Sie sind wieder die ersten, die ziehen müssen

Roma Wegen der Krise nehmen Diskriminierungen von Roma wieder zu – in ganz Europa. Ein kleines Café in Berlin ist Anlaufstelle für Versprengte aus vielen Ländern

Es betrübt ihn, dass nur negative Dinge über Roma in den Medien zu hören sind. „Nur schwarze Nachrichten, nichts, wo es Hoffnung gibt. Niemand spricht über Ideen, um die Lage zu verbessern. Immer sieht man uns in der Opferrolle.“ Slavisa Marković sitzt mit dunklen Augenrändern in einem kleinen Café, das er mit seinem Bruder Nebojsa in Berlin aufgebaut hat. Sie kommen aus Serbien. Ihr Café – auch Klub und Theater – ist in nur zwei Jahren zu einer Anlaufstelle für Roma aus ganz verschiedenen Ländern geworden, aus Spanien, vom Balkan, aus der Türkei.

„Schwarze Nachrichten“ sind in letzter Zeit aus Ungarn gekommen, Morde an Roma, Stimmenzuwachs für die rassistische, rechte Jobbik-Partei (s. der Freitag, 6. August 2009). Konflikte gibt es in Italien, höchst alarmierend ist, dass dort eine besondere amtliche Registrierung von Roma geplant wird. „Zigeunererfassung“ und andere Formen von Karteien und Dateien waren stets Vorstufen staatlicher Repressionen. In Irland hat – seit durch die Finanzkrise der Boom passé ist – der Kampf um Arbeitsplätze die Stimmung verdorben. Als erste werden Roma entlassen. In England meldet sich schon Gereiztheit: „Jetzt kommen die Gypsies aus Irland herüber.“ Sie würden bei den Bauern stehlen. Das alles entwickelt sich so schnell, dass kaum jemand mitkommt.

In Irland gab es kürzlich einen nächtlichen Überfall auf ein Quartier, eine Menschenjagd. In den Meldungen hieß es, die Aggression hätte sich gegen Rumänen gerichtet. Aber es waren Roma. Der soziale Konfliktstoff lädt sich rassistisch auf. Vielleicht waren die Betroffenen aus Rumänien, vielleicht nicht. Den Rumänen gefällt es seit Neuestem nicht, dass Roma ihrem Namen România so ähnlich klingt – sie wollen den Namen Zigeuner wieder offiziell zurückholen.

Immer wieder Rätsel

Hier in diesem sympathischen Berliner Café kann man Roma treffen, und die wiederum begegnen Nicht-Roma, die an Musik oder Gespräch und offener Atmosphäre interessiert sind. Slavisa Marković ist heute müde, erschöpft von den depressiv stimmenden Nachrichten und der Arbeit im Klub, vom Schreiben eines Theaterstücks, vom Kümmern um den 15-jährigen Sohn, von Schlaflosigkeit. Als diesen Mai einige Roma-Familien im Görlitzer Park von Berlin-Kreuzberg campierten, und die Polizei sie vertreiben wollte, war der Schauspieler als Dolmetscher gefragt und wurde zugleich Vermittler. Engagierte Leute verhalfen den Wohnungslosen vorübergehend zu einer Unterkunft im Künstlerhaus Bethanien. Als sie mit Mann und Maus dahin zogen, kam eine Frau aus einem kleinen Laden zu Slavisa, den sie irgendwoher kannte, und sagte ihm, was sie in diesem Moment eigentlich nicht gern sagte: dass zwei Roma-Frauen ihre Kasse gestohlen hatten und sie gerade die Polizei gerufen habe.

Slavisa wandte sich ans Oberhaupt der Gemeinschaft, der nach einigem Widerstreben versprach, sich darum zu kümmern. Wie es ausging, bekam Slavisa im Trubel nicht mehr mit. Das Sozialamt besorgte dann – auch vorübergehend – den Familien Platz in einem Heim am anderen Ende der Stadt, in Spandau. Nach einer Woche verließen sie es alle und waren wie vom Erdboden verschluckt. Vorher waren sie immer mehr geworden, es hatten sich weitere Roma mit der Begründung angeschlossen, sie gehörten zu diesen Familien, die dem nicht widersprachen. Die Sozialarbeiter standen immer wieder vor Rätseln.

Slavisa erzählt es gelassen. Er will darin keine besonderen ethnischen Eigenschaften sehen. Natürlich würde es Verhaltensmuster geben, die aus den speziellen Erfahrungen der Roma stammen. Erfahrung ist eines seiner Lieblingswörter, wenn es um ethnische Zuordnungen geht, gegen die er skeptisch ist oder genauer – allergisch: Selbst die gemeinsame Sprache ist für ihn ein Teil der Erfahrungen, die Menschengruppen verbinden und ihnen als kulturelles Merkmal anhaften. Es sind Prägungen, die alt sein mögen oder relativ neu und leicht als etwas Ererbtes wahrgenommen werden können, wenn man in diesen Kategorien denkt. Aber was sich derzeit an roma­­feindlichen Aktionen abspielt, sagt Slavisa, das sei zum Teil ein Problem der neuen Nationalstaaten, die nur widerwillig Minderheiten ertragen könnten. Nun aber käme in der Krise die Arbeitsmigration hinzu, heftig und ungebremst. Es beträfe nicht nur Roma. Die EU aber sei da völlig konzeptionslos. Als wäre damit nie zu rechnen gewesen.

„Roma sieht man nur und spricht über sie, wenn man sich über sie aufregt, weil sie irgendwo lagern. Wir sind nicht militant, davon sind wir fern, haben keine Terroristen, keine Bürgerwehren. Ein paar junge Leute haben gesponnen, eine Roma-Terrorgruppe zu erschaffen, die irgendwohin geht und dort ihre Spur hinterlässt. Dann wäre die Aufmerksamkeit da!“ Slavisa lacht spöttisch, aber auch vergnügt. „Es gibt bei uns kein Gefühl für Gruppengewalt. Roma tragen keine Gewehre ...“

Klischee vom Wandertrieb

Bei der EU finden Roma und Sinti einen gewissen Schutz. Sie bietet manchmal Rückendeckung, weil sie Minderheitenrechte formuliert, die Lage von Minderheiten eruiert und bei eklatanten Rechtsverletzungen mahnt. Das tut den Roma gut. Aber zugleich haben die EU-Institutionen Bedenken, halten sich lieber zurück, unter dem Vorwand: „Wir dürfen uns nicht in die nationalen Belange einmischen.“

Die ganze Verantwortung will sich die EU nicht aufladen, und so erleben Roma deren Politik wie ein Ping-Pong-Spiel, ein nicht berechenbares Hin und Her. Roma sind fast immer Bürger der Staaten, in denen sie – entgegen dem Klischee vom „Wandertrieb“ – meist sesshaft in Dörfern leben. Ein Teil ist staatenlos. Für sie wurde schon ein Europa-Pass vorgeschlagen.

Aber es hört nie auf, dass den Roma ganz besondere Eigenschaften angehängt werden. „Mythos, Kitsch“, sagt Slavisa unaufgeregt, aber im Grunde gereizt wegen der ewigen Wiederholung: „Roma sind genauso unterschiedlich wie Menschen überall, sind leistungsorientiert oder abenteuerlustig, fest im Familienverband oder nicht. In Ungarn, Rumänien und Jugoslawien sind aus der Generation, die einst gefördert wurde, etliche gut ausgebildete Techniker und Akademiker hervorgegangen. Sie wollen normal ihren Berufen nachgehen, ohne Stempel, aber wollen sich als Roma deswegen nicht aufgeben.“ Unter den jugoslawischen Gastarbeitern, die in der Bundesrepublik stets gelobt wurden als gut ausgebildet und so anpassungsfähig, waren viele Roma. Das entging ihren deutschen Kollegen. Eine Chance blieb ungenutzt, Klischees in Luft aufzulösen.

Aber Roma haben eine lange Geschichte. Und wer will sagen, was sie von dieser Geschichte bis heute mit sich tragen. Die Sanskrit-Sprache Romanés haben sie auf auf jeden Fall bewahrt, trotz der vielen Verbote. Sie gibt auch Auskunft über ihre langen Wege, die sie seit Jahrhunderten genommen haben, seit ihrer Flucht vor Kriegen aus dem indischen Rajasthan. Indira Gandhi hat sie als verlorenes Volk Indiens anerkannt. Es gibt nur wenige wissenschaftliche Forschungsstätten über sie, dabei leben sie fast überall, selbst in Brasilien, wohin sie als Sklaven verschifft wurden, in Australien und in den USA, in Nordafrika, oft unerkannt oder sich nach außen hin verleugnend. Überall liebt man mehr die Mythen als das klare Wissen über sie.

Während dieser Text entstand, lief in einem Kino am Rand von Berlin ein Thriller aus den USA – Drag Me to Hell: Eine junge Bankangestellte in L.A. wird von einer geheimnisvollen Zigeunerin verflucht, weil sie ihr einen Kredit verweigert. Dieser unheimliche Fluch trägt einen Horrortrip von ganzer Filmlänge.

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05:00 20.08.2009
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Ausgabe 43/2021

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