Ich unterbreche selten. Horche nur

Echoraum Marina Achenbach, Reporterin des „Freitag“, scheidet am Jahresende aus der Redaktion aus. Zum Abschied die Erinnerung: Notate aus 20 Jahren Arbeit, Zweifeln, Achtung

Mich hat das Jahr 1989 zum Freitag gebracht und zu den Reportagen. Das könnte ich heute meine Revolution nennen. Auch vorher gab es veröffentlichte Texte, aber seit dem Herbst 1989 wurde es zu einem Fluss. Etwas hatte sich geöffnet.

29. Januar 1990

Schwarzes Heft mit roten Ecken und hartem Deckel. Ich will meine Erfahrungen aufschreiben, und wenn ich in einem Jahr bei der VZ (s. unten) wieder aufhöre, könnte ich zum Schluss darüber etwas schreiben: gelassen die Gedanken einkreisen, auf Seitenwegen verlassen, zu ihnen zurückkehren und auf Ebenen führen, wo sie Leuchtkraft bekommen. Jetzt werde ich erstmal beobachten und erzählen – von den Verwandlungen!

11. Februar 1990

Irritation. Auf meinen Artikel im Extra-Blatt an die Abonnenten viele Abwehrreaktionen – wegen der Absage an „einen imaginären Auftrag“. Das Motto „die Wirklichkeit retten“ funktioniert für viele nicht als Grundlage für ein kritisches „linkes“ Schrei­ben. Keine Sicherheit mehr da. Mein Text geht durchs Raster der Angst der Leser vor politischer Selbstaufgabe! Gegen diese Ängste den eigenen Ton zu halten, wird das Schwierige sein.

5. März 1990

Glück. In einem Fragebogen mit der Rubrik: Was ist für Sie Glück? Könnte ich als Antwort schreiben: freigesetztes Denken.

13. August 1990

Redaktionelles Zauberwort. Professionell. Das abfälligste Schimpf­wort ist dilettantisch! Als „Seiteneinsteigerin“ zucke ich zusammen. Wann ist der Zustand der professionellen Weihe erreicht? Ist da eine klare Grenze, die zu überschreiten ist? Gibt es ein Tor, hinter dem das Bürgerrecht in der Sphäre der Professionalität erworben wird? Meine Formel: die Mittel zu kennen, ist professionell. Über die Form verfügen, nicht erraten, erahnen, tappen. Was ringsum die anderen tun, kennen und sich im journalistischen Feld an einen selbstbestimmten Punkt begeben.

9. November 1990

Mein Lieblingstitel. „Die Brust wird eng vom Wort, das man nicht sagt.“ (Lied der ägyptischen Sängerin Om Kalzum). Ihn nehme ich für die Seite 3 in der ersten Freitag-Nummer.

4. April 1991

Angst vor Wörtern. Sich krümmen bei manchen Wörtern wie bei einem Schlag. Deutsche Linke prügeln einander seit dem Golfkrieg mit Vorwürfen der besonderen Art – jemand wird ertappt, ein von Nazis missbrauchtes Wort benutzt zu haben, dazu die Unterstellung, es sei aus dem U-Bewusstsein hochgekommen und verrate den versteckten Antisemitismus.

17. April 1991

Pointen. In der Blattkritik hieß es über die Geschichte von Moritz, dem Sohn alter Schulfreunde, der das Down-Syndrom hat: „Erzählerisch, aber keine Dramaturgie“. Mir scheint, gemeint war, es fehlten Attraktionen, auffällige Wortprägungen wie Knotenpunkte, ein steiler Bau mit Pointen. – Das nicht so absichtsvolle Erzählen, das eher fließende, ist, glaube ich, mein Weg. Spannung durch Dichte.

18. März 1992

Anlässe. Journalistisches Schreiben braucht sie. Ohne Rechtfertigung kein Platz in der Zeitung. Am einfachsten: eine Sache ist „in den Medien“. (Ein Jubiläum beruhigt die Redakteurin.) Ich bin noch von der Freude beherrscht, dass ich nur den richtigen Anlass finden muss, um schreiben zu dürfen! Um eigentlich alles schreiben zu können, was ich will. Die Anlässe sind Nägel in der Wand, an die ich meine Texte hängen kann.

13. Mai 1992

Ressentiments. Sind sie erlaubt als Grund des Schreibens? Vielleicht dann, wenn sie ein starker Motor sind? Eine Farbe? Eher sind Ressentiments unterirdisch, gepresst, giftig auf verborgene Art, rechthaberisch ohne Gerechtigkeitssinn. Besonders die politischen. Unterschwellig sind sie. Ressentiments gewinnen zu große Macht über den Schreibenden.

1. Juni 1992

Lieblingsfeind. Serbien. Auch in der Redaktion dieser Wettstreit um das höchste Maß an Mitgefühl mit den Kriegsopfern. Mein Entsetzen kommt eher kalt daher. Ein Schrei­ben gegen die Blindheit, gewürzt mit nationalistischen Zugaben.

6. Oktober 1992

Leipzig. „Erzähl mir deine Geschichte“. Nach Abgabe des Manuskripts sehe ich meine Notizen: feiner, existenzieller, brüchiger, riskanter als der abgelieferte Text. Habe es glatt gekämmt für die Veröffentlichung. Erwartungen erfüllen ist eine tödliche Gefahr.

10. Okober 1992

Wörter. Freitag-Leser explodieren wegen einzelner Wörter, die ihnen nicht passen. Erbitterte Leserbriefe wegen Nebensätzen, Tönen. Die Redaktion winkt ab. Aber vertraue nicht auch ich auf Klänge, Assoziationen, Gesten, Blicke, Gesichter, Zeichen?

9. März 1993

Streik bei Thyssen. Habe in der Redak­tionssitzung plötzlich Ja gesagt zur vagen Anfrage. Einsicht, der Freitag brauche so einen Text. Eine Woche Rheinhausen. Nur horchen. Mich aussetzen. Treiben lassen. Alles nach innen saugen. Selbst zurücktreten. Drei Tage mit dem Schreiben gequält. Komplizierte Stahlkrise begreifen. Als die Seite fertig war – Fieber, Schlaf. Zu viel Aufwand wieder einmal? Etwas Lächerliches daran? Es ist schwer, über Betrieb, Streik, Krise, Arbeiter zu schreiben: entweder zu trocken (meist) oder Nähe zum Proletkult. Eigentlich habe ich am meisten die Trance gefühlt, in der die Leute waren: den Zwang zum Warten. Entmündigung. Die Trance hat mich mit erfasst. Keine Lust, die Leute mit Fragen zu beackern. Möchte ihre Wahrheiten osmotisch erfahren und aus Nebensätzen!

5. Juli 1994

Auf dem Weg nach Sarajevo. Alle Geschichten für das gleichnamige Buch bei Elefantenpress noch einmal zu lesen – eine ungeheure Erfahrung. Habe ich das geschrieben? Erlebt? Wollte doch nie als Reporterin in einen Krieg fahren. Das Spiel mit den Emotionen hat mich hingetrieben: wen du lieben sollst, wen hassen. Lohn sind Kiko und Mikica Sarajlic, die Zuneigung, die Liebe.

8. Juli 1994

Deutlichkeit. Zlatomir P. zum Sarajevo-Buch: Du beobachtest und beschreibst sehr genau, aber eine Analyse machst du nicht. Ich: Dahinter steht als Leitfaden eine Analyse. Ohne sie würde ich nie diese Menschen finden. Und ich würde sie ganz anders befragen. Er: Eine Haltung steht dahinter. Aber du erklärst deine Kategorien nicht.

20. April 1995

Erotisches Verhältnis. Das habe ich zu meinen Texten, fiel mir jetzt auf. Bin von ihnen tagelang besetzt. Ich verlasse sie nicht, treibe mich in ihrer Nähe im Layout-Raum herum, bis Jürgen Holtfreter das Bild ausgesucht hat. Bis es eine „schöne Seite“ ist. Kann keinen neuen Text anfangen, bevor dieser nicht endgültig geboren ist.

10. Mai 1995

Nähe. Den Menschen an die Wäsche gehen – hautnah sein – unter die Haut gehen – Peinliches preisgeben – sie beurteilen. Ich mache es nicht. Hindert mich daran Erziehung zur Diskretion? Respekt? Will ich etwa meine Affinität zu den Leuten verstecken (wie Esther, die befreundete Psychologin, fragt)? Sie sollen sich selbst zeigen können.

13. August 1996

Taubheit bei Interviews. Stillstand des Hirns. Ich unterbreche selten. Horche nur. Meine Art des Zuhörens animiert offenbar zu langem Erzählen. Ich antworte oder frage mit Mimik. Widersprüche fallen mir erst beim Abschreiben der Bänder auf: Warum habe ich nicht gepiekst, nicht gestochert? Während der Gespräche unterliege ich der Logik der anderen. Stehe unter Bann. Vielleicht aus Dankbarkeit, dass sie erzählen (etwas preisgeben). Geschenke. Schlingensief konnte ich kaum unterbrechen (den ich für das Fernsehen von Alexander Kluge interviewt habe). Sein Redestrom. Welch ein Unterschied zum Gespräch im Zeit-Magazin paar Tage danach! Dort ironische Fragen, spitz. Und er geht auf sie alle ein. Plötzlich sehe ich seine Schwäche.

25. August 1998

Das Günter-Gaus-Geschenk. Zurück zur Reportage, nach zwei Jahren als Debatten-Redakteurin (Arbeit mit Autoren, die großes Wissen angesammelt haben. Einsame Leidenschaft. Mein Kampf gegen Politsprache, Kastensprache. Nur selten gelingt es, Dialoge zu stiften. Kultur der Monologe). Gaus’ Vorschlag, dem sich niemand widersetzt: Marina Achenbach soll den Wahlkampf in einer Serie beschreiben – aus der Provinz heraus. Habe Rostock genommen. Langsam wieder in Fahrt gekommen.

10. März 1999

Sprache der Linken. Es bildet sich eine vorsichtige Sprache heraus, mit der Marxisten in den Medien ihre Zweifel am kapitalistischen Markt anmelden (es wagen). Scheu und Widerwille gegen verbrauchte Begriffe. Bleibt’s durch die Zurückhaltung wie ungesagt? Oder wird so allmählich die neue, erfrischte politische Sprache entstehen? Im I Ging (das chinesische Buch der Wandlungen nach Richard Wilhelm): „Um Wirkung ausüben zu können, müssen die Worte eine Kraft haben; das können sie nur, wenn sie auf etwas Wirklichem beruhen, wie die Flamme auf dem Brennstoff.“

30. Oktober 2007

Ton. Am schwersten ist es jedesmal wieder, den Ton zu finden. Vor dem Beginn. Diesmal 90 Jahre Oktoberrevolution. Seit drei Tagen gehe ich mit dem Thema „schwanger“. Lese in herausgekramten 60er-Jahre-Geschichtsbüchern, nur kleinkarierter Krämergeist, missgünstig und grundsätzlich antikommunistisch. Und in Brie/Böhlke Russland wieder im Dunkeln von 1991, das mich kaum loslässt. Ihre harte Bilanz geht eben nicht aus dem a-priori-Antikommunismus hervor. Unterton ist Schmerz, Anteilnahme. Die Wohnung ist angefüllt mit Rufen, Schüssen, Menschenmassen, Not. Dinge, die nicht mit der Oktoberrevolution zu tun haben, liegen stumm um mich herum. Wie der Gleichgültigkeit gegen die sowjetischen Erfahrungen begegnen? Sie ­ignorieren oder frontal dagegen anschreiben? Der erste Satz wird den Ton vor­ge­ben.

29. Juli 2008

Offen lassen. Nicht so tun, als wäre alles gesagt, den Text nicht rund machen, sondern eher reizen zum Selbstdenken. Auch auf Gefahr hin, dass eine gewisse Unruhe aufkommt wegen der Defizite an Erzähltem. Etwaige Vorwürfe hinnehmen, dass etwas fehle, etwas, das niemand nachliefern wird, das jedoch die Leser selbst weiterdenken dürfen.

1. Januar 2009

Echoraum. Eine Auswahl aus meinen Reportagen für das Buch treffen. Dabei stellen sich diese 20 Jahre bedrängend vor mir auf (wie sie nennen?): Kapitulation der sozialistischen Welt. Die Aufbrüche und Enttäuschungen, soziale Demontage, Zerstörung Jugoslawiens, die Kriege der übriggebliebenen Weltmacht. Beschleunigung in allem, Ratlosigkeit. Wie schon oft bin ich jetzt wieder froh, dass ich durch den Freitag gezwungen war, fortlaufend neu eine Haltung zu den Dingen zu finden, auf Gedeih und Verderb, jede Woche. Musste nicht sprachlos bleiben. Das Wunder: So viele verschiedene Menschen sind „durch mich hindurchgegangen“! Bin ihnen dankbar. Zwischen ihnen und mir gab es Aufmerksamkeit, das (nach Sloterdijk) „älteste Glücksfluidum“ der Welt.

VZ hieß Volkszeitung, sie war eine Neugründung der DVZ (Deutsche Volkszeitung/die tat), die über 30 Jahre in Düsseldorf erschienen war und im November 1989 ihre Existenz für beendet erklärt hatte. Die Leser aber wollten die Zeitung in jener Umbruchzeit halten und spendeten unerwartet viel Geld, fast eine Million.

Den Aufruf hatte der Schriftsteller Dieter Lattmann verfasst, hatte das Konto eingerichtet und damit die Redaktion fast überrumpelt, eine vergessene Tat. Eine Handvoll Redakteure und Autoren der DVZ schufen im Januar 1990 in Berlin die neue Wochenzeitung. Ich gehörte dazu, weil ich im Herbst 89 unter dem Namen Maria Meister fortlaufend Berichte und Reportagen aus Ostberlin für die DVZ geschrieben hatte. Der Enthusiasmus, mit dem wir das Offene begrüßten, war grenzenlos. Die Arbeit fingen wir an mit dem Erlebnis, dass das nicht Vorhergesehene, das Fernliegende, das kaum die Fantasie festhalten konnte, geschehen ist. Ein Jahr wollte ich dem Projekt widmen, danach, so glaubte ich, würde ich wieder Dokumentarfilme machen, übersetzen, frei arbeiten. Durch die Fusion von VZ und Sonntag entstand der Freitag, die erste Nummer erschien am 9. November 1990. Die Herausforderung und der Reiz wuchsen.

Reportagen von Marina Achenbach aus 20 Jahren Freitag sind in dem erwähnten Buch versammelt: Echoraum. Umbrüche 1989-2009. Edition Der Freitag, Berlin 2009

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08:00 31.12.2009
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