und Streuselkuchen. Dann setzte sich Adenauer selbst dazu. „Es war beeindruckend. Man empfand, das ist hier etwas Außergewöhnliches.“ Ab 1963 begleiteten sie den Aufstieg von Rainer Candidus Barzel, der eine „Rekatholisierung“ der CDU propagierte. Von den politischen Größen bekamen sie Besuche, dann versammelten sie sich und hörten spontane Vorträge. Alljährlich reisten die früheren Schüler zum Schul-Fest an. „Wir sahen, wie prominent sie waren. Man gehörte zu einer besonderen Art von Menschen.“

Er bekam viel - und nahm Schaden

Aber vollkommen zugehörig fühlte er sich nicht. Dazu wusste er zu gut, wie schwer seine Eltern das Geld heranschaffen mussten. Ihm war auch schon in kindlicher Klarheit bewusst, dass er hier zwar viel bekam, der Preis aber seine Beschädigung war.

Zwischen 13 und 14 fand er in seinem Jahrgang einen wirklichen Freund. „Das war so etwas wie eine erste Liebe. Wir haben uns Zettel geschrieben, haben uns getröstet, wenn es in der Schule schlecht gelaufen ist und wenn wir Heimweh hatten. Das durfte keiner mitkriegen, sonst hätten wir ja Trauergefühle verraten. Manchmal haben wir uns nachts im Schlafsaal Geschichten ins Ohr erzählt, auch an der Hand gehalten. Überhaupt nichts Sexuelles. Zwischen uns war die warme Atmosphäre des echten Vertrauens und Zueinanderhaltens. Ich würde heute schon sagen: eine Freundschaft mit erotischen Einschlägen. Die Nähe war schön. Es war in meinem Erleben rein wie nie sonst etwas.“

Sie wurden getrennt. Erhielten das Verbot, miteinander zu reden, sogar in den Schulpausen. Michael wurde zum Internatsleiter bestellt, der fragte ihn: „Bist du aufgeklärt?“ Und fing an, ihm die Sexualität zu erklären, kalt und verächtlich, bis nichts mehr davon übrig blieb als ein schmerzvoller, ekelhafter Vorgang. Es war wie eine Kastration. Der Junge schwor sich: Bloß nie Geschlechtsverkehr! Das Tabu zog sich bis in seine erste Ehe.

Den Grund für das Gespräch verstand Michael nicht, er bezog es nicht auf seine Freundschaft. Sein Vater erschien in jenen Tagen im Kolleg und lief mit ihm eine Stunde lang schweigend durch den Park. Michael grübelte, was er wohl angestellt haben mochte, er kam nicht drauf. Zum Abschied stellte sich der Vater vor ihn hin und malte ihm mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn, drehte sich um und ging. „Das war alles. Es hat sich eingebrannt in mich.“

Man muss ein gutes Opfer sein

Vor vier Wochen erzählte ihm seine Mutter: „Was meinst du, wie froh wir waren, als du aus dem Internat zurück warst und nach drei Monaten eine Freundin hattest. Wir hatten geglaubt, du bist andersrum.“ Erst jetzt, mit fast 60 Jahren, reimen sich für ihn diese dunklen Episoden zusammen. Darum also war der Vater einbestellt worden. Für Michael war alles ein unbarmherziger Angriff auf seine Freundschaft. In seinem letzten Internatsbrief aus dem März 1965 steht: „Wenn nämlich eine solch gute Freundschaft auf eine solche Weise zerrissen werden soll, so sehe ich nicht ein, was ich hier noch machen soll. Ich bin ja wohl nicht allein hier, um nur zu lernen. Ich weiß zwar, dass das das wichtigste ist, aber ich möchte auch einen Freund haben.“

Ist das alles nicht wirklich lange her? Vorbei? Hat die 68er Zeit das Internat in Ihnen nicht weggespült? „Ja, da ist in mir was Neues entstanden – gegenüber Autoritäten, Katholizismus, Enge, Anpassung, politischer Deformierung. Ich weiß nicht, wie ich ohne diesen neuen Raum hätte leben können. Indem aber die Kirche und alle Beteiligten den Skandalen flexibel und professionell begegnen, bestätigen sie sich auch wieder selbst und damit ihr ganzes System: Wir gehören doch zu den Guten! Komm rein, erzähl. – Werden sie fragen: Was brauchst du noch? Eher nicht. Sie denken: Jetzt ist es doch gut. Du fühlst dich doch gehört – oder? Ist noch was? Wenn du dann sagst, ja, ihr könntet mir die Trauma-Therapie bezahlen, dann fällst du durch den Rost. Nein, hör auf, jetzt reicht es aber. Man muss auch ein gutes Opfer sein.“ – Fürchten Sie, am Ende mit allem doch wieder allein dazustehen?

Ja.

* Hermann lebt beruflich erfolgreich mit seiner Familie in einer Großstadt. Sein richtiger Name soll nicht in der Zeitung stehen. Er ist im Kontakt mit dem Aloisiuskolleg und führt in diesen Tagen dort ein Gespräch. Zuvor wollten sich Vertreter des Kollegs zu dem Fall nicht äußern.

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09:00 16.05.2010
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Ausgabe 15/2021

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