Serbischer Oktober

TRIUMPH UND SKEPSIS Die Interpretationsmaschine läuft

Den Donnerstag nicht schon vergessen! Nicht das Erlebnis dieses Tages zu schnell zerschreddern lassen. Ab Mittag, sagt Maca Radovic am Telefon, habe sie gewusst: Heute passiert es. Woher hatte sie diese Gewissheit? Sie ist eine von jenen, die unzählige Male vergeblich gegen das Regime Milosevic durch die Belgrader Straßen zogen, oft in riesigen Menschenmengen, 1996 drei Monate lang fast ununterbrochen. Jetzt glaubte sie an die Entscheidung, als die Leute aus der Provinz kamen, die zur Großdemo mit Bussen angereist waren. Müde von der Fahrt, müde von dem ökonomischen Überlebenskampf, von der Perspektivlosigkeit. Diesmal würden sie nicht unverrichteter Dinge zurückfahren, fühlte Maca.

Wie sich dann im Lauf des Nachmittags und des Abends die Waagschale zugunsten der Opposition neigte, das war unglaublich. Milosevic hat keine Verbündeten mehr, hat seine Rolle ausgespielt, ist fallengelassen worden. Im Land selbst und rundum ist für Kriegsgewinnler nichts mehr zu holen. Der Balkan ist aufgeteilt. Hier ist nicht Platz zu erörtern, ob auch die internationale Politik ihn nicht mehr als Schurken braucht, ob die These vieler serbischer Oppositioneller stimmt, dass er nicht nur ein Produkt Serbiens war, sondern eine Funktion in ganz anderen, größeren Zusammenhängen erfüllte. Das ist aus, allen war es klar.

Darum konnte in der Nacht schon gefeiert wurde, überschwänglich. Zoran Solomun, ein nüchterner Mensch, der es vermeidet, Emotionen zu zeigen, ist bewegt und kann das nicht verbergen. Höchstens noch durch ein Lachen: "Ja, es stimmt schon, es ist ein historischer Moment. Nach zehn Jahren können wir aus der Sackgasse treten. Jugoslawien wird endlich ein normales Land." So wie alle, wie Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Bosnien, Kroatien. Sogenannte Transformationsländer, die sich dem kapitalistischen Markt ganz öffnen. Mit den Folgen einer sozialen Polarisierung, mit Chancen für die einen und persönlichen Niederlagen bis zur Dauerarbeitslosigkeit für die anderen, mit tiefen sozialen Abschürfungen. Alles wird ähnlich kommen wie schon überall in Südosteuropa. Kaum jemand hegt Illusionen, trotz der Hoffnungen. Es waren auch die Nachrichten aus den Nachbarländern über die deprimierende wirtschaftliche Lage ganzer Bevölkerungsteile, die die Anhängerschaft von Milosevic vermehrt hatten. Aber die serbische "Abweichung" vom allgemeinen Trend war nicht das Andere, Eigene, sondern die Ausplünderung durch eine mafiotische Machtclique. Alles was nun kommen kann, ist besser als das und als die Manipulation, Zermürbung und Schuld.

Hier in Deutschland aber mögen sich die Medien kaum von Milosevic trennen. Am häufigsten wird nach ihm gefragt: was wird aus dem Diktator? Geht ohne das Gegenbild des "letzten roten Tyrannen" etwas verloren? Zumindest etwas von der Aura der demokratischen Unschuld im Spiegel des Barbaren. Dennoch streckt man den Serben jetzt ostentativ die Hände entgegen, will großzügig helfen, auch im Wissen sicher, dass Teile der Milliardensummen wieder zurückfließen, in Form von Aufträgen an die westeuropäische Industrie, in Serbien Straßen, Brücken, Zuglinien, Kraftwerke, Telekommunikation zu erneuern oder zu bauen.

Fast alles war und ist voraussehbar, vermutlich sogar so ein Donnerstag. Und doch - ohne die Menschen, die sich in Bewegung setzten, hätte es die politische Veränderung nicht gegeben. Solche Ereignisse soll man festhalten im Gedächtnis.

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