Klimpern mit den Augendeckeln

Auf Abruf in "Hangar 2" Die Grünen jubeln über den Einbruch der Union

Jede Partei hält sich an ihrer Formel für die ersten Stunden fest. Bei den Grünen ist es diese: Jetzt sind die Großen am Zug. Immer wieder sagen es die erschöpften Promis, die auf die Bühne geholt werden und kurz zum Wahlvolk sprechen. Ansonsten verfolgen die Menschen auf der Berliner Wahlparty das TV-Programm wie Millionen es zu Hause tun. Alle, alle sind heute miteinander verbunden und sehen jetzt dieselben Tabellen, die in ihren Parteienfarben auf den Bildschirmen hoch wandern, nicht hoch genug oder viel zu hoch. Eine neue Farbe unter den altbekannten ist Dunkelrot, fast Aubergine. Sie beunruhigt die Grünen.

Die Grünen haben einen ehemaligen Hangar, heute Event-Center, am Flughafen Tempelhof gemietet. Junge Leute strömen hin, immer wieder begrüßen sich welche mit Umarmungen und einer bestimmten Freude, die aus den gemeinsamen Aktionen im Wahlkampf stammt. Es sind die Wahlhelfer, sie haben sich in erstaunlichem Maß engagiert. Die zweite Formel des Wahlabends gilt ihnen: Kämpfen lohnt sich. Und die dritte Formel heißt: Wir werden wieder Opposition. Die versammelten Wahlhelfer und jungen Anhänger der Grünen scheinen genau dazu bereit, fast als hätten sie auf diese Rolle lange gewartet, als gäbe sie ihnen neuen Schwung.

Als die ersten Prozentzahlen genannt werden - nachdem zuletzt noch die Spannung hochschnellt auf die Ankündigung hin, gleich werde man sehr überrascht sein -, als also die SPD als erste hellrot mit ihrem Ergebnis auf dem Bildschirm erscheint, da geht Jubel in diesem Saal der Grünen los. Erleichterung: kein Absturz des Partners. Dem folgt abrupt ein triumphales Johlen und Buhen über die nicht erfüllten Träume von CDU/CSU. Dann kommen schon sie selbst mit der grünen Säule, und die steigt ganz gut, besser als manche vielleicht insgeheim gefürchtet hatten. Der Jubel darüber bricht so ungehemmt aus, dass man für Sekunden ums Trommelfell bangt. Die gelbe Säule, die höher als die grüne steigt, erntet wieder Hohn, aber an den Stehtischchen, die mit grünen Folien locker umwickelt sind, begegnen sich auch manche frustrierte Blicke. Wieso hat diese unmögliche Partei mehr als wir? Und dann kommt noch die dunkelrote Säule, es ist ziemlich ruhig geworden im Hangar, das Ergebnis wird nur untereinander kommentiert: Gott sei dank weniger als wir. So sah es am Anfang aus.

Sektgläser und Bierbecher werden geholt und durch die Menge balanciert, die Handys gezückt. In den hell ausgeleuchteten Kabinen der großen Fernsehsender beginnt die Arbeit, da sitzen dicht hinter den Besuchern die stillen Mitarbeiter, dicke Kopfhörer über den Ohren. Doch die Grünen kommen im Fernsehen wenig vor an diesem Abend. Hin und wieder werden die TV-Übertragungen abgeschaltet, und die Gesichter der Funktionäre erscheinen, die hier auf die Bühne treten: Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke, dann Claudia Roth, Reinhard Bütikofer. Sie sind bleich, sie haben sich im Wahlkampf verausgabt, an diesem Abend wollen sie mit der letzten verbliebenen Kraft den Stolz auf die Leistung bestärken und die Stimmung anheizen. Claudia Roth: Ich bin gespannt, wie die Großen jetzt reagieren werden. Sie sind am Zug. Und wir sind am Zug mit der Ökologie, mit den Rechten aller Bürger, auch der Zuwanderer.

Als sich die Ergebnisse später noch ein wenig verschieben und die Linkspartei die Grünen überholt, tönt mir von der Seite ein Aufstöhnen ins Ohr: "Scheiße". Ein junger Mann im T-Shirt mit Che Guevara, der gebannt auf die Großleinwand starrt. Als Gysi interviewt wird, brechen auf einmal viele der Anwesenden auf, zu den Bierständen, zu anderen Stehtischen. Sie wenden sich ab, sie strafen mit Nichtbeachtung, ein wenig so wie früher im Bundestag Abgeordnete von den "großen Parteien", als die ersten Grünen auftraten, nur ist es gar nicht demonstrativ gemeint, eher eine intuitive Reaktion. Sie werden sich noch mit den Leuten der Linkspartei bei Aktionen begegnen und einen Stil für den Umgang finden müssen.

Irgendwann tritt auch Joschka Fischer auf, er klimpert mit den Augendeckeln wie selten, dankt, guckt ergeben auf seine Fans, die ihn mit ihrem Applaus auf der Bühne festnageln. Ja, diesen Leuten müssen sie danken, die alten grünen Matadoren. Sie geben der Partei eine neue Substanz, die vielleicht noch nicht definiert ist. Es scheint eine Frage der Kultur zu sein, wie an einem Grünen-Stand jemand am letzten Nachmittag vor der Wahl grübelte: Kulturell seid ihr mir ja am nächsten. Viele motiviert sicher ein Bewusstsein über die ungeheuren ökologischen Aufgaben, die anstehen und die sie am ehesten bei den Grünen aufgehoben glauben und hoffen.

Als BDI-Chef Jürgen Thumann im Fernsehen ganz unverhohlen seine Enttäuschung über das schwache Ergebnis von Schwarz-Gelb zugibt, ist in der Halle keine Reaktion zu bemerken - und DGB-Chef Sommer hört kaum noch jemand zu. Wirtschaftsmacht oder Gewerkschaften sind noch nicht im Radius ihrer Aufmerksamkeit angekommen.

Und Christian Ströbele, "unser Christian", wie Claudia Roth sagt? Der in Kreuzberg-Friedrichshain wieder als Direktkandidat angetreten ist wie vor drei Jahren, als seine Partei ihn nicht auf ihre Liste stellte, und er damals das einzige Direktmandat erkämpfte, das je einem Grünen zugefallen ist. Der Außenseiter und Kritiker vieler grüner Wendungen und Windungen in der Koalition - wie geht es für ihn diesmal aus? Die Auszählung der einzelnen Kandidaten dauert länger als die Hochrechnungen. Am nächsten Tag ist es klar: eine eindeutige Mehrheit von 43 Prozent honorierte es, dass sich einer seine eigene Stimme auch im Bundestag noch bewahrt hat.


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